Ausgabe 03/26

Mobbing, Mut und die Kraft der Veränderung

Angelika Lonnemann


Ignoriert zu werden war besser, als täglich gequält zu werden.
 

«Alle Waldorfschulen müssen sich dringend der Aufarbeitung ihrer Geschichte von Gewalt und Mobbing stellen.«
 

Es ist ein sonniger Nachmittag, irgendwo in Deutschland. Der Vater Martin begleitet seinen Sohn zum Kindergeburtstag. Während die Kinder spielen, bleibt er in der Küche beim Kaffee mit einem anderen Vater stehen – einem ehemaligen Klassenkameraden, mit dem er während der Schulzeit kaum zu tun hatte. Sie kommen ins Gespräch über die alten Zeiten, über die Grundschuljahre. Und plötzlich öffnet sich bei beiden innerlich ein Fenster. Der andere erzählt von tiefen seelischen Verletzungen, die er bis heute mit sich trägt. Von Demütigungen, die immer noch wehtun. Sein Kind geht zwar in den Waldorfkindergarten – schon das war für ihn eine große Überwindung – aber in die Schule? Niemals! Die Wunden sitzen zu tief. Für Martin ist diese Begegnung ein Augenöffner. Er selbst hat drei Kinder, zwei davon gehen zur selben Waldorfschule, an der er einst Schüler war. Und obwohl auch er gemobbt wurde, obwohl auch er Gewalt erlebt hat, hat er sich für diese Schule entschieden. «Das war mir nur möglich, weil ich mir Hilfe geholt habe, um das, was ich erlebt habe, zu verarbeiten», sagt Martin, der sich seit Jahren im Elternrat der Schule engagiert.  

Die Angst im Klassenzimmer


Anfang der 1990er Jahre wird Martin in eine Waldorfschule in Deutschland eingeschult. Seine Eltern stehen der Anthroposophie nahe, die Geschwister gehen schon auf die Schule. Alles scheint gut. Doch von Anfang an läuft etwas schief. 36 Kinder werden in die erste Klasse eingeschult, zeitweise sind es später sogar 42. Der Klassenlehrer ist frisch vom Seminar, ohne Erfahrung, selbst junger Vater mehrerer kleiner Kinder. Ein Überhang an Jungen sorgt für eine besondere Dynamik. Die Klasse ist quirlig, laut. «Es herrschte viel Angst in der Klasse», erinnert sich Martin. Der Lehrer schmiss mit seinem Schlüsselbund nach den Kindern. Kinder wurden vor die Tür gestellt und mussten die ganze Wartezeit über die Türklinke drücken, damit man von innen sah, dass sie noch da waren. «Es herrschte eine permanente Angst vor Strafen», sagt Martin. Die drastischen Maßnahmen wirkten nicht, aber sie schufen ein Klima der Angst und ein schlechtes Sozialklima in der Klasse.

Besonders eingebrannt hat sich Martin eine Situation aus der dritten Klasse. Es ging ums laute Vorlesen. «Der Klassenlehrer hat Kinder, die nicht flüssig und gut gelesen haben, massiv vorgeführt», erzählt Martin. «Da wurde ein Klima etabliert, in dem es völlig in Ordnung war, jemanden vor einer Gruppe zu demütigen.» Martin entwickelt eine Überlebensstrategie. Er rechnet sich aus, wann er mit Vorlesen dran sein würde – der Lehrer geht immer von hinten nach vorne durch, jeder liest etwa 30 Sekunden bis eine Minute. Dann geht er frühzeitig auf die Toilette und spaziert im Flur hin und her, bis die Reihe an ihm vorbei ist. Ein Kind, das sich schützt, indem es flieht.

Jetzt, als wir dieses Gespräch führen, fallen Martin noch andere Strafmethoden seines Klassenlehrers ein: «Oft mussten wir zur Strafe hinter dem Stuhl oder in der Ecke stehen. Außerdem musste man sich den Mund mit Seife auswaschen, wenn man Schimpfwörter verwendet hatte. Kinder, die träumend scheinbar nicht am Unterricht teilnahmen, hat er mit Wasser aus der Gießkanne über den Kopf ‹geweckt›, wobei die Klasse laut ‹Aufwachen!› brüllen durfte.» 

Ein dankbares Opfer


Martin ist ein redeseliges, aufgeschlossenes Kind. Naiv, wie er selbst sagt. «Ich habe damals naiv mein Seelenleben vertrauensvoll in die Hände meiner Mitmenschen gelegt.» Er kann nicht gut unterscheiden, was man seinem Gegenüber erzählen sollte und was nicht, zum Beispiel erste Schwärmereien für Mädchen. Genau das macht ihn zum perfekten Ziel. «Ich war ein dankbares Opfer für Mitschüler, die Spaß daran hatten, mich zu ärgern», sagt er. Der Lehrer, beschäftigt mit Disziplin und Ruhe, bekommt das Mobbing gar nicht mit. Und in der Schule gibt es keine Strukturen, um externe Hilfe hinzuzuziehen.

Wie normalisiert Gewalt und Demütigung sind, zeigt sich auch während der ersten Klassenfahrt etwa in der sechsten Klasse. Ein Junge mit langen Haaren, der den anderen als ungepflegt gilt, wird vor versammelter Mannschaft – Lehrer und Klasse – festgehalten und ihm werden mit Gewalt die Zähne geputzt. Wasser wird ihm ins Gesicht gespritzt. Später werden darüber Witze gemacht. Konsequenzen? Keine. 

Für Martin selbst wird es irgendwann unerträglich. Es ist große Mode, das Innenleben von Tintenkillerröhrchen herauszupulen und die Hüllen als Spuckrohre zu verwenden. Weil Martin als redselig gilt und der Lehrer ihn im Blick haben will, sitzt er meist weit vorne – ein perfektes Ziel. Vollgesabberte Papierkugeln landen in seinem Nacken. Als er sich beim Lehrer beschwert, zuckt dieser nur mit den Schultern. «Ich bin dann in der Pause selbstständig nach Hause gegangen», erzählt Martin. «Ich habe es nicht mehr ausgehalten, diesen Druck, dass niemand mir hilft.» In der gesamten Klassenlehrerzeit dominierte für Martin dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Es schien unmöglich, von irgendwo Hilfe zu bekommen. «Mir wurde von meinen Eltern geglaubt und mir wurde zugehört, aber dennoch passierte nichts.»

Der gescheiterte Fluchtversuch


Irgendwann versuchen die Eltern einen anderen Weg. Sie vereinbaren Probetage für Martin an einer staatlichen Gesamtschule in der Nähe, eine Schule mit hohem Migrationsanteil. Martin soll eine Woche dortbleiben. Nach zwei Tagen bricht er ab. «Es war so fremd und überfordernd für mich, dass ich gesagt habe, das, was ich kenne, ist mir sicherer», erklärt er. Das Bekannte, so schmerzhaft es war, fühlte sich sicherer an als das Fremde. Eine paradoxe Entscheidung, die zeigt, wie tief Martin bereits verunsichert war. 

Nach dem gescheiterten Schulwechsel gibt es wieder intensive Gespräche der Eltern mit dem Klassenlehrer. Danach wird Martin vom Großteil der Klasse ignoriert. «Das hat mich aber unheimlich entlastet», sagt er. Ignoriert zu werden war besser, als täglich gequält zu werden. Was ihm hilft: eine kleine, eng verbundene Freundesclique, die durchgehend zu ihm hält. «Ich war nie völlig freundeslos.» Zwei dieser Freundschaften bestehen bis heute. In der Oberstufe wird es deutlich besser. Ein erfahrener Lehrer kann die Dynamik der Klasse in eine gute Richtung lenken. Außerschulische Aktivitäten und Gemeinschaften geben Martin Halt – die evangelische Kirche, die Konfirmand:innenzeit. 

Die Last, die bleibt


Und dann ist da diese Begegnung beim Kindergeburtstag. Der ehemalige Klassenkamerad, der «bis heute ganz tiefe seelische Verletzungen mit sich trägt», der nie eine Therapie gemacht, nie aufgearbeitet hat. «Das Trauma der Kindheit hat er bis heute nicht verwunden», sagt Martin nachdenklich. Er selbst konnte Hilfe in Anspruch nehmen. Zweimal war er in Therapie: als junger Erwachsener kurz nach der Schulzeit und später, als er selbst Vater wurde. «Ich hatte ein Elternhaus und später eine Partnerin, die das immer als einen wichtigen Punkt sahen. Ich konnte immer offen drüber reden, dass ich mir Unterstützung geholt habe.»

Der Wandel


Warum also gibt Martin seine eigenen Kinder ausgerechnet an die Schule, an der er selbst so viel Schmerz erlebt hat? Als Pädagoge, der im Regelschulsystem tätig ist und Einblick in viele verschiedene Schulformen hat, sagt er: «Die Waldorfpädagogik ist, wenn sie nicht gerade von unfähigen und alleingelassenen Menschen praktiziert wird, aus meiner Sicht immer noch eine Herangehensweise, den kindlichen Bedürfnissen am nächsten zu kommen.» Außerdem hat er festgestellt, dass seine alte Schule heute eine andere ist. Heute gibt es zum Beispiel Schulsozialarbeit für die Mittel- und Oberstufe. Zwei Vollzeitkräfte für eine Schule – auch wenn Martin findet, dass das immer noch zu wenig ist. In den beiden ersten Schuljahren gibt es ein Team-Teaching-Modell. Keine Klassenlehrkraft ist allein in den oft immer noch großen Klassen, es gibt immer eine zweite erwachsene Person im Raum. «Das ist ganz wichtig», betont Martin. Denn was er erlebt hat, war auch das Ergebnis einer Isolation. Ein junger, überforderter Lehrer, allein mit 40 Kindern, ohne Kontrollinstanz, ohne Entlastung.

Heute werden alle Schüler:innen am Ende der Unterstufe durch eine besondere Epoche «streitkundig» gemacht. Die Schulsozialarbeiter:innen sind in allen Pausen ansprechbar. Es gibt eine aktive Schüler:innenvertretung in Mittel- und Oberstufe. Partizipative Projekte, bei denen die Schüler:innen Wirksamkeit erfahren. Besonders heilend war für Martin jüngst die Mitarbeit am Schutzkonzept, zu der der Elternrat eingeladen wurde und bei der auch ein externer Dienstleister mitgearbeitet hat. Bei Workshops wurde erkannt, dass die Machtposition der Klassenlehrkraft in der Waldorfschule ein zweischneidiges Schwert ist. «Was wir auf der einen Seite so großartig finden, kann man auch genauso verdammen. Und da muss es unbedingt Kontrollinstanzen geben. Ich glaube, die sind bei uns noch nicht perfekt, aber sie sind gut einbezogen, sodass man sich darauf verlassen kann, dass es zu solchen Ereignissen wie in meiner Kindheit nicht mehr kommen kann», sagt Martin.

Was bleibt


Eine Aufarbeitung der Vergangenheit mit jener überforderten Lehrkraft hat an der Schule bisher nicht stattgefunden. «Es wird einfach nicht drüber geredet.» Das ist Martin wichtig zu erwähnen. Und er hat eine klare Forderung: «Für alle Waldorfschulen wäre es dringend nötig, sich noch viel proaktiver der Aufarbeitung der Geschichte zu stellen – auch der lokalen Geschichte einzelner Schulen.» Er wünscht sich, dass der Bund der Freien Waldorfschulen dies ähnlich verbindlich einfordert wie das Gewaltschutzkonzept, zu dem 2022 alle Waldorfschulen verpflichtet wurden. 

Martin hat Schmerz und Heilung erlebt, er konnte beobachten, wie Strukturen, wie die an seiner alten Schule, verändert werden können. Einmal erlebtes Mobbing kann Menschen ein Leben lang prägen. Seine Geschichte zeigt auch, wie unterschiedlich Menschen mit Traumata umgehen. Im Gegensatz zu seinem Klassenkameraden war er in der Lage, sich Unterstützung zu holen. Martin hat seinen Frieden gemacht. Er engagiert sich im Elternrat, er kämpft dafür, dass sich die Strukturen an seiner ehemaligen Schule weiter verbessern. Und er schickt bald auch noch sein jüngstes Kind auf die Schule, die ihm so viel Schmerz bereitet hat – weil er sieht, dass es besser geworden ist. 

«Das, was ich kenne, ist mir sicherer» – dieser Satz von damals hat heute eine andere Bedeutung. Nicht mehr die Angst vor dem Fremden lässt ihn bei der Waldorfschule bleiben, sondern die Hoffnung auf das, was möglich ist, wenn Menschen bereit sind, sich zu verändern. 

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