Als wir am Deich ankommen, ist das Wasser verschwunden … Warum? Was für eine wunderbare Möglichkeit: Wir können uns Zeit nehmen und sie uns oder auch jemand anderem schenken – zusammen mit unserer Aufmerksamkeit. In einer Zeit, in der alles immer schneller wird und ein Großteil unserer Aufmerksamkeit von digitalen Geräten eingefangen wird, scheint das nicht selbstverständlich, wird geradezu zu einem Willensakt: Ich bestimme selbst, womit ich meine Zeit verbringe! Ich habe die Wahl, meine Lebenszeit der Begegnung zu widmen, der Begegnung mit der Welt, mit dem Anderen und mit mir selbst. Wenn ich mir die Zeit nehme, kann ich lauschen, was die Welt mir zu sagen hat.
Ich kann, wie Hartmut Rosa es nennt, in Resonanz gehen und damit eine tiefe innere Sehnsucht erfüllen, die in einer schnellen, an Verfügbarkeit gewöhnten Welt allzu oft unbeantwortet bleibt.
Ich kann mir die Zeit nehmen, aufmerksam anderen Menschen zu begegnen, ihnen zuzuhören, sie zu sehen und ein Stück weit zu verstehen.
Ich kann in der Begegnung mit Welt und Du das Potential der Ich-Werdung erleben, wie Martin Buber es mit den Worten «Am Du zum Ich werden» beschrieben hat.
Ich kann durch künstlerisches Tun, Eurythmie oder Meditation mir selbst begegnen. Ein Geben und Nehmen? Nein, eher ein Widmen und Empfangen. Ein Sich-und-andere-stärken-und-erfrischen, das wir im Persönlichen, aber auch in der Gemeinschaft und im Beruf, im kollegialen Miteinander, in der Konferenz und im Unterricht immer wieder üben können.
Im #waldorflernt Online-Dialog zum Thema Spiritualität war den Anwesenden besonders die gelebte Spiritualität wichtig, die sich zum Beispiel in einer achtsamen Haltung im Umgang mit Kolleg:innen, Schüler:innen und Eltern ausdrückt, in der Bereitschaft, unser Gegenüber als Mensch mit eigenen Zielen und eigenem Potenzial wahrzunehmen. Aber auch gemeinsame Momente der Achtsamkeit und Stille und natürlich eine Begegnung mit der Natur tragen zu einem Sich-eingebunden-fühlen bei. Und auch die offene Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen wird diesbezüglich als Bereicherung erlebt. Es gibt viele Möglichkeiten, Spiritualität zu verstehen und zu leben – sowohl alleine als auch im Dialog. Uns Zeit zu nehmen und Aufmerksamkeit zu schenken, sind erste, wesentliche Schritte auf einem Weg.
Ausgabe 10/25
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