Peripherie

Merkmale und Herausforderungen der Waldorfpädagogik

Adriaan Bekman

Meine beiden Töchter besuchten eine Waldorfschule. Es war eine bereichernde Erfahrung mit Höhen und Tiefen. Doch heute, nach all den Jahren, scheinen sie bestens für die heutige Gesellschaft und, wie ich glaube, auch für die Zukunft gerüstet zu sein. Eine gute Klassenlehrkraft war in den ersten sieben Jahren essenziell für ihre Entwicklung. In den höheren Klassen war die effektive Interaktion der Schüler:innen im Unterricht entscheidend für einen reibungslosen Ablauf, in dem die Fachlehrer:innen ihr Bestes gaben, um den Lernprozess mit dieser Klasse erfolgreich abzuschließen.

Durch meine Beratungstätigkeit an Waldorfschulen in den Niederlanden und Deutschland habe ich ein besseres Verständnis dafür gewonnen, wie Waldorfschulen funktionieren – und wo es Schwächen gibt. Der inspirierende Unterricht und die anstrengende Schulleitung stehen in starkem Kontrast. Pioniere waren bereit, dieses Schicksal zu tragen. Junge Lehrkräfte sind davon meist wenig begeistert und wünschen sich eine einfachere und effektivere Schulführung.

In diesem Artikel versuche ich, die Ergebnisse dieser Arbeit in sieben Prinzipien der Waldorfpädagogik zusammenzufassen. Sie basieren auf Erfahrungen und Beobachtungen sowie auf den Idealen, die der Waldorfpädagogik zugrunde liegen.

Die sieben Prinzipien der Waldorfpädagogik

  1. Bildung ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt – für Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte. In den ersten sieben oder acht Jahren begleitet die Klassenlehrkraft die Gruppe durch diesen Prozess. Von der achten bis zur zwölften/dreizehnten Klasse entwickeln sich die Schüler:innen, unterstützt von den Lehrkräften, als Gruppe weiter. Meine Tochter Michaela wechselte in der zehnten Klasse von der Waldorfschule Zeist zur Waldorfschule Bonn. Was ihr in Zeist fehlte, war ein inspirierendes Lernumfeld, das sie in Bonn fand. Dadurch konnte sie ihr Abitur erfolgreich abschließen.
  2. Traditionell gibt es in Schulen eine «betriebswirtschaftliche Führungskraft» und eine «pädagogische Führungskraft»: Molt und Steiner. Die Führungskraft im kaufmännischen Bereich ist eine externe Fachkraft im Management organisatorischer Gegebenheiten. Die pädagogische Führungskraft leitet das Lehrerteam durch einen systematischen Prozess der pädagogischen Weiterentwicklung. Dieser Prozess erfolgt intern. Es bedarf eines Führungsteams, bestehend aus der Führungskraft im kaufmännischen Bereich und der pädagogischen Führungskraft, gegebenenfalls ergänzt durch ein Elternteil und eine weitere kompetente Lehrkraft, die als horizontale Führungskräfte fungieren können. Aufgrund ihrer Kompetenz erhalten sie das Mandat, Entscheidungen auf der Grundlage fundierter Urteile zu treffen. An einer großen Waldorfschule wurde ein fünfköpfiger Schulvorstand von den Lehrkräften gewählt, der sich dann mit dem Vorstand abstimmen musste. Wer entschied was? Der Geschäftsführer war Mitglied beider Gremien und fungierte als Bindeglied zwischen Schulvorstand und Vorstand. An einer kleinen Dorf-Waldorfschule besprach der Schulleiter Angelegenheiten mit allen sieben Lehrkräften, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
  3. Lehrkräfte lernen, im Unterricht und in schulischen Prozessen Führungsrollen zu übernehmen. Das Lehrerkollegium bildet eine sich entwickelnde und lernende Gemeinschaft. Sie bringen die Bedürfnisse der Familien mit ihren Idealen, Prinzipien und Werten in Einklang. Ein Lehrer hatte Schwierigkeiten, die Ordnung in der Klasse aufrechtzuerhalten. Sein Unterricht stagnierte dadurch. In einem Gespräch mit einem Fachberater kamen sie zu dem Schluss, dass er sich vorrangig auf die Disziplinierung der Schüler:innen konzentrieren sollte. Dies ermöglichte es ihm, die richtigen Maßnahmen im täglichen Unterricht zu ergreifen, auf die die Klasse positiv reagierte.
  4. Lehrkräfte können Verantwortung für bestimmte Prozesse innerhalb der Schulgemeinschaft übernehmen, wie z. B. die Organisation von Festen, die Betreuung neuer Eltern und Kinder sowie die Verbesserung der Einrichtungen. Zwei Lehrer waren für die Organisation der jährlichen Feste zuständig. Sie wollten die alten, veralteten Feste modernisieren. In einem gut organisierten Prozess wurden Lehrer:innen, Eltern und Kinder auf eine neue Art der Feier der jährlichen Feste vorbereitet, ohne dabei deren Wesen zu verlieren.
  5. Eine einfache Schulorganisation könnte folgendermaßen aussehen: Das Führungsteam hat das Mandat, Entscheidungen auf der Grundlage fundierter Urteile zu treffen. Der Beirat besteht aus Eltern, Lehrkräften und externen Expert:innen. Er unterstützt das Führungsteam. Es gibt eine Unternehmensstrategie für Finanzen, Personal und Einrichtungen. Das Kollegium konzentriert sich auf den Kernprozess: die Erziehung der Kinder in ihrer biographischen Entwicklung. Die Rechtsform unterstützt die Neutralisierung von Eigentumsverhältnissen. Einmal jährlich teilt die Leitung ihre Erfahrungen und Visionen mit der Schulgemeinschaft und blickt auf das kommende Jahr voraus.
  6. Die erste Waldorfschule in Stuttgart entstand in Zusammenarbeit von Herrn Molt und Herrn Steiner. Molt leitet die Schulorganisation, Steiner den pädagogischen Prozess gemeinsam mit den Lehrkräften. Sie führen die beiden Säulen einer Waldorfschule: die Waldorfpädagogik und die unterstützende Organisation. Der gesamte Prozess ist davon inspiriert, die Christuskraft in den Kindern zu mobilisieren, um sie auf Verantwortung in der Gesellschaft vorzubereiten. Das «Ich» des Kindes entfaltet sich in der Seele. Die Schule spiegelt die Gesellschaft wider, die sie umgibt.
  7. Die menschliche Seele ist ein Paradoxon. Je mehr wir gemeinsam tun, desto stärker tritt der Individualismus hervor. Kollektiver Druck innerhalb der Lehrerschaft fördert den Egoismus der Lehrkräfte. Eigenverantwortung wird gefördert. Die gelebte Führung ist horizontal. Sie zeichnet sich durch die Etablierung solider Arbeits- und Entwicklungsprozesse aus, in denen die Beteiligten im Dialog zusammenarbeiten und sich an den individuellen Impulsen der Schule orientieren.

Was bedeutet das konkret?

Meine Beobachtung ist: Wenn eine Schule gut geführt wird, das Kollegium und die Schulleitung die Lehrkräfte kompetent unterstützt, die Finanzen solide sind und die Ausstattung attraktiv ist, zieht dies Eltern und Kinder an und sorgt für ausreichend Personal. Die Herausforderung besteht darin, jeglichen Dogmatismus zu vermeiden und von den Impulsen auszugehen, die die Beteiligten – Kinder, Eltern und Lehrkräfte – in ihrem Leben verwirklichen möchten. Der Umgang mit Behörden, Schulinspektoren und Expert:innen ist offen und vertrauensvoll. Die Schule ist bestrebt, auf die Bedürfnisse des unmittelbaren Umfelds einzugehen. Neue Generationen bringen neue Herausforderungen mit und fordern neue Ansätze, die jedoch auf den Prinzipien und Werten der Waldorfpädagogik basieren. Die Waldorfpädagogik ist weltweit verbreitet. Dies beweist, dass sie der bewussten, universellen Humanisierung und Gemeinschaftsbildung gerecht werden kann, die mit den jeweiligen Kulturen, in denen sie etabliert ist, verbunden sind. Eine Waldorfschule in Kapstadt ist nicht mit einer Waldorfschule in Rotterdam vergleichbar. Doch die Ansprache des kindlichen «Ich» in allem, was es tut, und die Förderung dieses «Ich» in der kindlichen Seele ist ein universelles Anliegen der Waldorfpädagogik.

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