Ausgabe 09/26

Live-Schalte ins Eis

Maike Denk
Zusammen mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer und 80.000 Schüler:innen aus der ganzen Welt reiste die siebte Klasse aus Dietzenbach per Videoschalte in die Antarktis. Bildquelle: Maike Denk
Holzwerkstatt. Bildquelle: Maike Denk

«Stellt euch vor, es ist zwei Uhr morgens und die Sonne geht bereits auf. Es ist so still, dass man nur das Knacken des Eises hört – bis ein Pinguin wie ein Esel zu schreien beginnt». Diese Eindrücke brachten die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Wissenschaftler des Forschungsbootes Malizia Explorer direkt in das Klassenzimmer der siebten Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Dietzenbach.

Zu Beginn schilderte Luisa Neubauer den antarktischen Sommer. Nach schönen Beschreibungen der extremen Helligkeit und der faszinierenden Tierwelt – von Buckelwalen bis hin zu den «Eselpinguinen», die sich zur Paarung Kieselsteine schenken – wurde es schnell ernst. Denn die Stille in der Antarktis täuscht. Immer häufiger hört man das «Kalben»: Riesige Eisbrocken brechen von der Wand ab und stürzen ins Meer. Ein deutliches Zeichen der Erwärmung in einer Region, die eigentlich Temperaturen bis zu minus 89 Grad Celsius erreicht.

Pauline, eine Schülerin der siebten Klasse, stellte hinterher fest: «Durch den Klimawandel schmilzt immer mehr Schnee und immer mehr Wasser fließt ins Meer. Dadurch wird der Salzgehalt im Meer gesenkt, das hat wiederum für manche Tiere und Pflanzen schwerwiegende Folgen.» Christian, ihr Klassenkamerad, ergänzte: «Für die Eselpinguine ist das nicht so schlimm, denn sie leben auf den Felsen. Aber für andere Pinguinarten ist es schlimm, denn sie leben auf dem Eis und verlieren ihren Lebensraum.»

Die Antarktis als «Klimaanlage» der Erde
 

Die Antarktis ist kein ferner Eisklumpen, sondern die «Klimaanlage» unserer Erde. Die Schüler:innen lernten, dass die weißen Flächen wie ein Spiegel wirken. Sie werfen bis zu 90 Prozent der Sonnenstrahlung zurück ins All und kühlen so den Planeten.

Doch das Eis hat noch weitere lebenswichtige Funktionen. Wenn Wasser gefriert, sinkt schweres, salzhaltiges Wasser in die Tiefe. Dies treibt die globalen Meeresströmungen an, die auch das Wetter in Europa stabil halten. Zudem ist die Antarktis unser größter Wasserspeicher. Rund 90 Prozent des weltweiten Eises lagern hier. Würde allein der westantarktische Eisschild schmelzen, stiege der Meeresspiegel um drei bis fünf Meter – bei der gesamten Antarktis wären es sogar über 50 Meter. Die Botschaft der Expert:innen war klar: Schmilzt das Eis, gerät ein Teufelskreis in Gang. Dunkles Meerwasser kommt zum Vorschein, schluckt die Sonnenwärme und lässt das restliche Eis noch schneller schmelzen. Ellinor, ebenfalls Schülerin der siebten Klasse, stellte am Ende der globalen Unterrichtsstunde fest: «Ich habe in diesem Videocall sehr viel über die Antarktis gelernt, was ich vorher nicht wusste. Ich fand es toll, dass wir so etwas gemacht haben.»

Vom Gespräch zur eigenen Tat
 

Eingebettet war die Teilnahme am Globalen Klassenzimmer in den wöchentlich stattfindenden Projekttag der siebten Klasse, der unter dem Leitmotiv «Verantwortung lernen» steht. Ziel dieses Projekttages ist es, junge Menschen für gesellschaftliche und ökologische Themen zu sensibilisieren und ihnen zugleich zu zeigen: Ihr könnt etwas bewirken. In einer Lebensphase, in der sich der Blick der Jugendlichen zunehmend weitet, ist es das pädagogische Anliegen, Verantwortung nicht nur als abstrakte Forderung zu vermitteln, sondern praktisch erlebbar zu machen.

Der Projekttag gliedert sich in zwei Bereiche, die sich ergänzen: den handwerklich-praktischen Werkunterricht und die freie Projektarbeit, jeweils in vier zusammenhängenden Unterrichtsstunden. In der freien Projektarbeit setzen sich die Schüler:innen mit globalen Herausforderungen wie Klimaschutz, Frieden, Tierschutz oder dem Einsatz gegen Rassismus auseinander – Themen, die sie bewegen. Sie diskutieren, hinterfragen und entwickeln Ideen, wie sie mit ihren eigenen Fähigkeiten einen Beitrag leisten könnten.

Auf dieser Grundlage entwickeln die Jugendlichen eigene Projekte, einzeln oder im Team. Mit Kreativität und gegenseitiger Unterstützung entstehen viele Vorhaben. Einige Schüler:innen haben zum Beispiel regelmäßige Bastelangebote für jüngere Kinder an der Schule angeboten, andere haben einen Hundesitting- und Gassiservice in der Nachbarschaft aufgebaut. Wieder andere drehten einen Film über Müllverschmutzung in der Umgebung, und eine weitere Gruppe produzierte ein Social-Media-Reel gegen Rassismus mit selbst gestalteten Comicfiguren und veröffentlichte es auf Instagram.

Sich selbst entdecken – als gestaltende Persönlichkeit
 

Im handwerklich-praktischen Werkunterricht realisieren die Schüler:innen ein Klassenprojekt. Sie entwerfen und gestalten bewegliche Sitzbänke für das Schulgelände. «Im Verlauf dieser Projektarbeit übernehmen die Jugendlichen Verantwortung auf verschiedenen Ebenen: für das Material, indem sie Holz sorgfältig auswählen, bearbeiten und schützen; für Maß und Präzision, denn nur genaues Arbeiten führt zu Stabilität und Sicherheit; und vor allem füreinander, da das Projekt nur durch Zusammenarbeit, Absprachen und gegenseitige Unterstützung gelingt», erläutert Werklehrer David Jünger.

Abschließend zeigt sich: Die Schüler:innen sind gewachsen. Sie haben praktische Erfahrungen gesammelt, Verantwortung übernommen und erlebt, wie viel sie gemeinsam – und auch allein – erreichen können. 

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