Als ehemalige Waldorfschülerin bin ich mit selbstgemachten Speisen aufgewachsen, teilweise in Demeter-Qualität. Von Milchreis mit Zimt und Zucker über vegetarisches Schulküchenessen hin zu Obst aus dem Schulgarten und frischer Milch von den schulbekannten Demeter-Bäuer:innen. Im Nachhinein betrachtet, war das ein großes Privileg, wenn ich mir jetzt die Lebensmittelpreise und das Mensaessen meiner Universität anschaue.
Auch zu Hause wurde auf die Ernährung geachtet, nicht ganz so strikt wie in der Schulküche, aber trotzdem gab es Chips nur zu Anlässen wie Geburtstagen oder WM-Fußballübertragungen und sonst eher ausgewogene, selbstgekochte Mahlzeiten. Trotzdem hatte ich schon in der Unterstufe so einige Probleme mit der sogenannten gesunden Ernährung und meinem Selbstbild. Als nicht gerade sportlichstes Kind kann ich mich nicht mehr an eine Zeit erinnern, in der ich nicht mindestens einmal am Tag über meinen Körper nachgedacht habe. Ich glaube, die erste Diät wollte ich mit etwa zwölf Jahren machen – drei Tage lang nur den Nahrungsersatz Almased trinken. Ob ich das wirklich durchgezogen habe, weiß ich schon gar nicht mehr.
In den sozialen Medien kursieren heute tausende Tipps, Hauls (das Präsentieren von neuen Einkäufen), Kooperationscodes und Must-haves zum Thema Ernährung. Von flexitarisch zu carnivor, proteinbasiert und darmfokussiert. Wenn man allen Erzählungen gleichzeitig folgen will, kommt man aus dem Kaufen, aber auch aus dem Falschmachen nicht mehr heraus. Die einen schwören auf Zero-Sugar-Produkte, die anderen erzählen von den Gesundheitsrisiken von Zuckerersatzprodukten, im nächsten Video gibt es den Superfoodsalat, gefolgt von fermentiertem Kimchi und Kefir und die anderen erzählen davon, was sie alles nicht gegessen haben. Vor allem aber sagen alle in einem Punkt das gleiche: mit dieser und zwar nur dieser Ernährungsweise bekommst du den perfekten, trainierten und gesunden Körper. Klingt verlockend. Was macht das mit uns – vor allem mit jungen Mädchen – in der heutigen Zeit?
In einer Welt voller Reizüberflutung und Krisen kann man sich schnell haltlos und orientierungslos fühlen. Einer der wenigen verbleibenden Bereiche, über die wir fast uneingeschränkt selbst verfügen können, ist unser eigener Körper. Den können wir vermeintlich kontrollieren.
Noch vor wenigen Jahren hatte der Body-Positivity-Trend starken Aufschwung. Er hatte das Ziel, dass wir unsere Körper so akzeptieren sollten, wie sie sind, wir sollten uns keinen Schönheitsoperationen unterwerfen, hungern oder uns auf ungesunde Arten verbiegen, um normschönen Idealen zu entsprechen. Dieser Trend scheint in Vergessenheit zu geraten. In den Sozialen Netzwerken trenden stattdessen die Videos schlanker Menschen. Hollywoodstars, die für ihre kurvigen Körper bekannt waren und gepriesen wurden, tragen plötzlich mehrere Größen kleiner, Liedtexte wie «Geh ins Gymmie, werde Skinny» (Bauch Beine Po von Shirin David) und die Verbreitung der Abnehmspritze Ozempic tragen dazu bei, dass Skinny wieder dominiert. Dabei scheint mir das Ziel nicht ein gesundes Verhältnis von Sport und Ernährung zu sein, sondern das Sehr-Schlank-Sein um jeden Preis, egal mit welchen Mitteln. Die Selbstoptimierung, angefangen bei der Ernährung, hat eine neue Stufe erreicht. Die Gründe hierfür lassen sich in den heutigen Krisen finden. Die Klimakrise, Kriege in der Ukraine, in Nahost, dem Sudan, Äthiopien und Myanmar und antidemokratische Entwicklungen in vielen Ländern weltweit erschweren es, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Also lenken wir den Fokus auf das, was wir kontrollieren können – uns selbst.
Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) veröffentlichte im Mai eine Studie, die zeigt, dass Essstörungen in den Jahren 2019 bis 2023 massiv zugenommen haben. Besonders bei der Gruppe der Mädchen zwischen 12 bis 17 Jahren stieg der Wert um knapp 50 Prozent an. Das Risiko für Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Binge Eating, bei dem sich Mangelernährung und Ess-Attacken abwechseln, ist laut der Studie umso größer, je höher die Mediennutzung ist. Das ist kein Wunder, denn Trend-Videos wie skinny girl mindset, clean girl aesthetic oder that girl werden millionenfach aufgerufen. Privilegierte, weiße, reiche junge Frauen posten ihr scheinbar ideales Leben zwischen Pilates und Iced-Matcha-Latte.
Einmal gefangen in diesem Algorithmusstrudel, ist es schwierig, hier noch einen Überblick zu behalten und gleichzeitig ein normales und vor allem gesundes Körperbild von sich und anderen zu haben. Das Netz spielt uns eine Flut von perfekten Körpern in unseren Feed. Plötzlich vergleichen wir uns mit Life-Style-Influencer:innen, ohne zu bedenken, dass diese persönliche Trainer:innen und Ernährungscoaches haben, ihre Posts durch das richtige Posing, die richtigen Lichtverhältnisse und Kameraperspektiven und mit Photoshop perfektionieren. Wir schauen uns deren What-I-eat-in-a-day-Videos an – eigentlich, um Rezeptideen zu bekommen. Und mit der Zeit verschiebt sich unsere Norm. Der Gedanke «Wenn ich alles so mache wie die, sehe ich bestimmt auch bald so aus» schleicht sich ins Unterbewusstsein, obwohl niemand wissen kann, ob es überhaupt wahr ist, was man da sieht.
Je tiefer man in die Skinny-Bubble gerät, umso mehr geht es plötzlich auch um die Rollenbilder, die vermittelt werden. Junge, normschöne, weiße, schlanke Frauen, die plötzlich nicht mehr nur Sport machen und gesunde Ernährung propagieren, sondern einen ganzen Lebensstil verbreiten wollen. Von skinnytok ist es nicht weit zu Tradwives und Womanosphere. Tradwives haben das Lebensziel, die perfekte Hausfrau und Mutter vieler Kinder zu sein – schön, brav und alles selfmade, von Butterschütteln bis zu Fünf-Gänge-Menüs für den hart arbeitenden Ehemann, dem sie sich in allem unterwerfen. Und natürlich auch Dünn-Sein! Womanosphere ist im Gegensatz zu den Tradwives offen frauenfeindlich, antifeministisch und voller rechter Inhalte.
Auch das trägt dazu bei, heutigen Jugendlichen konservative Rollenzuschreibungen und Werte zu vermitteln, indem Frauenbilder gezeigt und glorifiziert werden, die wir aus dem letzten Jahrhundert kennen. Wir haben also eine Umwelt voller Krisen um uns herum, Videos, die sich beim Thema Essen ständig widersprechen, Videos, die einem sagen, man solle lieber gar nichts essen, («You want a treat? Are you a dog or something?») und Frauenbilder, die das Patriarchat wieder stärken wollen. Wie kann man hier jemals ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper und der eigenen Ernährung bekommen? Bei mir hat das Vergleichen mit anderen also nicht erst mit der Flut an Ernährungsvideos auf Social Media begonnen, sondern schon in der Schulzeit. Meine besten Freundinnen waren meistens ein Stückchen schlanker und das, obwohl keine von ihnen großartig mehr Sport gemacht hätte oder sich besonders ernährt hätte. Ich war nie übergewichtig, aber weiß noch, dass ich mich oft schon als Kind unwohl gefühlt habe.
Bewegung und Kalorien
Als ich dann etwa 14 war, habe ich angefangen, Sport zu treiben, habe zu Hause Einheiten mit Workout-Videos absolviert. Im Sportunterricht war ich trotzdem eher bei denen, die spät in die Mannschaften gewählt wurden. Das lief mal mehr, mal weniger konstant – genauso wie eine ausgewogene Ernährung. Während der Coronazeit hatte ich zum ersten Mal richtige Erfolge und habe eine Sportroutine entwickelt und gesund gegessen. Also mehr Gemüse und Vollkorn, wenn auch noch keine Proteinshakes oder Zero-Produkte.
Spätestens mit dem Auszug aus dem Elternhaus musste ich mich selbst darum kümmern, was ich einkaufen sollte. Da gab es Phasen, in denen ich mein Essen abgewogen habe, um meine tägliche Kalorienzufuhr zu tracken. Das ist an sich kein Problem, solange man darauf achtet, dass es auch genug sind und sich nicht heimlich freut, wenn es dann doch immer weniger werden. Ich habe immer öfter auf die Inhaltsstoffe meiner Einkäufe geschaut und kann inzwischen sagen, wie viel Eiweiß und Kalorien eine Karotte hat – toll. Genauso weiß ich, wie viel Protein mein Körper braucht, was Zuckerersatzprodukte mit meinem Körper machen und was ich essen sollte, um eine gesunde Darmflora zu bekommen. Die Frage ist, ob das alles hilfreich war, oder ob ich das alles weiß, weil es mich so sehr interessiert hat oder weil mich der Algorithmus und die vermeintlich idealen Körperbilder dazu gebracht haben. Die meisten meiner Freundinnen können aus dem Stehgreif jedenfalls weniger solcher Zahlen präsentieren.
Zur Recherche über kalorienarme Rezepte oder proteinreiche Abendessen ist Tiktok ein unglaubliches Tool, es gibt abertausende Videos und Rezepte, bei denen eins gesünder ist als das andere – zumindest laut den Ersteller:innen. Inzwischen kann man ChatGPT auch alle möglichen Daten seines Körpers geben und es wird ein individualisierter Trainings- und Ernährungsplan erstellt. Wenn mich Trends wirklich interessiert haben, habe ich wenigstens nochmal im Internet nach seriöseren Quellen gesucht und kann jetzt auch sagen, welche Nüsse die wirklich gesunden sind und welche nicht – auch toll.
Am besten nicht nachdenken
Die möglichen Auslöser für falsche Körperbilder und Essgewohnheiten sind heute also unendlich. Natürlich gibt es auch Videos und Quellen für wirklich gesundes Essverhalten und positive Selbstbilder, die haben nur nicht ganz so viele Aufrufe wie die anderen – Populismus eben. Wer ein gestörtes Essverhalten bei jungen Menschen verhindern möchte, muss früh anfangen. Es braucht unter anderem gesunde Vorbilder. Seit frühester Kindheit höre ich von meiner Großmutter nach dem Kuchenessen Sätze wie: «Dafür gibt’s heute aber kein Abendessen.» Oder: «Ach, das ist ja eine Kalorie an der anderen». Solche Sätze und das Kommentieren von Körpern, und zwar auch das positive, haben mehr Einfluss auf das Selbstbild als man denkt. Als Jugendliche:r sollte man sich nicht denken, «ich lass mal das Abendessen ausfallen, weil ich ja mittags schon zu viel gegessen habe», oder sich fragen, was der Onkel, die Oma oder eben jeder andere Mensch von dem eigenen Körper hält. Genauso der Zwang, als Kind den Teller leer essen zu müssen oder zu sagen, ab einem bestimmten Zeitpunkt am Abend gibt’s nichts mehr. Das kann das gesunde Verhältnis von Hunger und Sättigung verändern.
Das beste Verhältnis wäre eines, über das man nicht nachdenken muss. Zumindest so, dass man isst, wenn man hungrig ist, und aufhört, wenn man satt ist – gepaart mit ausgewogenen, abwechslungsreichen Nahrungsmitteln. Expert:innen nennen das intuitive eating. Einmal zu lange auf einem Fitness-Rezept geblieben, und schon ist auch das restliche Feed voll mit Bildern und Videos von guten und schlechten Snacks. Haribo versus ein voller Obstteller, «what I ate today» und «my morning routine to be that girl». Ich kann nur aus meiner Erfahrung reden und sagen, als junge Frau, aber vor allem als junges Mädchen, sind die Vergleichsoptionen und der daraus resultierende Wunsch, den eigenen Körper zu verändern, ständige Begleiter.
Mit viel Sanftheit für sich selbst, dem Aneignen von Ernährungswissen, dem Sprechen über Körperbilder und mehr Akzeptanz kann man der Flut von Bauchmuskeln und Proteinshakes entgegenwirken. Selbstliebe und Akzeptanz fangen am besten im Kindesalter an, nicht aber die Du-musst-deinen-Teller-leer-essen-Theorie. Ich will keinesfalls Ernährungstrends und Videos verteufeln, aber man muss lernen, sich weniger beeinflussen zu lassen. Man muss lernen, auf sich selbst zu hören und sich selbst anzunehmen.
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