Ausgabe 05/26

Nach dem Frieden greifen

Lieve Quentin

Zwei Seiten aus der Jahresarbeit der Potsdamer Abiturientin Lieve Quentin.

Zitat: »Mir ist aufgefallen, dass man Frieden nicht findet, wenn man ihn sucht.«


Ich hatte zu Beginn meiner Arbeit ein klares Ziel vor Augen, nämlich den Begriff Frieden greifbar zu formulieren und diesen für mich und mein Umfeld wirklichkeitsgetreu vermitteln zu können. Es sollte nicht etwas sein, wovon man nur träumt, worüber geredet wird oder wonach man sich sehnt. In einer Zeit scheinbar langfristiger globaler Konflikte und nie zu Ende kommenden Leidens wollte ich auch für mich auf etwas Positives und Lösungsorientiertes schauen. Mir war klar, nicht alle Weltprobleme lösen zu können, wenn ich mich mit diesem Thema auseinandersetzte, aber vielleicht würde es mir am Ende gelingen, ein Bild davon zu malen, wie eine Welt in Frieden aussehen könnte. Diese Hoffnung erwies sich im Rückblick leider als zu optimistisch. 

Definitionen, Gegenbegriffe und offene Fragen


Ich fing mit der Frage nach der Definition des Begriffes Frieden an, mit der Herkunft des Wortes in verschiedenen Sprachen, und stand am Ende des Jahres noch immer mit derselben Frage und keiner für mich befriedigenden Antwort da, weil «die Abwesenheit von Krieg» als Definition in meinen Augen nicht immer direkt Frieden heißt. Sicher kann ich sagen, dass ich in einem Land lebe, das heute nicht auf eigenem Boden aktiv Krieg betreibt, aber trotzdem würde ich unsere Gesellschaft nicht als friedlich oder allzu offen bezeichnen. Mindestens das Antonym von Frieden wollte ich suchen, damit ich wüsste, was es nicht ist, und dann schauen könnte, was übrig bleiben würde. Aber «Krieg» schien mir zu ungenau, zu breit gefasst und zum Teil zu extrem. «Konflikt» und «Chaos» hingegen schienen mir zum Frieden nicht konträr genug.

Ich hätte eigentlich allein über die Frage «Was ist Frieden?» eine eigene Jahresarbeit machen sollen, um am Ende vielleicht eine passende Antwort finden zu können. Gleichzeitig wusste ich nicht, was ich mit der Antwort hätte anfangen können. 

John Lennons Botschaft


Ich begann dann, Lieder und Kunstwerke zu sammeln, denn die Kunst kann Dinge oft ohne Worte und nur mit Gefühlen erfassen. Auch Zitate sammelte ich von Wissenschaftler:innen und Politiker:innen, vor allem aber von Künstler:innen, die sich mit der Friedensthematik auseinandergesetzt haben. Eines der wichtigsten Zitate, das meine Jahresarbeit geprägt und weitergeführt hat, ist von dem Musiker John Lennon: «Peace is not something you wish for. It is something you make, something you do, something you are and something you give away», auf Deutsch: «Frieden ist nicht etwas, was man sich wünscht. Es ist, was man macht, was man tut, etwas, das man ist, und etwas, was man gibt.»

Diese Annäherung scheint mir jedoch eher die Definition von Friedfertigkeit zu sein, also die Fähigkeit und das Handeln der Menschen zu einem friedlichen Leben. Ich finde den Begriff Friedfertigkeit sogar wichtiger als das Wort Frieden selbst, da Frieden für mich einen Zustand beschreibt und Friedfertigkeit eine Aktivität, die auch von einzelnen Menschen ausgehen kann. Als ich ein Oberstufenprojekt zum Thema Friedfertigkeit mitgeleitet habe, war es genau dieses Handeln, womit wir uns beschäftigt haben. Neben dem Üben einer Praxis der Mediation brachte ich immer wieder Persönlichkeiten aus der Geschichte und historische Ereignisse als Beispiele mit in die Gruppe.

Frieden im Alltag: Suchen, Wahrnehmen, Zweifeln


Ich würde sehr gerne berichten, dass ich ein Jahr mit Frieden und gleichsam automatisch im Frieden gelebt habe, dies war aber nicht der Fall. Vor allem in der Zeit des Oberstufenprojektes versuchte ich immer wieder, Frieden in der jetzigen Zeit wiederzuerkennen oder etwas wahrzunehmen, was mir bestätigen könnte, dass es Frieden auf der Welt gibt, um im Rahmen des Projektes darüber mit den Teilnehmenden zu sprechen. Und es gibt ihn wahrscheinlich irgendwo auf der Welt, vielleicht, hoffentlich auch an mehreren Orten.

Während ich mich mit dem Thema Frieden beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass man Frieden nicht findet, wenn man ihn sucht. Es wird höchstwahrscheinlich nie eine Zeit geben, in der überall berichtet wird, dass alle im Frieden leben. Nicht nur, weil ich befürchte, dass es diese Zeit niemals geben wird, sondern vor allem, weil wir es erst im Nachhinein wissen werden, sobald ein neuer Krieg oder neue internationale Konflikte auftauchen und die friedliche Zeit wieder zerstören.

Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass ich in einem Land beziehungsweise in einer Kultur lebe, in der ich vielleicht durchaus im Frieden leben könnte, wenn ich keine Nachrichten mehr konsumieren würde. Aber wie der Spruch besagt: «Wissen ist Macht, nicht wissen macht nichts.» Also muss ich wissen, damit ich etwas machen kann.

Fazit: Der Weg als Ziel


Ich glaube nicht, dass ich mein Ziel wirklich erreicht habe, vor allem, weil ich eine Büchse der Pandora mit Fragen geöffnet habe. Aber wenn jetzt in meinem Umfeld die Rede von Frieden ist, denke ich nicht direkt an einen idealistischen, festen Zustand. Vielmehr denke ich an den Weg dorthin, egal wie weit weg die Ziele erscheinen. Vielleicht ist der Weg schon das Ziel. Ich weiß, dass viele Menschen diesen Weg der Friedfertigkeit nicht gehen und ihn unscheinbar machen für die, die ihn suchen, aber andere gehen ihn, und das sollte mich ermutigen, ihn auch zu gehen.

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.