Film

Märchen und Fabeln von Lotte Reiniger - ab 9

Kolumne Knilli

Schon als Kind begeisterte sie sie sich für das Theater und für die neueste aller Künste, das Kino. Lotte besaß eine lebendige Vorstellungskraft und handwerkliche Geschicklichkeit. Mit einer kleinen Schere schnitt sie Figuren aus schwarzem Karton und lud zu Schattentheater-Vorstellungen. Mit der Großmutter ging sie regelmäßig in Lichtspiele.

Als junge Frau wollte Reiniger dann zum Film. Ein Umweg über das Theater führte unverhofft rasch zum Ziel. Als Schauspielschülerin fertigte sie Silhouetten-Portraits von Bühnenfiguren mit der ihnen typischen Gestik. Diese Scherenschnitte faszinierten Star-Regisseur Paul Wegener so, dass er ihr 1918 den ersten Filmauftrag erteilte: die Gestaltung der Schrifttafeln für einen Stummfilm als Scherenschnitt-Trick. Lotte Reiniger hatte ihre Lebensaufgabe gefunden! Von 1919 an gestaltete sie als Regisseurin mehrere Dutzend einzigartiger Silhouetten-Filme. Ihre Themen fand sie in Märchen, Fabeln und Opernlibretti. Die Protagonist:innen und Dekors, die sie schuf, zeichnen sich durch filigrane Anmut und humorvolle Überzeichnung aus. Mit dem Silhouetten-Film Die Abenteuer des Prinzen Achmed wurde Reiniger 1926 berühmt, ihr gelang der erste abendfüllende Trickfilm der Geschichte.

Faszinierend einfach war die Technik, die zur Anwendung kam. Reiniger entwarf die Figuren und Schauplätze und zeichnete ein Storyboard. Die Figuren schnitt sie aus freier Hand aus schwarzem Karton, zerlegt in viele Einzelteile. Überall da, wo sie Bewegung wollte, verband sie zwei Gliedmaßen mit dünnem Draht zu einem Gelenk. Sie muss eine sehr genaue Beobachterin gewesen sein. Egal ob Mensch, Tier oder Fabelwesen: durch die differenzierte Gestaltung des Profils, der Körperteile, des Kostüms und durch die jeweilige Eigenart der Bewegung schuf sie einmalige Silhouetten-Charaktere. Die schwarzen Figuren und Vordergründe legte sie auf eine Glasplatte, auf eine zweite Glasplatte darunter die Hintergründe aus mehreren Lagen Transparentpapier. Beide Ebenen konnten unabhängig voneinander bewegt werden. Ganz zuunterst war die Beleuchtung. Eine fest montierte Kamera nahm von oben jede Bewegungsphase Einzelbild für Einzelbild auf. Wohlgemerkt, 24 Einzelbilder ergeben eine Sekunde Film!

Besonders sehenswert für Mädchen und Jungen ab neun Jahren ist die Märchenfilm-Serie aus den Jahren 1953/1954, zu finden in der DVD-Edition Die Klassiker von Lotte Reiniger, Märchen und Fabeln und im Streaming bei Vimeo. Es sind zehn Kurzfilme in Schwarz-weiß, die besonders viel Freude machen, wenn man die Märchen kennt und sich an Lotte Reinigers eigenwilliger Interpretation und ihrem außergewöhnlichen Handwerk erfreuen kann.

Bitte beachten Sie die Kurze Anleitung für einen gelungenen Filmnachmittag.

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