Sachbuch

Michelangelo verleiht Zeiterfahrungen Gestalt

Gabriele Hiller

Bockemühl als schier grenzenloser Wahrnehmungsforscher wendet sich der Skulptur zu, die von mir verlangt, dass ich mich in zusätzlicher Eigenaktivität zum Betrachten um das Werk herumbewege, und er vermag ein neues Staunen über so sattsam bekannte Werke wie den David, neben den Medici-Grabfiguren das zentrale Werk dieser Vorlesung, zu entfachen. Was bewirkt die Bewegungserfahrung des Betrachters, die stärker wirkt als das Sehen an sich, wenn er die Figur umkreist? Blickleitende Konturen werden ebenso betrachtet wie prägnante Zwischenräume als Formen.

Sein diesmal gewählter Ansatz eines vorbegrifflichen freien Sehens öffnet die Begegnung mit Kunst als Resonanzraum, der mich ganz fordert und einbezieht. Ausgehend von philosophisch-ästhetischen Überlegungen zum Stein als Medium der menschlichen Figur, entwickelt Bockemühl an herausragenden Bilddetails, wie der Stein zugunsten der Darstellung eines «echten» Körpers als «Schein des Lebendigen» völlig verschwindet, während der Stein im Sockel so erscheint, wie Fra Angelico Felsen gemalt hat.

Welchen Ausdruckswert kann Michelangelo dem Stein entlocken? Wann ist der Höhepunkt erreicht? Bockemühl charakterisiert Michelangelos Nonfinito in seiner Spannung zwischen Rauem und Glattem so: «Der Stein setzt den Prozess in Bewegung, hin zu einem Vollendeten». So erleben wir in der Medici-Kapelle in Florenz, wie steinerne Raumgebilde wie Tag, Nacht, Morgen und Abend unserem Zeiterleben Gestalt geben. Der Stein «ist der Widerstand, an dem sich die Bewegung unserer Anschauung vollziehen kann». Eine souveränere Sprache der Kunsterfahrung ist kaum denkbar!

Wenn seit 2007 von systemischer Kunstbetrachtung (Hans Dieter Huber) die Rede ist, die die Komplexität der individuellen Wahrnehmungssituation darstellt, so kann ich sagen, dass Michael Bockemühl dies bereits 1994 in seiner Vorlesung über Michelangelo eindrucksvoll aufgefächert hat!

Michael Bockemühl: Michelangelo. Band 16 der Edition Kunst Sehen. 112 Seiten, 2023 Info3-Verlag, 16,80 Euro.

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