Zitat: »Wir erleben so viele Eltern, die die Konfrontation scheuen, weil die Kinder sich weigern. Und dann fehlen plötzlich fünfzehn Kilo, und keiner weiß, wo die geblieben sind.»
Erziehungskunst | Was ist Magersucht eigentlich genau?
Schößler | Anorexie ist immer ein übermäßiges und ängstliches Kreisen der Gedanken ums Essen, um den eigenen Körper, um Körperform und körperliches Erscheinungsbild. Und zwar in einer Intensität, die in der Tendenz alles andere verdrängt. In der Pubertät passiert ja ohnehin sehr viel mit dem Körper – das Äußere verändert sich oft schneller als das Innere es integriert und dann kommt eine Überforderung auf. Das Entscheidende ist der fehlende Halt. Oft ist dieses Denken verknüpft mit dem Wunsch, irgendetwas im Leben zu kontrollieren oder zu verändern. Und irgendwann ersetzt es alles, was eigentlich wichtig ist: Freundschaften, Freude, den Kontakt zur Familie. Das Ganze führt letztlich zu Einsamkeit und Einengung. Klinisch gehört zur Anorexie immer die Trias: Untergewicht, gedankliche Einengung und der Verlust von Lebensfunktionen – im engeren Sinne der weibliche Zyklus, aber eigentlich kann man sagen: der Verlust von natürlicher Vitalität, von Lebensrhythmus.
EK | Wie kommt es dazu? Gibt es typische Auslöser?
Schößler | Die Gründe sind immer vielschichtig. Es gibt nie den einen Grund, es ist immer ein Zusammenspiel. Oft gehören Entwicklungskrisen dazu: die Angst vor der Ablösung vom Elternhaus, ein Umzug, der Wechsel der Peergroup.
Dann Mobbing und seelische Verletzungen oder Traumata. Wobei ich mit dem Wort Trauma vorsichtig bin, das wird heute ja inflationär gebraucht. Wir sprechen lieber von Verletzungen und Entwicklungsdefiziten, die einen verletzlich machen. Und dann kann eine Kleinigkeit der Auslöser sein. Manchmal sind es unbedachte Worte von Eltern oder Ärzt:innen. Es ist gar nicht so selten, dass der Kinderarzt mal einen
Satz raushaut, der dann wie ein Schalter wirkt.
Kraus | Oder ganz körperliche Dinge: eine Zahnspange, mit der man einfach nicht gut essen kann. Eine Erkrankung mit Erbrechen. Plötzlich erlebt man den eigenen Körper als etwas, das nicht funktioniert, das nicht zu einem passt. Das kann ein Weckmoment für die Krankheit sein.
Schößler | Was aber immer im Hintergrund steht, ist eine oft lange Vorgeschichte. Diese Jugendlichen haben häufig eine extreme Überanpassung gezeigt – an reale oder auch nur vorgestellte Erwartungen. Sie bringen sich selbst unter hohen Leistungsdruck. Sie haben als Kinder oftmals wenig getrotzt. Und die Essensverweigerung kann man dann auch als eine Verweigerung verstehen: gegen eine Entwicklung, die schon länger nicht gut läuft. Wie ein inneres «So kann ich nicht groß werden». Das ist natürlich nicht so bewusst, aber es liegt etwas Richtiges darin.
EK | Das klingt, als würden Sie den Jugendlichen mit einer feinen Ehrfurcht begegnen.
Schößler | Unbedingt. Wir gehen davon aus, dass da eine Persönlichkeit mit einem gesunden Kern vor uns steht, die versucht, sich mit den Möglichkeiten zu verwirklichen, die sie hat. Jedes Symptom hat eine Berechtigung. Es muss so lange da sein, bis es verstanden und durch etwas Besseres ersetzt wird. Wir arbeiten sehr viel daran, zu schauen: Wer ist da eigentlich? Wer steht dahinter? Was möchte da raus?
EK | Was ist mit Social Media? Spielt das eine Rolle?
Schößler | Eine enorme. Die Jugendlichen sind stark an Zeittrends angebunden, die an uns Erwachsenen manchmal komplett vorbeigehen.
Fitnesswahn, Veganismus, Orthorexie – dieser Drang, nur noch Gesundes zu essen. Unter den Hashtags «Thinspiration» oder «Bonespiration» werden im Internet Magersucht oder Essstörungen verherrlicht. Diese Trends haben eine enorme Macht. Wir arbeiten das mit den Jugendlichen auf und sind immer wieder erschrocken, wie tief sie da schon drinstecken.
Kraus | Und die Algorithmen machen es ja nicht besser. Wenn man sich einmal damit beschäftigt, wird einem immer mehr davon angezeigt. Es entstehen Gruppen, gefährliche Dynamiken und als Eltern oder auch als Stationspersonal kriegt man das manchmal gar nicht mit. Das läuft unter der Hand, und das ist wirklich gefährlich.
EK | Woran merken Eltern oder Lehrkräfte denn, dass ein Kind in eine Essstörung abrutscht?
Kraus | Wenn das Kind sich zurückzieht, nicht mehr am Esstisch sitzen möchte, behauptet, es habe schon gegessen. Wenn das mal vorkommt, ist das normal. Aber wenn es sich häuft, in Kombination mit Gewichtsverlust oder auffällig mehr Sport, dann sollte man wachsam werden. Es gibt Sportarten, die das einfach nahelegen: Wir sehen hier bei uns überproportional viele Ballettmädchen oder Cheerleader. Manchmal ist auch eine plötzliche Kochfreude ein Anzeichen: Die Mädchen bekochen die ganze Familie, essen selbst aber nicht. Oder sie bestehen darauf, sich komplett selbst zu versorgen, die Eltern haben dann keinerlei Einblick. Und wenn man sie beim Essen beobachtet: langsam, zerpflückt, mit dem Besteck wird viel hin- und hergeschoben, aber es kommt kaum was im Mund an.
Schößler | Aber Eltern sollten jetzt nicht anfangen, ihren Kindern auf den Teller zu starren. Das führt schnell in einen Kreislauf aus Sorge, Kontrolle und Konflikt. Das kann sogar einen sekundären Krankheitsgewinn erzeugen. Die Kinder kriegen auf diesem Weg plötzlich jede Menge Aufmerksamkeit. Besser ist es, zum Kinderarzt oder Hausarzt zu gehen und zu sagen: Ich glaube, das ist was Seelisches, aber ich will eine körperliche Kontrolle. Wiegen beim Arzt – nicht zu Hause die Badezimmerwaage rausholen. Die wird sonst Teil der Krankheit.
EK | Warum ist frühes Handeln so entscheidend?
Schößler | Weil Magersucht eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe ist. Sie hat eine höhere Sterberate als vieles, was man sonst kennt, zum Beispiel Leukämie. Und es gibt Langzeitschäden an Knochen, am Gehirn, an der Fruchtbarkeit – das sieht man den Frauen zwanzig Jahre später noch an. Es ist ein Riesenunterschied, ob man das im ersten Jahr erkennt und behandelt – oder ob es zwei, drei Jahre unentdeckt oder ungeheilt läuft. Je früher, desto besser die Heilungschancen. Deshalb mein klares Plädoyer, wenn der Verdacht naheliegt: Lieber einmal zu viel zum Arzt gehen als einmal zu wenig.
Kraus | Und der Kinderarzt ist ein niedrigschwelliger erster Schritt – viel schneller verfügbar als eine Psychotherapie, für die man oft monatelang auf einen Platz wartet. Zusätzlich sollten dann möglichst zügig ambulante Psychotherapie und vielleicht eine Erziehungsberatung dazukommen. Weil Eltern in diesen Konflikten oft instinktiv Dinge tun, die nicht wirklich helfen. Nicht aus bösem Willen – sie haben einfach keine Ahnung, und das ist ja auch normal. Das muss man erstmal lernen.
EK | Erzählen Sie von Ihrem Behandlungskonzept. Was passiert, wenn eine Jugendliche zu Ihnen auf die Station kommt?
Kraus | Erstmal ein Vorgespräch. Wir lernen uns gegenseitig kennen und schauen: Passt das, was die Familie sucht, zu dem, was wir bieten? Wenn ja, nehmen wir in der Regel relativ schnell auf. Auf Station ist der Tagesablauf stark strukturiert. Wir starten gemeinsam in den Tag, es gibt feste Essenszeiten, feste Bettgehzeiten, am Wochenende darf man vielleicht mal etwas länger schlafen. Dieses feste Gerüst tut den Jugendlichen gut – sie wissen, was wann passiert, sie hängen nicht so in der Luft.
Schößler | Das Essen wird begleitet durch Pflegekräfte, Therapeut:innen, Ärzte. Es liegt in der Verantwortung der Patient:innen, dass sie essen, aber wir sind dabei und spiegeln ihnen, was sie tun. Viele haben ja eine Verkennung: Sie denken, sie selbst üben Kontrolle aus. Aber in Wirklichkeit kontrolliert die Erkrankung sie. Wir übernehmen ein Stück weit den äußeren Rahmen und zeigen: Schau mal, an dieser oder jener Stelle bist du nicht mehr selbstbestimmt. Damit können sie sich auseinandersetzen und Schritt für Schritt wieder in eine echte Selbstverantwortung kommen.
EK | Und was ist das Besondere an Ihrem anthroposophischen Ansatz?
Schößler | Zwei Dinge. Erstens die therapeutische Geste: Wir wenden uns wirklich dem Körper zu. In der Psychosomatik passiert das erstaunlich wenig, obwohl es im Namen steckt. Aber wir haben einen geschulten Blick für den Wärmehaushalt, für den Bewegungsgestus, für den Verdauungszustand. Die Pflege begleitet das bei uns mit Wickeln, rhythmischen Einreibungen, Massagen – so dass das Körpererleben wirklich ernsthaft angesprochen wird. Denn auch eine Gesundung passiert am Körper. Zweitens war bei uns seit Gründung der Klinik die künstlerische Therapie zentral. Malen, Musik, Theater, Rhythmik. Das sind keine netten Zusatzangebote, das ist ein Kernstück. Die Jugendlichen erleben sich hier in einer Weise neu, befreunden sich miteinander auf eine Art, die trägt. Hinzu kommen heute natürlich auch konventionelle Bausteine: qualifizierte Einzeltherapie, Gruppentherapie, psychologische Diagnostik, soziale Kompetenzgruppe. Das ist einfach nicht mehr verzichtbar. Aber wir fügen es in unser anthroposophisches Grundkonzept ein, statt es wie andere Häuser im Baukastenprinzip danebenzustellen. Und wir haben eine Schule für Kranke mit sehr guten Sonderpädagog:innen, die Schulschwierigkeiten klären und den Anschluss zu halten helfen. In der Visite sitzen wirklich alle Disziplinen zusammen – demokratisch, gleichberechtigt. Alle Lebensfelder kommen auf den Tisch.
EK | Wie lange dauert eine Behandlung?
Schößler | Realistisch mindestens drei Monate. Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, sind sie körperlich in einem Zustand, da fehlt es an allem. Die können kaum noch verdauen. Drei Monate sind realistisch. Wir wollen ja niemanden dauerhaft behandeln, sondern die jungen Leute wieder ins Leben entlassen.
EK | Wie viele und welche Patient:innen betreuen Sie?
Kraus | Wir haben zehn Behandlungsplätze, die vor allem von jungen Frauen genutzt werden. Männliche Patienten liegen deutlich unter zehn Prozent.
Schößler | Was sich auch verändert hat: Das klassische Bild der ehrgeizigen, hochbegabten, idealistischen Anorektikerin – die, die Welt retten will und darüber vergisst zu essen und ansonsten nur Einsen schreibt – das gibt es kaum noch. Heute sehen wir viel mehr depressive Erkrankungen, Jugendliche, die in ihren Familien keinen Halt spüren, die von Ängsten und fehlenden Lebensmotiven bestimmt sind. Vernachlässigungsschäden sind häufiger als konkrete Gewalterfahrungen. Und neurodivergente Veranlagungen wie Autismus nehmen zu – autistische Menschen haben oft Besonderheiten im Essverhalten und sind prädestiniert für Untergewicht.
EK | Die Klinik liegt mitten in einem Naturschutzgebiet. Spielt die Umgebung eine Rolle?
Kraus | Unbedingt. Wir versuchen einmal, zweimal im Monat die Station zu verlassen – soweit es körperlich möglich ist. Museum, Minigolf, ein Ausflug in den Wald. Das klingt banal, aber viele unserer Patient:innen haben ihre Interessen komplett verloren. Es geht ja immer nur ums Essen – wann, was, wie viel. Alles andere ist komplett ausgeblendet. Bei einem Museumsbesuch kann es sein, dass eine Jugendliche plötzlich merkt: Moment, ich hatte doch mal totales Interesse an Kunst. Und das lebt wieder auf. Oder es entsteht etwas ganz Neues.
Schößler | Wir haben eine vegetarische Bio-Küche, die wirklich gut ist. Wir leben in einer besonderen Architektur, bei der sich Menschen überlegt haben, was wir hier eigentlich wollen. Das klingt vielleicht nach Äußerlichkeiten, aber es hat eine Tiefenwirkung. Ich habe früher in großen Psychiatrien gearbeitet und bin nur hierher zurückgekommen, weil ich dachte: So etwas Schönes darf doch nicht einfach verschwinden. Das hat mit der Erfahrung des Teams zu tun, mit der Umgebung, mit dem, was hier gewachsen ist. Es ist mir nicht gelungen, das woanders nachzubauen.
EK | Wenn Sie Eltern eine Sache mit auf den Weg geben könnten – was wäre das?
Schößler | Trauen Sie sich, Klarheit zu schaffen. Wir erleben so viele Eltern, die die Konfrontation scheuen, weil die Kinder sich weigern. Und dann fehlen plötzlich fünfzehn Kilo, und keiner weiß, wo die geblieben sind. Scham spielt immer eine Rolle – auf beiden Seiten. Das führt zu Vertuschung, zu Lügen, zu sozialem Gift für die ganze Familie. Liebevoll in Objektivität bringen, das ist der Schlüssel. Gehen Sie zu Ärzt:innen. Lassen Sie wiegen. Holen Sie sich Unterstützung. Es kann eine Phase sein, ein Lifestyle-Thema, Liebeskummer. Es kann aber genauso gut eine lebensbestimmende, schwere Erkrankung sein. Das zu klären, sollte man denen überlassen, die damit Erfahrung haben.
Kraus | Und: Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Wenn Ihnen etwas merkwürdig vorkommt, dann ist es das meistens auch. Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig.
EK | Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Angelika Lonnemann.
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