Sie ist eine Betroffene und erzählt mir, sie wusste damals nicht, was sie tun sollte. Sie hatte keine Ansprechperson. Mit meinen Worten höre ich: Sie hatte kein Vertrauen in das System Schule, sie wurde nicht geschützt, sie hatte Angst, dass man ihr nicht glaubt. Ich bin dankbar für diese Begegnung. Mir wird einmal mehr klar, dass wir als Schulen hier eine Aufgabe haben.
Ich selbst nähere mich dem Thema, indem ich zu den Fragen rund um Aufarbeitung im Internet recherchiere (aufarbeitungskommission.de). Im Dialogprozess tausche ich mich mit anderen Institutionsvertreter:innen aus.
Synonyme zum Wort Aufarbeitung sind Auseinandersetzung und Beleuchtung. Genau das soll passieren, wenn eine Einrichtung sich dem Thema Aufarbeitung widmet. Institutionelle Aufarbeitung kann eine juristische Aufklärung von Straftaten oder die Verarbeitung des Traumas in einer Therapie nicht ersetzen, aber sie folgt klaren Regeln und kann Transparenz für die Beteiligten schaffen.
Schulen müssen mit ihrer Vergangenheit umgehen, egal, ob es nachweislich und strafrechtlich verfolgte Tatbestände von Missbrauch gegeben hat oder sich Menschen melden, die vor Jahren keine Anzeige erstattet haben. Manchmal dringt lang Zurückliegendes, sogar Verjährtes, in die Gegenwart. Es ist dann möglich, dem mit einer offenen Haltung zu begegnen: Wir glauben Dir und wir tun alles dafür, dass wir Licht ins Dunkel bringen.
«Wir möchten uns mit dieser Aufarbeitung nicht nur unserer Verantwortung für diesen leider sehr dunklen Teil unserer Schulgeschichte stellen, sondern auch den damals von der Gewalt betroffenen Schüler:innen Raum für die Aufarbeitung bieten sowie Respekt zollen …». So schreibt es eine Waldorfschule auf ihrer Website und ich empfinde Respekt für die Schule und bin froh um diese Haltung.
Das höchste Gut der Waldorfpädagogik ist es, das individuelle Kind in den Blick zu nehmen und es zu schützen. Dazu gehören klare Regelungen über Nähe und Distanz, eine respektvolle Sprache und eine Selbstregulation der Lehrkräfte, die bereits in der Ausbildung beginnt. Ich fühle mich als Verbandsvertreterin im Bund der Freien Waldorfschulen diesen Werten verpflichtet und will die Gelingensbedingungen für institutionelle Aufarbeitung aufzeigen, sehr gerne gemeinsam mit Ihnen.
Ausgabe 11/25
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