Ausgabe 09/25

Linsen, Nüsse und am besten von hier!

Anne Brockmann


«Die Spaltung unserer Gesellschaft zeigt sich auch auf unseren Tellern, beim Essen», sagt Britta Klein. Die Agrarwissenschaftlerin arbeitet beim Bundeszentrum für Ernährung, einer nachgeordneten Behörde des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. In Ernährungsfragen nimmt sie zum einen diejenigen wahr, die vehement darauf pochen, dass einfach alles so bleibt, wie es ist – ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die den Wandel vorantreiben, Trends setzen, Trends nacheifern. Ihre Motive sind ganz verschieden. Mit dem Thema Essen verbunden werden die Themen Gesundheit, Schönheit, Fitness, Klima, Ethik. Klein hat beobachtet: Die meisten Trends sind kurzlebig. Die Zukunft unserer Ernährung hält sie für so unbekannt wie die Zukunft selbst: «Wir können nicht sagen, wie unsere Ernährung in 20 Jahren aussehen wird, aber wir können sagen, wie sie nach dem heutigen Kenntnisstand der Wissenschaft aussehen müsste, um gesund und umweltfreundlich zu sein.»

Im Wesentlichen sind es drei Grundsätze, an die wir uns halten müssen, um uns selbst und die Welt um uns herum durch unsere Ernährung gesund zu erhalten. Und die sind gar nicht allzu modern: Weniger Fleisch. Mehr Produkte von hier. Weniger in die Tonne. 

Paradigmenwechsel
 

«Pflanzenbetont» nennt Klein die Ernährungsweise, die Mensch und Umwelt guttun würde. «Das bedeutet nicht, total auf Fleisch und Milchprodukte zu verzichten. Es bedeutet, viel Obst, Gemüse, Getreide und Nüsse zu sich zu nehmen», erläutert sie. Nüsse hält sie für unterschätzt. Sie kämen hauptsächlich als gesalzener Erdnusssnack oder in Form von Süßigkeiten oder Brotaufstrichen in unserem Alltag vor. Roh seien sie dagegen ein wahres Wunderding. Problematisch nur, dass Deutschland den Großteil der Nüsse, die hier gegessen werden, importieren muss, weil es selbst kaum welche produziert – meist sogar aus Übersee, nur in kleinen Mengen aus Europa. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt derzeit bei fünf Kilogramm pro Jahr. Klein sagt: «Mehr wäre besser. Sie sind echte Nährstoffpakete.» Dann aber bitte nicht die exotischen Cashews wählen, die tropisches Klima brauchen und hier nicht wachsen können. Besser heimische Pflanzen wie Mandeln, Wal- und Haselnüsse.

Der Fleischverzehr sollte höchstens bei 300 Gramm in der Woche liegen. Sie sieht es die aktuelle Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) vor. «Die wurde zuletzt vor etwa neun Monaten aktualisiert», weiß Klein. Dabei hätte es einen kleinen Paradigmenwechsel gegeben. «Die Empfehlungen basieren mehr auf sogenannten agronomischen Abhängigkeiten. Das heißt zum Beispiel, wenn Menschen Milch trinken wollen, dann fällt automatisch auch Rindfleisch an. Hat man bisher noch Geflügel empfohlen, so hat man die Empfehlung genau deshalb auf Rind umgestellt. Außerdem hat man auch in den Blick genommen, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden, welches Futter zum Beispiel verwendet wurde, wie sich die Produktion auf die Umwelt auswirkt.»

Bedarf versus Manpower und Know-How
 

Ein Blick auf den Selbstversorgungsgrad, den wir derzeit in Deutschland haben, verrät, dass zum Teil Welten zwischen den einzelnen Nahrungsmittelgruppen liegen. Der Selbstversorgungsgrad gibt an, in welchem Umfang die Erzeugung der heimischen Landwirtschaft den Gesamtverbrauch decken kann. Im Durchschnitt lag er in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren bei 83 Prozent. Während wir die Menge an benötigtem Zucker mit 155 Prozent über die Maßen decken konnten, gelang dies bei Obst und Gemüse nur zu 20 beziehungsweise 37 Prozent. Klein hält innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre nur eine moderate Steigerung dieser Werte für realistisch. «Zum einen fehlt es auch in der Landwirtschaft an Personal und zum anderen müssten auch praktizierende Landwirte neue Kenntnisse erwerben. Jemand, der bisher Zuckerrüben angebaut hat, kann nicht einfach auf Linsen umsteigen.» Und auch andere Faktoren wie Bodenbeschaffenheit und Regenmengen müssten passen.

Keine Wertschätzung ohne praktischen Bezug
 

Unabhängig davon, ob Fleisch, Milch, Obst, Gemüse oder Getreide, ob importiert oder von hier – eines sollte immer gegeben sein: die Wertschätzung gegenüber den Nahrungsmitteln. Da sieht die Agrarwissenschaftlerin zunehmend Luft nach oben. Viele hätten den Bezug zu den Produkten fast gänzlich verloren. Klein erinnert sich an eine Umfrage, wonach 15 Prozent aller Menschen in Deutschland sich vorstellen könnten, vollständig von angereicherter, aromatisierter Trinknahrung zu leben. «Das hat mich wirklich schockiert. Ich glaube, was das angeht, leisten die Waldorfschulen wichtige Arbeit mit ihren Landwirtschaftspraktika», sagt Klein.

Wie offen Menschen für Aspekte wie Regionalität, Saisonalität und Naturbelassenheit sind, hängt oftmals auch von ihrer wirtschaftlichen Situation ab. Laut einer Studie von Nestlé schätzen die Menschen in Deutschland ihre finanzielle Lage momentan deutlicher schlechter ein als in den Erhebungen zuvor. Das hat zur Folge, dass bei Kaufentscheidungen der Preis wieder ausschlaggebend ist. Die Zukunft unserer Ernährung bleibt also unwägbar.

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