Ausgabe 05/24

Mit Lenkung durch die Untiefen

Heidi Käfer
Heidi Käfer


Erziehungskunst | Wie und wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Schauspielerin werden möchten?

Katja Weitzenböck | Ich habe in der zwölften Klasse an der Waldorfschule Nürnberg bei einem Klassenspiel mitgespielt. Ungewöhnlich war daran, dass es in französischer Sprache war – Rhinocerós von Ionesco. Wir hatten einen fantastischen Französischlehrer, der das so wollte. Er hatte die Rolle des Antagonisten für mich vorgesehen, eigentlich eine männliche Rolle. Ich spielte eine ziemlich schreckliche Figur. Es hat mir viel Spaß gemacht, und ich entdeckte etwas in mir, was ich vorher nicht kannte. Ich wurde sehr ergriffen von der Figur. Das hatte gleichzeitig eine große Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit und ich hatte den Eindruck von völliger Freiheit. Einige Jahre später suchte ich aus einem starken Freiheitsdrang heraus das Weite, ich bin nach Australien gegangen, dann nach New York und schließlich in Paris gelandet. So lernte ich ein Leben kennen, in dem nicht Planung, Struktur und Erwartungen alles vorgaben, wie ich es in meinem Elternhaus und in der Schule kennengelernt hatte. Plötzlich merkte ich, dass es andere Werte geben darf, die zur Entscheidung führen können. Man könnte ja auch einen Beruf wählen, weil er einem Freude macht und nicht, weil man soll oder weil es Sinn macht. Danach habe ich mir eine Schauspielschule in Paris gesucht. Und bis heute ist es so, dass mich Momente nähren, wenn die Figur mich überrascht und lebendig wird.

EK | Was reizt Sie an der Schauspielerei, hat sich das im Lauf der Zeit verändert?

KW | Ich bin gezwungen, neugierig und offen zu bleiben, mich nicht auf Erkenntnissen auszuruhen. Und das hält lebendig. Am Anfang meiner Schauspiellaufbahn habe ich mich vor allem darüber gefreut, dass Untiefen, Grautöne, die Dunkelheiten in mir, mit denen ich immer gerungen und die ich irgendwie ausgehalten habe, in diesem Beruf reinfließen konnten. Was sich verändert hat: Früher fand ich die Situationen spannend, in die sich ein Schauspieler reinfallen lässt und in einem Zustand ist, in dem man um ihn Angst haben muss. Heute möchte ich die Führung haben, weil ich glaube, dass sich die Bedeutung von Schauspieler:innen in der Gesellschaft verändert hat. Wir leben in anderen Zeiten. Wir kommen aus einer der friedlichsten Phasen der Menschheitsgeschichte und sind in einer der krisenreichsten Phasen seit dem Zweiten Weltkrieg gelandet. Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen daran zu erinnern, dass sie Menschen sind. Das habe ich schon immer als meine Aufgabe gesehen. Aber heute ist mir wichtig, zu zeigen wie es ist, in Schwierigkeiten zu geraten und Lösungen anzubieten. Deswegen geht es mir so um diesen Begriff der Führung im Sinne einer moralischen Aufgabe ganz im Sinne Schillers. Und ich spiele sicherlich anders als früher. Ich glaube, dass Humor wichtiger ist denn je. Ich empfinde Komik inzwischen als die Königsdisziplin. Ich glaube, dass sie das Zaubermittel ist, um Menschen Erkenntnisse nahe zu bringen, anstatt sie zu belehren.

EK | In welchen Bereichen hat die Waldorfschule Sie gefördert und auch gefordert?

KW | Ich war auf einer staatlichen Grundschule. Dort wurde ich vom Klassenlehrer sehr gefördert und war Klassenbeste. Dann wechselte ich an die Waldorfschule und dort wurden andere Werte vermittelt, das Tempo war sehr viel langsamer. Viele Jahre habe ich aus Gründen einer gewissen Unterforderung nebenher unter der Bank gestrickt, das haben mich die Lehrer:innen machen lassen. Hätte ich nicht jahrelang für ein Strickgeschäft in meiner Heimatstadt Erlangen während des Unterrichts Pullis gestrickt, hätte ich mich sehr gelangweilt. Ich habe an der Waldorfschule aber die Möglichkeit bekommen, Theater zu spielen. Vor einigen Jahren bei der Waldorf-Hundertjahrfeier war ich Teil einer vierköpfigen Jury für einen Theaterwettbewerb. Und da hat mich eine Aussage besonders beeindruckt: Der meistgewählte Beruf von Waldorfschüler:innen ist die Schauspielerei!
Was ich genauso wichtig finde, ist die Sicherheit mit Materialien, die ich über die Waldorfschule bekommen habe. Das alles mal ausprobiert zu haben – Metall, Holz, Ton, Papier, Stifte, Wasserfarben ... Ich habe auch immer Ideen, das irgendwie umzusetzen.
Das Dritte ist die musikalische Erziehung. Ich habe Geige gespielt. Ich habe jeden Tag geübt, natürlich macht das was mit einem. Dieses immer wieder, immer wieder, immer wieder… das wurde auch in der Schule sehr unterstützt. Ich glaube, es gibt keine andere Schule, wo das noch so ist. Ich wurde nie nach meinem Notendurchschnitt gefragt. Auf dem Lebensweg, den ich gewählt habe, war das kein einziges Mal von Relevanz. Aber diese anderen Erfahrungen nutzen mir wirklich.

EK | Wer sind für sie inspirierende Frauen? Haben sie Idole?

KW | Meine Schauspielidole sind Cate Blanchett und Meryl Streep. Cate Blanchett hat für mich auf fulminante Art und Weise hinbekommen, die Arbeit auf der Bühne mit der Arbeit vor der Kamera zu verbinden, sodass beide Bereiche sich gegenseitig inspirieren. Und dass sie Mutter einer mehrköpfigen Familie ist, das ist großartig. Da ist sie für mich ein absolutes Vorbild.
Und dann sind da inspirierende Frauen aus der #metoo-Bewegung. Mir ist heutzutage sehr viel bewusster, wie patriarchal die Welt aufgebaut ist. Mich inspirieren Frauen, die in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie Großartiges geleistet haben und gegen so viele Widerstände stießen. Ich habe heutzutage einen völlig anderen Blick auf die Leistungen von Frauen aus der Vergangenheit, wieviel schwerer das gewesen ist und wie selbstverständlich das weggewischt wurde. Also diese komplizierten, anstrengenden und kreativen Leben von Frauen – an denen orientiere ich mich heutzutage. Wir haben alle Bücherwände. 90 Prozent von dem, was da steht, ist von Männern geschrieben. Mich interessieren jetzt die anderen 10 Prozent. Und mich interessiert eine wohlwollende und sich gegenseitig stärkende Gemeinschaft an Frauen über alle Grenzen und Unterschiede hinweg.

EK | Vielen Dank!

Das Gespräch führte Heidi Käfer.

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