Ausgabe 06/26

Mehr Jugendliche auf die Klimakonferenz!

Katrin Kühne
Die Teilnehmenden im Team Brasil hatten ihre Forderungen auf einem Plakat zusammengestellt. Bild: Freie Waldorfschule Jena

Geschäftiges Treiben auf den Fluren, junge Menschen in Businessgarderobe eilen von einem Raum zum anderen, hier und da finden schnelle Gespräche statt, dann schließen sich die Türen und die Köpfe in den Räumen laufen heiß. Es ist Klimakonferenz an der Freien Waldorfschule (FWS) Jena. Die Klassen der Oberstufe sowie vier interessierte Schüler:innen der achten Klasse verhandeln an einem Freitag Themen von globaler Tragweite: Strategien zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise, länderspezifische Roadmaps zur Verringerung von Treibhausgasemissionen, finanzielle Mittel für den dauerhaften Schutz tropischer Wälder, die Verteilung von Ressourcen für eine gerechte Transformation und Regeln für den internationalen Handel mit CO2-Zertifikaten.

«Unsere Idee war es, die UN-Klimakonferenz im schulischen Kontext nachzuspielen, um die Komplexität der Prozesse darzustellen und erlebbar zu machen», erklärt Tina Hallensleben, Lehrerin an der Jenaer Schule. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Friedrich Bohn entwickelte sie das Planspiel für die Oberstufe. Bohn bringt Erfahrung aus erster Hand mit: Seit fünf Jahren nimmt er als wissenschaftlicher Beobachter an der COP teil, sitzt in Verhandlungen und gibt bei Fragen wissenschaftlichen Input – insbesondere zum Zusammenhang zwischen Klima und Wald.

Während Hallensleben sich in der Vorbereitung auf das Pilotprojekt um Raumplanung, Technik und Organisation kümmerte, arbeitete Bohn die inhaltlichen Rahmenbedingungen aus: Sechs Ländergruppen – EU, China, arabische Staaten, Least Developed Countries (LDC), Alliance of Small Island States (AOSIS) und Brasilien als Gastgeber – sollten über sechs Themenfelder verhandeln und pro Thema ein Plakat mit fünf beschlussfähigen Handlungsvorschlägen erarbeiten. Eine Pressegruppe hatte die Aufgabe, über den Verhandlungsverlauf zu berichten sowie aktuelles Weltgeschehen in die Debatte einzubringen.

Für eine schnelle, realitätsnahe Kommunikation innerhalb der Länder sowie den Live-Presseticker richtete Hallensleben Chatgruppen beim Messengerdienst Signal ein. Einige Tage vor der «Konferenz» wurden die Klassen den Ländergruppen zugeteilt, sodass sie sich mit den einzelnen Positionen vertraut machen konnten. Bohn gab im Vorfeld noch einmal Einblicke in die echte Klimakonferenz, stellte Themen und Ablauf vor – und dann ging es los.

Stressige Verhandlungen

Der Tag begann mit der Wahl der Präsidentin des Gastgeberlands Brasilien. Anschließend wurden für jede Ländergruppe Rollen wie Minister:in, Zeitwächter:in und Moderator:in vergeben. Von Spielleiter Bohn erhielten die Länder Zielformulierungen für die einzelnen Themen, die sie in den Verhandlungen durchsetzen sollten. Die widersprachen sich teilweise und sorgten so für intensive Diskussionen.

«Bei den arabischen Ländern ging es eigentlich nur darum, Erdöl weiter fördern zu können», erzählt die Elftklässlerin Matilde. Sie verhandelte für die AOSIS die Tropical Forest Forever Facility (TFFF). Mit diesem Finanzmechanismus sollen waldreiche Länder von der Weltengemeinschaft dabei unterstützt werden, tropische Regenwälder zu erhalten – ein wichtiges Thema für die tropenreichen, aber finanzarmen Inselstaaten. «Wir mussten immer gucken, welches Land uns Geld zur Verfügung stellt», berichtet Matilde. Um die verschiedenen Projekte zu unterstützen, verfügte jedes Land über ein begrenztes Budget. Das sorgte neben den nervenzerreißenden Gesprächen für zusätzlichen Stress, wie Mia-Lou aus der zwölften Klasse schildert. Sie saß für die EU in der Verhandlung zum Kohlenstoffmarkt, also dem Handelsplatz für CO2-Zertifikate, und musste neben den Zielformulierungen zu diesem Thema auch die Verhandlungen ihrer Länderkolleg:innen im Blick behalten. «Da hieß es dann auf einmal, irgendjemand hat 80 Milliarden Euro für den TFFF zugesagt, obwohl wir als EU nur 40 Millionen in dieses Projekt investieren wollten – gleichzeitig wurde ich um jährlich 300 Millionen Euro angebettelt. Da habe ich richtig festgesteckt», fasst die Schülerin zusammen.

Intransparente Kommunikation

Während in den Themenräumen debattiert wurde, hatte das Presseteam alle Hände voll damit zu tun, an Informationen zu kommen – keine leichte Aufgabe, denn Journalist:innen sind in den Verhandlungen nicht vorgesehen. «Wir haben überall angeklopft und um Interviews angefragt, wurden aber meistens wieder rausgeschoben», berichtet Meena aus der zwölften Klasse. Der Live-Ticker musste dennoch befüllt werden. «Irgendwann haben wir die Moral dann etwas hintenangestellt – wir brauchten Artikel», sagt Leif aus Klasse 11. So entstanden ein paar reißerische Headlines wie «Brasilien behindert Transparenz auf der COP» oder «Die EU im Streit – ist eine Einigung noch möglich?». Berichtet wurde außerdem über die Frage «Lohnen sich erneuerbare Energien?» und über erste Klimaflüchtlinge, die nach Australien auswandern.

Diese Schlagzeilen hatten dann auch direkten Einfluss auf die Verhandlungen. «Gerade das Thema mit den Klimaflüchtlingen konnten wir als AOSIS-Gruppe gut nutzen, um die Ernsthaftigkeit unserer Probleme zu verdeutlichen», berichtet Matilde. Neben den hitzigen und zähen Diskussionen in den Themenräumen brachte der Presse-Ticker deutlich mehr Geschwindigkeit und Stress in die Jenaer Konferenz. «Das alles zu verarbeiten und zu integrieren, war echt hart», so ihr Fazit.

Mehr Menschlichkeit nötig

Am Ende musste sich jede Themengruppe auf fünf finale Formulierungen einigen – für manche eine schier unmögliche Aufgabe. «Wir haben über jeden Punkt mindestens 20 Minuten diskutiert und konnten uns trotzdem nicht einigen», berichtet Mia-Lou ernüchtert.

In der Schlussphase gab es noch einmal die Möglichkeit, Verhandlungen über mehrere Themen hinweg zu führen. Da wurde dann richtig gefeilscht: «Ihr bekommt das eine Thema, aber dafür dürfen wir bei dem anderen Thema unseren Punkt durchsetzen.» Letztlich wurden vier von sechs Themen von den anwesenden Ländergruppen beschlossen – eine bessere Bilanz als bei vielen echten Klimakonferenzen. «Es sind stressige Verhandlungen und es ist eigentlich unmöglich, dass einzelne Ländergruppen alle ihre Ziele durchsetzen können», resümiert Bohn.

Neben fachlichen Themen lernten die Schüler:innen so vor allem eine Menge über internationale Politik und wie schwierig es ist, sich hier einig zu werden. «Die Interessen der Länder sind eigentlich die ganze Zeit gegeneinander gebürstet», stellt Leif fest. Meena ist während des Spiels klar geworden, wie egal manchen Ländern das Wohl der anderen ist: «Hauptsache, die eigene Wirtschaft funktioniert.» Wenn die Jugendlichen den globalen Akteur:innen eins mitgeben würden, wäre es das: «Seid menschlicher.»

«Es bräuchte mehr Bewusstsein dafür, dass kein Land besser ist als das andere und wir letztlich alle auf dem gleichen Planeten leben», findet Mia-Lou. Auch eine klare und transparente Kommunikation sei wichtig, um Missverständnissen vorzubeugen, sind sich die Schüler:innen einig.

Wiederauflage geplant

Trotz der intensiven Verhandlungen hat das Planspiel allen Beteiligten viel Spaß gemacht. Und so ist auch schon das nächste Vorhaben in Planung: Zum Anfang des kommenden Schuljahres will die Oberstufe ein Planspiel zum Deutschen Bundestag veranstalten. Auch eine Wiederauflage der Jenaer COP ist im Gespräch – voraussichtlich als Projekt mit zwei weiteren Schulen in Jena. «Beim nächsten Mal würden wir aber mehr Zeit für die inhaltliche Vorbereitung der Schüler:innen einplanen und die Struktur noch etwas anpassen», sagt Lehrerin Hallensleben. Die Jenaer COP war ein Sprung ins kalte Wasser, für Bohn steht aber fest: «Wir haben alle viel gelernt und können jetzt auf wertvolle Erfahrungen aufbauen – auch dank der engagierten Mitarbeit der Schüler:innen.»

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