Mit Kindern und Bienen

Von Barbara Leineweber, April 2018

Mein Interesse für die Bienen wurde durch das wunderbare Kinderbuch »Das Bienenbuch« von Jakob Streit vor 27 Jahren geweckt, als ich es meiner damals 7-jährigen Tochter vorlas. Ich war fasziniert davon, wie jede Biene ihre speziellen, ihrem Alter entsprechenden Aufgaben wahrnimmt, wie alle zusammen nach einem demokratischen »Entscheidungsfindungsprozess« ihren Spürbienen folgen, die zuvor das optimale Zuhause für den Schwarm gefunden haben und mittels des Schwänzeltanzes ihre Artgenossinnen informieren und in die richtige Richtung lenken.

Foto: © Charlotte Fischer

Jürgen Tautz, Bienenwissenschaftler aus Würzburg und Initiator des HOBOSProjektes (HOneyBeesOnlineStudies) prägte den Begriff des »Superorganismus Bienenstock«, doch schon lange vor ihm beschrieb Ferdinand Gerstung, imkernder Pfarrer aus Thüringen den Begriff des Biens, und machte zum ersten Mal deutlich, dass der Bienenstock ein lebendiger Organismus ist, ein Wesen, in dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Er war Mitbegründer des immer einen Besuch lohnenden Bienenmuseums in Weimar und veröffentlichte erstmalig 1905 seine Erkenntnisse in dem Buch »Der Bien und seine Zucht«, das heute als Faksimileausgabe eine Renaissance erfährt. Bei ihm findet sich auch der Satz: »Dem Ganzen dienen, das lehren uns die Bienen«.

Einige Jahre nach der Lektüre von Jakob Streit absolvierte ich beim Demeter Landesverband Nordrhein-West­falen einen Imkerkurs und begann in meinem eigenen kleinen Hausgarten nach Demeter-Richtlinien Bienen zu halten, unterstützt von meinem damals 12-jährigen Sohn, der auch ein eigenes Bienenvolk hatte. Gleichzeitig entstand in mir der Wunsch, das Zusammenleben und -wirken der Bienen auch anderen Menschen, vor allem Kindern, nahezubringen.

In der Schulimkerei

Gemeinsam mit einem Imkerkollegen gründete ich an unserer Waldorfschule in Gladbeck eine kleine Schulimkerei. Hier hielten wir Bienenvölker naturnah nach den Demeter-Richtlinien, und luden Kinder, Eltern und Lehrer regelmäßig an den Bienenstand ein, um sie mit dem Leben der Biene vertraut zu machen.

Die Faszination, die von diesen Insekten ausgeht, ist deutlich wahrnehmbar: Menschen, die an die Bienenstöcke kommen, werden ruhiger, fangen an, zu beobachten, Fragen zu stellen und sich zu sensibilisieren. Bei öffentlichen Schulveranstaltungen boten wir regelmäßige Führungen zu den Bienenstöcken an und erlebten die Begeisterung und das Interesse der Kinder und der Erwachsenen. Als Pädagogin und Imkerin arbeite ich gerne mit Kindern und Bienen und es entstand die Idee, am Nachmittag eine Bienen-AG für die Kinder der offenen Ganztagsschule unserer Schule anzubieten.

Schnell hatten sich zwölf Kinder angemeldet und an einem schönen Montagnachmittag im April begann unser erstes Treffen bei strahlendem Sonnenschein, unter einem blauen Himmel und den duftenden, bienenumschwirrten Apfelblüten im Obstgarten unserer Schule.

Ich breitete meine mitgebrachten Utensilien aus und erzählte vom Leben der Bienen im Bienenstock, ihrer Arbeitsteilung, den unterschiedlichen Aufgaben der Putz-, Ammen-, Wächter-, Flug- und Sammelbienen, vom Leben der Königin, der Arbeiterinnen und den Drohnen, und versuchte so ein Bild des Organismus Bien, des Zusammenlebens aller Bienen in einem Stock als eines lebendigen Ganzen vor den Augen der Kinder entstehen zu lassen.

Dann erzählte ich, was wir alles aus dem Bienenvolk »ernten« und gewinnen können: den Honig, das Wachs, den Pollen und das Propolis/Kittharz.

Probieren durften die Kinder den mitgebrachten Honig und Pollen und ich gab einen Ausblick, was wir alles in den nächsten Wochen gemeinsam erleben würden.

Zum Ende des ersten Treffens ging es dann an die Bienenstöcke. Die Kinder beobachteten in Ruhe und mit etwas Abstand das Treiben am Flugloch und gingen dann gespannt und erfreut nach Hause.

Zehn Mal haben wir uns getroffen, haben in die Bienenstöcke geschaut, im Schulgarten mit der Lupe Trachtpflanzen für Bienen gesucht, haben Saatgutbällchen hergestellt und zu Hause ausgesät, Honigwaben geerntet, entdeckelt, gepresst, abgefüllt und Etiketten für die Gläschen gemalt.

Wir haben mit selbsthergestelltem Bienenwachs Körbe geknetet und kleine Bienen aus Erlenzapfen und Schafswolle als Bewohner dazu gebastelt. Zum Abschluss haben wir aus flüssigem Wachs Kerzen gezogen, die die Kinder dann mit nach Hause nehmen durften und aus Ton Bienenamulette geformt, zur Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit.

Als die Bienen-AG zu Ende ging und wir uns im Abschlusskreis noch einmal vor Augen geführt haben, was wir alles gemeinsam erlebt hatten, erzählten die meisten Kinder, dass sie das Kerzenziehen am schönsten fanden. Vielleicht weil der Duft des Wachses den ganzen Raum erfüllte und die Kinder es lieben, durch eigene Tätigkeit etwas Sinnvolles herzustellen, vielleicht auch weil die Kerze beim Abbrennen beinah genauso gut duftet wie ein Bienenstock im Innern …

Unlängst sagte ein Kind: »Ist das Rapshonig? Den darf man nicht essen, der ist vergiftet!« Diese Warnung ist Ausdruck einer Verunsicherung gegenüber der Natur, in einem Lebensalter, in dem die Kinder eigentlich die Welt noch als »gut« und »schön« empfinden sollten, als etwas, das Staunen, Bewunderung und Neugier weckt. Durch meinen Umgang mit den Bienen versuche ich, den Kindern etwas vom Urvertrauen in die Weisheit der Natur zurückzugeben und ihnen gleichzeitig zu vermitteln, wie wir mit den uns anvertrauten Tieren, letztlich allen Lebewesen und unseren Mitmenschen, umgehen können, damit solche Warnungen irgendwann überflüssig werden.

Durch eine Haltung der Achtung und des Respekts voreinander und durch liebevolle Übernahme von Verantwortung verbessern wir die Welt. Wenn diese Idee das ein oder andere Kind erreicht und es zum Nachdenken und Mitmachen anregt, ist viel gewonnen.

Die Biene, die heute zum Zwecke größtmöglicher Gewinne aus ihren natürlichen Zusammenhängen herausgerissen und korrumpiert wird, braucht mehr denn je unsere Unterstützung und somit Menschen, die sich als ihre Begleiter und »Pfleger« sehen. Sie braucht unseren Schutz, unseren Einsatz für ihr Wohlergehen, unser Engagement für eine blühende Landschaft und eine pestizidfreie Landwirtschaft.

Das dient nicht nur den Bienen, sondern kommt uns allen zugute. Das Bienensterben ist nur ein Symptom für die schädlichen Folgen unseres Umgangs mit Lebewesen und letztlich auch untereinander.

Ich möchte meinen Kindern und Enkeln eine Welt hinterlassen, die von Freude und Liebe und nicht von Leid und Furcht bestimmt ist.

Zur Autorin: Barbara Leineweber ist Waldorferzieherin, Mitarbeiterin im Arbeitsfeld Praxis der Vereinigung der Waldorfkindergärten, zertifizierte Demeter-Imkerin, Mitglied bei De Immen e. V., Demeter NRW und Mellifera, Mail: de-imme-bienenberatung(at)gmx.de

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen