Im Einklang mit dem aufkommenden Bewusstsein für Menschen- und Bürgerrechte und Steiners Diskurs über die Erziehung zu innerer Freiheit hat die Association of Waldorf Schools in North America nach einer ausführlichen Diskussion mit den Mitgliedsschulen ihre gemeinsamen Grundprinzipien überprüft und um einen expliziteren Verweis auf Inklusion und Vielfalt erweitert. Diese Erklärung, auch bekannt als Grundsatz 8, wurde 2024 verabschiedet und 2025 überarbeitet, um die Sprache eher der Waldorfgemeinschaft als dem öffentlichen Diskurs anzupassen.
Der Grundsatz 8 lautet: «Waldorfschulen würdigen und begrüßen die Vielfalt und Würde des Menschen. Waldorfschulen feiern die Vielfalt der Menschheit. Lehrkräfte, Mitarbeitende und Vorstände verfolgen einen Weg der Menschenwürde und Gleichberechtigung in organisatorischen, führungsbezogenen und pädagogischen Bereichen. Die Schulen beschäftigen sich mit dem Verständnis und der Auseinandersetzung mit den aktuellen und historischen Wurzeln von Ungleichheit. Diese Bemühungen sind von spiritueller, moralischer und pädagogischer Bedeutung und wurzeln in der Gründungsvision der Waldorfpädagogik, zu der auch die Auseinandersetzung mit aktuellen sozialen Konflikten im Kontext des Schullebens gehört.»
Die Association of Waldorf Schools in North America ist eine freiwillige Mitgliederorganisation von mehr als 160 unabhängigen Waldorfschulen und -instituten in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Im Gegensatz zu einem Bildungsministerium oder einem Verwaltungsrat gibt die Association of Waldorf Schools in North America ihren Mitgliedsschulen keine Anweisungen, sondern unterstützt sie. Entscheidungen, die alle Mitglieder betreffen, erfordern einen echten Konsens. Dieser wird durch acht geografische Regionen erreicht, deren Delegierte über Monate, manchmal sogar Jahre hinweg Ideen zwischen dem Verband und ihren Schulen austauschen. Diese Struktur spiegelt das tiefe Bekenntnis der Waldorfpädagogik zur gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung wider. Sie bedeutet auch, dass ein einmal erzielter Konsens wirklich Gewicht hat.
Der Weg zur Formulierung
Der Weg zu dem, was schließlich zu Grundsatz 8 wurde, begann lange vor seiner Verabschiedung im Juni 2024 und seiner Überarbeitung im Juni 2025. Gespräche über Barrierefreiheit, Multikulturalismus und Vielfalt sind seit mehr als vierzig Jahren ein wichtiger Bestandteil der anthroposophischen und Waldorf-
arbeit in Nordamerika. Ein Beispiel dafür ist die veröffentlichte Erklärung des Council of Anthroposophical Organizations. Im Jahr 2019 bekräftigten die Mitgliedsschulen ihr Bekenntnis zu Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion, das auf dem anthroposophischen Verständnis der allen Menschen gemeinsamen spirituellen Natur basiert. Dann kam das Jahr 2020 und ein Moment des doppelten Umbruchs: die globale Pandemie und die Ermordung von George Floyd in Minneapolis. Beides erschütterte die amerikanische Gesellschaft und die Waldorfgemeinschaften. Alle wurden damit konfrontiert, wie viel in Bezug auf soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit noch ungetan war. Die Erklärung zur Rassengerechtigkeit, die die Association of Waldorf Schools in North America im Frühjahr 2026 veröffentlichte, war dringend und notwendig, aber sie war auch ein Anfang, kein Abschluss.
Als Klassenlehrerin und Delegierte in der Region der Großen Seen in dieser Zeit wurde Mitautorin Linda Williams sowohl Zeugin des tiefen Engagements als auch der echten Schwierigkeiten dieser Arbeit. Von 2021 bis 2023 wurde eine formelle
Arbeitsgruppe mit regionalen Vertreter:innen aus ganz Nordamerika einberufen, um zu erörtern ob Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion nicht nur in Grundsatzerklärungen, sondern auch in den grundlegenden Prinzipien selbst verankert werden. Also, in denselben Prinzipien, die die Definition einer unabhängigen Waldorfschule im Akkreditierungsprozess leiten.
Die Arbeitsgruppe durchlief mehrere Entwurfsrunden und regionale Konsultationen, überarbeitete die Formulierungen und legte dann den Mitgliedern einen Vorschlag zur weiteren Beratung vor. Im Juni 2024 wurde Grundsatz 8 auf der Lehrer:innenkonferenz in Denver, Colorado, bestätigt. Er ist nun Teil des Akkreditierungsrahmens. Er ist keine Wunschvorstellung, sondern ein bewertbares Kriterium, das jede Mitgliedsschule in Organisation, Führung und pädagogischer Arbeit erfüllen muss. Diese Verpflichtung wurde vor der aktuellen politischen Situation in den Vereinigten Staaten eingegangen. Nun stehen alle Positionen zu Vielfalt, Gerechtigkeit, Inklusion und Zugehörigkeit in den Vereinigten Staaten unter erheblichem Druck, und diese Verpflichtung wird auf eine Weise auf die Probe gestellt, die niemand vorhergesehen hat.
Historische Ursprünge der Waldorf-Positionen
Wie Albert Schmelzer in seinem kürzlich erschienenen Buch Rudolf Steiner im Spannungsfeld von Freiheitsphilosophie, Menschenrechten, Nation und ‹Rasse› gezeigt hat, entwickelten sich Steiners Ideen zu diesen Themen im Laufe seines Erwachsenenlebens weiter und veränderten sich. Das zentrale Merkmal dieses Denkens blieb jedoch unverändert: die Notwendigkeit individueller Freiheit und die Notwendigkeit der Gesellschaft, diese durch die Anerkennung der Grundrechte zu ermöglichen und zu schützen. Dies fand seinen umfänglichsten Ausdruck in Schriften und Vorträgen über die Prinzipien der Dreigliederung des Sozialen, in denen das Recht des Einzelnen auf Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsausübung durch gegenseitigen Respekt und Toleranz gelebt werden soll. Vor allem war Steiner der Ansicht, dass eine Bildung erforderlich sei, die in erster Linie auf der Natur des sich entwickelnden Menschen basiert, wie sie von der anthroposophischen Anthropologie, der Menschenkunde, verstanden wird. Sie soll eher von Lehrkräften als von Regierungsbeamt:innen oder unter dem direkten Einfluss der Wirtschaftswelt vermittelt werden.
In gewisser Weise könnte man sagen, dass Steiner die Notwendigkeit vorausgesehen hat, soziale Bedingungen zu schaffen, unter denen alle Menschen gegenseitigen Respekt für Menschenwürde, Vielfalt, Gleichheit, Inklusion und Gerechtigkeit erfahren können. Heute ist es unerlässlich, junge Menschen darauf vorzubereiten, in einer multikulturellen, multireligiösen, mehrsprachigen und von Einwanderung geprägten Gesellschaft zu leben. Darüber hinaus sollten Waldorfschulen diese Eigenschaften in der Zusammensetzung ihres Personals und ihrer Familien widerspiegeln.
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