Bild links: Ein Zehntklässler schuf ein Klavier, angeregt wurde er durch das Gedicht Mein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler.
Bild rechts: Eine Schülerin ließ sich von dem Gedicht En el air/In the Air von Nancy Hünger zu dieser Installation anregen.
Zitat: «Nach der Lektüre werden Schüler:innen als Künstler:innen, Szenograf:innen und Kurator:innen kreativ und eröffnen die Ausstellung für Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse.»
Das Spiel mit den Worten zwischen den Buchdeckeln schafft Bilder. Aus Bildern wachsen Welten, in die Menschen eintauchen können: Sie lassen sich erleben, durchwandern und das Erlebte später reflektieren oder als intimes Geheimnis bewahren. Wenn Literatur im Deutschunterricht nicht zum reinen Lerngegenstand degradiert wird, gibt es zahlreiche motivierende Zugänge – dazu gehören auch Literaturausstellungen im Klassenzimmer. Dabei geht es nicht um die üblichen Steckbriefe und Poster zu Autor:innen und ähnlichem, sondern um die Auseinandersetzung mit Literatur als Kunstwerk und ihre Inszenierung. Literatur kann als Installation neu entstehen, neu interpretiert werden und durch Kuratierung, Zusammenstellen und Neuordnen literarischer Kunstwerke im Ausstellungsraum wirken – etwa als Szenografie wie in einem Museum, zum Beispiel im Museum Wolfram von Eschenbach südlich von Ansbach, im derzeit im Umbau befindlichen Buddenbrookhaus in Lübeck oder – wie im zweiten Beispiel dieses Textes – in der Waldorfschule in Kakenstorf/Nordheide.
Das Klassenzimmer wird Museum
Nach der Lektüre und einer ersten Auseinandersetzung werden Schüler:innen als Künstler:innen, Szenograf:innen und Kurator:innen aktiv und kreativ und eröffnen die Ausstellung für weitere Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse.
Der Philosoph und Kurator Daniel Tyradellis formuliert dazu: Ein Museum ist «ein einzigartiger Ort, an dem Dinge zu erfahren sind wie nirgends sonst», Museen seien «Labore des Sozialen». Das Klassenzimmer oder andere Ausstellungsorte werden so zu Experimentier- und Erlebnisräumen, aber auch zu Räumen des Austauschs. Kontroversen und Diskussionen unter Schüler:innen, Besucher:innen und anderen sind ausdrücklich möglich; produktive Provokationen sind Teil des Konzepts, wie es die Kuratorin und Szenografin Verena Zeissig vorgemacht hat. Naheliegend ist zudem, Kataloge oder Ausstellungskritiken zu verfassen, die sich mit den kuratierten literarischen Werken beschäftigen und dabei begründete Positionen oder neue Erkenntnisse reflektieren. Denn Ausstellungen schaffen durch neue Ordnungen neue Perspektiven und können produktiv an gewordenen Selbstverständlichkeiten kratzen, wie Zeissig betont.
Zwei Ausstellungen aus der Praxis
Auf der Fachtagung Deutsch für Waldorflehrkräfte im vergangenen Jahr fand hierzu ein Kurs statt, in dem spannende Objekte, Szenografien sowie eine Videoinstallation entstanden sind. Im Anschluss setzten sich die Kolleg:innen intensiv mit den Potenzialen für den Unterricht auseinander. In der Folge der Fachtagung entstanden zwei Ausstellungen an der Annie Heuser Schule Berlin und in der Waldorfschule in Kakenstorf/Nordheide.
Die Poetik-Epoche in der zehnten Klasse ist eigentlich keine Deutsch-Epoche; sie gehört zur Kunstbetrachtung, in der Schüler:innen Lyrik schreibend, erlebend und fragend begegnen dürfen. Wer jedoch schon einmal – meist unfreiwillig – mit Metrum, Reim und Metaphorik zu tun hatte, weiß, dass die Gestaltungsanalyse in der Schule oft nicht über das Aufzählen von Begriffen hinauskommt, obwohl Gestaltungsmittel erst in ihrer Wirkung für die Interpretation fruchtbar werden. Daher gilt das «Verstehen» von Gedichten vielen Schüler:innen als Herausforderung. Nicht selten landen Gedichte dann in der Schublade: «Verstehe ich nicht!» und folglich «Brauche ich nicht!». Wie schade, denn gerade Gedichte können so viel mehr: Sie können Menschen ansprechen, begleiten, lange nachklingen. «Verstehen» beginnt dort, wo das eigene Menschsein berührt wird; alles andere bleibt analytisches Beiwerk.
Das «Gedicht-Interview» als Einstieg
Fruchtbarer kann es daher sein, einem Gedicht zunächst anders zu begegnen – über Fragen wie: «Wenn das Gedicht eine Farbe wäre, welche wäre das?», «Welche Temperatur hat das Gedicht?», «Wo gibt es harte, wo weiche Stellen?» und weitere. Solche Fragen stellten die Schüler:innen der zehnten Klasse an der Annie Heuser Schule in einem fiktiven Gespräch einem selbst gewählten Gedicht, das zuvor aus einem Wäschekorb voller Lyrikbände vom Mittelalter bis zur Gegenwart ausgesucht worden war. Dieses «Gedicht-Interview» diente der Vorbereitung einer Ausstellungsarbeit, die in den folgenden Stunden entstand. Die Schüler:innen erstellten jeweils eine Installation zu ihrem Gedicht mit Materialien wie Papier, Zeitschriften, Landkarten, Holzresten, Farben, Stiften, Stoffen, Schnüren, Glasflaschen und Gipsbinden. Dabei konnten sie frei wählen, welchen Aspekt sie aufgreifen und sichtbar machen wollten. Manche legten sofort los und formten aus Zeitung und Gips große Objekte, andere schnitten kleine Fusseln und Papiere zurecht, falteten, machten aus Schafwolle eine Schneedecke oder nahmen sich der Glitzerknete an, um Planeten herzustellen. Wieder andere saßen zunächst vor ihrem Gedicht und wussten erst einmal nicht, wie sie anfangen sollten. Mit Geduld und Unterstützung entdeckten sie dann doch ein Motiv, das ihnen gefiel, und entwickelten daraus eine umsetzbare Idee.
Deutschunterricht als Werkstatt: Der Prozess zählt
Das Klassenzimmer wurde so zu einer poetischen Werkstatt, in der nicht geschrieben wurde, sondern die künstlerische Aneignung eines Gedichts im Mittelpunkt stand. Entscheidend war damit nicht das fertige Objekt und nicht die am Ende entstandene Ausstellung, sondern der Deutschunterricht als Explorationsraum. Dieses Entdecken lässt sich im besten Fall bis zur Gedichtanalyse mittragen: Dann kann auch der Interpretationsaufsatz als Ergebnis eines selbst gestalteten Lektüreprozesses verstanden werden – als Gang durch einen Ausstellungsraum, der neue, individuelle Perspektiven auf ein Gedicht eröffnet.
Parzival ausstellen: Mittelalter trifft Gegenwart
Jede Parzival-Epoche ist ein Geschenk. Die Möglichkeit, mittelalterliche Literatur mit modernen Themen der Adoleszenz in Verbindung zu bringen, eröffnet eine Weltbegegnung besonderer Art. Oft ist die Brücke in die Gegenwart schnell beschritten, weil Schüler:innen bereits beim Lesen oder Hören der Geschichte spüren, dass dort etwas Wertvolles angelegt ist, das der Unterricht freilegen kann. Für Unterrichtende besteht die Aufgabe darin, diesen Schatz zu heben und das still Klingende ins Hörbare zu verwandeln. Die Parzival-Epoche an der Waldorfschule in Kakenstorf/Nordheide begann mit einer ersten Begegnung und leisen Auseinandersetzung mit dem Text sowie dem Ausblick auf eine Literaturausstellung. Parzivals Lebensweg entstand als in sich gewundener Zeitstrahl, als Schaubild im Klassenzimmer. Um der Erzählung gerecht zu werden und Besuchenden Nachvollziehbarkeit zu ermöglichen, orientierte sich der Aufbau der Ausstellung an diesem Lebensweg: von der tumbheit (Tölpelhaftigkeit) über den zwîfel (Zweifel) zur saelde (Glück, Glückseligkeit). Diese Begriffe wurden zu wortwörtlichen Wegweisern in der Ausstellung. Durch den Flur vor dem Klassenzimmer führte der Weg durch die Gahmuret-Aventiuren (die Abenteuer von Parzivals Vater Gahmuret); beim Durchschreiten der Tür befanden sich die Besucher:innen im grünen Licht der Soltane (der abgelegene Wald, wo Parzival erzogen wird). Der vorgegebene Ausstellungsweg leitete durch die Bereiche der tumbheit und des zwîfel. Vorbei an einem großen Baugerüst, das durch Licht und Tücher zur erhabenen Gralsburg umgewandelt wurde, gelangte man zu Exponaten der Selbstbegegnung und Selbstreflexion am Plîmizoel (dem Fluss, der Parzivals Sehnsucht symbolisiert). Der Weg endete in einem schmalen Gang hinter der Gralsburg, in dem übergreifende Fragen als eine Art Epilog in Exponate übersetzt wurden.
Ein Schüler widmete sich beispielsweise Ithers (und später Parzivals) roter Rüstung. Leitfrage war, wie heute Inneres und Äußeres durch eine Rüstung geschützt werden. Im Exponat fanden sich Verweise auf Materialismus durch Spielgeld und weitere Statussymbole; dazu Moosfetzen, die aus der Rüstung lugten und innere Kindlichkeit offenbarten. Eine Elster aus dem Prolog war in die Rüstung eingearbeitet und stand für das Ringen zwischen richtigen und falschen Lebensidealen.
Eine andere Schülerin verbannte eine Barbie-Puppe in einen Käfig und ließ einen Ritter heranreiten. Auf das Gesicht der Puppe klebte sie das Abbild der Berliner Rapperin Ikkimel und spielte den Song Who’s that dazu ab. So entstand eine bewusste Provokation durch Vergleich und Gegenüberstellung heutiger feministischer Kämpfe mit dem Frauenbild des Mittelalters. Die Inszenierung stellte die Frage, wie Parzival reagieren würde, wenn ihm statt eines in Anmut glänzenden Burgfräuleins eine selbstbewusste Künstlerin begegnete, die auf vulgär-derbe Art die Wut junger Frauen ausdrückt und verkörpert.
Ein weiteres Exponat zeigte zwei aufeinander zustürmende Ritter als Figuren aus Pappe: Parzival und Feirefiz. Beide wurden so inszeniert, dass das Licht einer bewusst platzierten Lampe ihre Schatten überlagerte, bis sie zu einer Figur wurden und «sich im anderen» fanden. Der Kampf erschien so als Begegnung mit sich selbst.
Insgesamt erarbeiteten die Schüler:innen 27 Exponate, die die Geschichte Parzivals nahezu vollständig abbildeten. Anhand der Exponate war es möglich, die Erzählung nachzuvollziehen, wahrzunehmen und die Übertragung ins persönlich Künstlerische und Gegenwärtige zu reflektieren. Das Feedback von Eltern und Schulgemeinschaft war überwältigend: hohe Besucherzahlen und viele wohlwollende Einträge im Gästebuch. Auch die Eröffnung der Ausstellung zwei Tage vor Beginn der Weihnachtsferien glich einem echten Epochenfinale – passend zu Wolframs Werk.
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