Bild oben: Schüler:innenarbeiten zum Thema Diktaturen im 20. Jahrhundert. Gulag-System in der Sowjetunion und selbst verfasste Gedichte zur Diktatur Pinochets in Chile.
Bild unten: Objekt aus dem Geschichtsunterricht: Landkarte mit Stacheldraht.
«Wenn man sich zu sehr auf Klausuren konzentriert, engt man die Potenziale der Schüler:innen ein.»
Es gibt viele Wege, sich Wissen anzueignen, beispielsweise kleine szenische Spiele – etwa im Biologieunterricht, zum Aufbau der pflanzlichen Zelle. Oder Portfolioarbeit, Präsentationsformate, Videoproduktionen und Podcasts. Die Lehrkräfte der gruuna Schule in Chemnitz wollen das Lernen nicht auf eine einzelne Ausdrucksform verengen, sie möchten den Zugang zu Wissen breit und facettenreich gestalten – im Klassenzimmer ebenso wie außerhalb der Schule. «Lernen im Leben» heißt ein zentraler Schwerpunkt der Schule. Die Schüler:innen sind regelmäßig auch außerhalb des Klassenzimmers unterwegs, etwa in Museen, Betrieben und auf Exkursionen. Erfahrungen aus der Realität greifen tiefer als rein theoretisch erlernte Inhalte, so die Überzeugung der Pädagog:innen.
«Wir sind Entwicklungshelfer. Wir helfen den Schüler:innen, sich zu entwickeln, und schaffen Möglichkeiten, bei denen sie leuchten können», sagt Susanne Kempe-Fenton. Sie ist Klassenlehrerin der achten Klasse, Tutorin in der Oberstufe, Lehrerin für Deutsch und Geschichte sowie Teil der Schulleitung. Den Schüler:innen verschiedene Formen des Lernens anzubieten, ist Ausgangspunkt des pädagogischen Konzepts der Schule.
Inklusion leben
Die gruuna Schule ist eine Freie Waldorfschule im Aufbau. Gegründet wurde sie im Jahr 2018. Seit Beginn liegt der Fokus auf Inklusion: Kinder mit Legasthenie oder weiteren Lernbesonderheiten lernen gemeinsam mit allen anderen in einer Klasse. Die Klassenstärke liegt in den unteren Jahrgängen bei etwa 25 Schülerinnen und Schülern, in der Oberstufe bei rund 15.
«Legastheniker sind Bilddenker und Bildlerner», erklärt Susanne Kempe-Fenton. Also braucht es alternative Zugänge zum Stoff – jenseits des rein Schriftlichen. Hier setzt die Schule gezielt digitale Werkzeuge ein, um Lesen, Hören und Verstehen zu entkoppeln. Ab der fünften Klasse arbeiten die Schüler:innen mit schuleigenen Tablets. Diese ersetzen jedoch nicht die klassischen Epochenhefte. «Die Tablets sind ein weiteres Werkzeug im Werkzeugkasten», sagt Kempe-Fenton. Schüler:innen mit Leseschwierigkeiten profitieren in besonderem Maße von der technischen Unterstützung: Texte können vorgelesen werden, Aufgabenstellungen sind digital abrufbar und ebenfalls auditiv zugänglich. Mit der schuleigenen App Leseheld wird Text vorgelesen und gleichzeitig visuell markiert, um das Verständnis zu erleichtern.
Die Schule stellt nicht nur technische Hilfen bereit, sondern versucht, unterschiedliche Formen des Lernens grundsätzlich mitzudenken. Dazu gehört auch der frühe Unterricht in Chinesisch als zweiter Fremdsprache. Die Idee dahinter: Bildsprachliche Systeme können manchen Lernenden leichter zugänglich sein. «Jede Klasse ist wie ein bunter Blumenstrauß. Wir wollen jeder Blume das Umfeld geben, in dem sie aufblühen kann», so Kempe-Fenton.
Lernfortschritt vom Lesen abkoppeln
Ein wichtiger Baustein in der Oberstufe ist das projektorientierte Lernen. Ein Beispiel dafür ist der Geschichtsunterricht zum Thema Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert. Die Schüler:innen wählen individuelle Schwerpunkte, etwa den italienischen Faschismus, die Sowjetunion, die Gulags oder die Diktaturen in Spanien oder Chile. Die Ergebnisse werden künstlerisch umgesetzt und in einer Ausstellung präsentiert, ergänzt durch eine kurze schriftliche Ausarbeitung und eine mündliche Erläuterung. «Ein Schüler hat im Geschichtsprojekt zur Ur- und Frühgeschichte ein Klavierstück selbst komponiert, wobei er die erste Darstellung der Gestirne der Menschheit – die Himmelsscheibe von Nebra aus der Bronzezeit – klanglich auszudrücken versuchte», berichtet Susanne Kempe-Fenton. «Das war sehr beeindruckend.»
Projekte sollen dabei nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern auch Selbstständigkeit und Verantwortung fördern. So gehört auch das Projekt Führungskompetenz zum Curriculum. Schüler:innen organisieren Führungen am Tag der offenen Tür, leiten Workshops für Jüngere oder gestalten eigene Angebote, etwa im Bereich Sport oder Tierpädagogik.
Das selbstständige Arbeiten in Projekten wird von den Lehrkräften auch außerhalb des Fachunterrichts pädagogisch begleitet. Ein fester Bestandteil der Oberstufe ist das wöchentliche Lern Café: zwei Stunden, in denen die Schüler:innen in ruhiger Atmosphäre an ihren Projekten arbeiten können. Vier Lehrkräfte aus verschiedenen Fachbereichen stehen dabei als Ansprechpartner:innen zur Verfügung. «Das Lern Café ist eine tolle Möglichkeit, ins eigenständige Arbeiten zu kommen», sagt Raphael Ries, Schüler der zwölften Klasse. «Man sitzt nicht allein zu Hause, sondern kann sich mit Lehrkräften verabreden, um individuelle Projekte zu besprechen oder auch konkret umzusetzen.»
Die veränderten Lernformen spiegeln sich auch im Bewertungssystem der Schule wider. Die Leistungskultur ist bewusst breit angelegt. Schriftliche Prüfungen spielen zwar weiterhin eine Rolle, stehen aber nicht im Zentrum. «Wenn man sich zu sehr auf Klausuren konzentriert, engt man die Potenziale der Schüler:innen ein», sagt Kempe-Fenton. Statt einer klassischen Klausur entstehen Installationen, Bildarbeiten oder multimediale Präsentationen, mit denen die Jugendlichen Zusammenhänge sichtbar machen. Die Ausstellung wird dabei selbst Teil des Lernprozesses: Die Schüler:innen präsentieren ihre Arbeiten, beantworten Fragen und diskutieren mit Mitschüler:innen und Lehrkräften.
Ziel ist es, unterschiedliche Stärken sichtbar zu machen. Bewertet wird anhand transparenter Bewertungsbögen und ausführlichem Feedback. Die Ergebnisse werden digital dokumentiert und sind jederzeit einsehbar.
Certificate of Steiner Education
Das breite Verständnis von Lernen und Leistung setzt sich auch im Abschlusssystem der Oberstufe fort: Die Schüler:innen erwerben das Certificate of Steiner Education (CSE), einen international anerkannten Abschluss aus Neuseeland, der Teil eines weltweiten Netzwerks ist. Die gruuna Schule ist Mitglied dieses CSE-Netzwerks. Das Programm umfasst drei Jahre – die Klassen 10 bis 12 – und drei Level. In Projektarbeiten sammeln die Jugendlichen insgesamt 150 Leistungspunkte. Die Arbeiten werden nicht nur intern bewertet, sondern zusätzlich von externen Gutachter:innen aus dem Netzwerk überprüft. Parallel dazu besteht die Möglichkeit, staatliche Schulabschlüsse wie Hauptschulabschluss, Realschulabschluss oder Abitur zu erwerben.
Gemeinsam versuchen Schule und Schüler:innen, das CSE in der Region bekannter zu machen, etwa bei einer Unternehmerkonferenz im April. Die Veranstaltung war gut besucht, das Interesse der Unternehmer groß und die Reaktionen auf das Lernkonzept positiv.
Die gruuna Schule versteht Oberstufe nicht nur als Vorbereitung auf Prüfungen, sondern als Phase zunehmender Eigenverantwortung. Ein breites Angebot an Möglichkeiten soll den Jugendlichen helfen, ihren eigenen Zugang zum Lernen zu finden – und Fähigkeiten sichtbar zu machen, die im klassischen Unterricht oft wenig Raum bekommen.
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