Ausgabe 09/25

Mit Essen spielt man nicht – oder doch?

Michaela Schmiedl


Die Idee zu dieser Form der Epochenarbeit entwickelte sich im Zusammenspiel mit Cecilia Essyatier, meiner Kollegin für Chemie und Biologie an der Freien Waldorfschule Bonn. Im Vorfeld baten wir die Schüler:innen, ein Ernährungstagebuch zu führen. Wir wollten gemeinsam herausfinden, was genau die Jugendlichen essen und welche Rolle bewusste Ernährung spielt. Die zentrale Frage dabei war, aus welchen Elementen unsere Ernährung aufgebaut sein sollte, damit sie sowohl für Menschen als auch für den gesamten Planeten gesund ist. 

Die Klasse 7 zeigte sich offen und zugewandt, aber auch fordernd. Die Schüler:innen wussten schon etliches zum Thema und brachten teils klare persönliche Haltungen mit, etwa zum Thema fleischlose Ernährung. Fachlich hatte ich das Ziel gesetzt, dass die Schüler:innen die Nährstoffgruppen benennen und Beispiele in ihrer Ernährung identifizieren konnten. Sie sollten den Weg verschiedener Nährstoffe durch den Körper nachvollziehen und die jeweilige Rolle der Verdauungsorgane erklären und zeichnerisch darstellen – inklusive der Besonderheiten bei der Verdauung einzelner Nährstoffe. Dies sollte schließlich in einem selbst entwickelten Spiel sicht- und überprüfbar werden.

Pädagogisch und sozial ging es um Teamfähigkeit, Arbeitsstrukturierung, ästhetisches Gestalten und ein vertieftes Verständnis für kooperative Lernprozesse. 

Der methodische Dreischritt führte von der Wahrnehmung über das Urteilen hin zur Begriffsbildung und Anwendung. Aus individuellen Erfahrungen im Rahmen des Ernährungstagebuchs wurden in Gruppenarbeitsphasen Plakate einzelner Organe und schließlich selbst entwickelte Spiele.

Spiele motivieren
 

Besonders spannend war der Moment, als wir Spiele entwickelten. Die einzige Vorgabe war das Thema, nämlich «Verdauung». Die Schüler:innen arbeiteten intensiv und konzentriert. Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten beim Schreiben oder mit großer innerer Unruhe zeigten in dieser offenen Form überraschend ihre Stärken. Ein Schüler reparierte sogar das Laminiergerät, das seine Gruppe durch Dauerbetrieb überfordert hatte – ein praktischer Beitrag zur Epochenarbeit. Viele gestalteten ihre Spielmaterialien mit Modelliermasse, Zeichnungen oder komplexen Spielplänen. In der Zusammensetzung von Inhalt und Gestaltung wurde deutlich, wie tief die Schüler:innen die Materie verinnerlicht und verstanden hatten.

Spielen gilt seit jeher als eigenständige Form der Weltaneignung. Rudolf Steiner sprach davon, dass ein zu lernender Begriff nicht durch Erklärung, sondern durch das tätige Durchdringen in Handlung lebendig wird. Das gilt nicht nur für jüngere Kinder. Gerade im Jugendalter kann die Verwandlung eines abstrakten Themas in ein selbst gestaltetes Spiel zur sinnstiftenden Lernerfahrung werden – weil Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen beteiligt sind. So ist das Spiel im Unterricht mehr als nur methodisch «spielerisch». Es ermöglicht einen performativen Lernzugang, in dem Begriffe handelnd durchdrungen und verinnerlicht werden. Spiel ist keine Ablenkung vom Lernen, sondern eine tiefere Form desselben.

Die Schüler:innen machten sich so die Inhalte der Epoche auf verschiedensten Ebenen zu eigen. Und die unterschiedlichen Spieltypen ermöglichten Differenzierung. In Dreier- bis Fünfergruppen entstanden originelle Spiele auf unterschiedlichem Niveau: ein Legespiel zu Organfunktionen, mehrere Brettspiele, bei denen unter anderem gesunde Ernährung positive Ereignisse freischaltete. Beim Konsum von ungesunden Lebensmitteln mussten sich die Spieler:innen hingegen an einem Kartenstapel mit negativen Effekten bedienen.

Ein Fest statt eines Tests – der Abschluss 
 

Dass eine Schülerin während der Reflexion sagte, sie habe durch die Spielentwicklung «erst richtig verstanden, wie es im Körper abläuft», zeigt die Kraft dieser Methode. Ein anderer Schüler reflektierte später, dass sein Spiel nicht sein volles Verständnis widerspiegle und er deshalb in Zukunft anspruchsvoller arbeiten wolle. Diese Form der Selbstreflexion ist aus pädagogischer Sicht Gold wert: Zu erkennen, wo man steht und wohin man sich entwickeln möchte. Solche Einsichten sind mehr als Lernkontrolle. Sie sind Ausdruck echter Bildungsprozesse. Die Spiele erwiesen sich als umfassendes Instrument zur Darstellung komplexer Lernleistungen – sie verbanden Fachwissen, Transferleistung und Persönlichkeitsentwicklung.

Der krönende Abschluss war ein gemeinsam in der Mensa vorbereitetes Frühstück im Klassenzimmer. Die Schüler:innen hatten Rezepte geschrieben, Einkaufslisten erstellt und sich in Küchen-Teams organisiert. Zwischen Müsli, selbstgemachtem Brot und Aufstrichen wurde gespielt – und das Gelernte angewendet. Lernen bedeutet, Inhalte anwenden zu können und dadurch deren Sinnhaftigkeit zu erleben. Dazu ist die Entwicklung eigener Spiele und das Spielen an sich besonders gut geeignet. 

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