Nicht Kapitalismus und nicht Sozialismus. Rudolf Steiner als Gesellschaftsreformer

Von Albert Schmelzer, Februar 2011

Eines der bewegendsten Kapitel im Leben Rudolf Steiners sind die Monate zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegss und der Begründung der Waldorfschule. Seine in dieser Zeit unternommene Initiative für eine Dreigliederung des sozialen Organismus war eng mit den damaligen gesellschaftlichen Umbrüchen verflochten und wird erst vor ihrem Hintergrund verständlich.

Einladung zur Emanzipation

Im Herbst 1918 fegte eine revolutionäre Massenbewegung die autoritäre Ordnung des Kaiserreichs hinweg und führte im November 1918 zur Ausrufung der Republik. Analysiert man die Motive und Ziele, die in der Bewegung der »Arbeiter- und Soldatenräte« lebten, so trifft man auf einen dreifachen Impuls der Selbstbestimmung.

Im politischen Bereich strebten die Räte eine repräsentative Demokratie an, verbunden mit der Forderung nach einer wirksamen Kontrolle der alten Machteliten im Heer und in der Verwaltung. Da sie der Auffassung waren, die kapitalistische Ordnung habe sich überlebt, wollten sie im Wirtschaftsleben das uneingeschränkte Privateigentum an Produktionsmitteln überwinden und eine Mitbestimmung der Werktätigen über Betriebsräte ermöglichen. Schließlich zeigte sich das Streben nach Selbstbestimmung auch im kulturellen Leben, besonders bei den Künstlern. Anfang 1919 wurde ein Arbeitsrat für Kunst gegründet, dem Maler wie Lyonel Feininger und Emil Nolde sowie die Architekten Walter Gropius und Bruno Taut angehörten. Sie strebten eine Befreiung des gesamten künstlerischen Unterrichts von der Bevormundung durch den Staat an. Bei den Reformpädagogen waren ähnliche Tendenzen vorhanden; man suchte eine staatsunabhängige, autonome Schule zu realisieren.

So zeichnete sich Ende 1918 ein fundamentaler kultureller, sozialer und politischer Umschwung in der Gesellschaft ab.

Was viele erhofften, konnte sich aber in der Folgezeit nicht durchsetzen. Die soziale Bewegung spaltete sich. In den Kämpfen zwischen der SPD und der sich formierenden KPD ging die breite Mitte des ursprünglichen Aufbruchs verloren. Der Spartakusaufstand im Januar 1919 und seine blutige Niederschlagung markierten die zunehmende innenpolitische Radikalisierung und Brutalisierung, die sich bis zum Ende der Münchner Räterepublik im Sommer 1919 fortsetzte. 

Die Geburt der sozialen Dreigliederung 

In diesen für die deutsche Geschichte so folgenschweren Monaten stellte ein kleiner Kreis von Anthroposophen an Rudolf Steiner die Frage, ob sich nicht aus der Geisteswissenschaft Ideen für eine neue soziale Gestaltung ergeben könnten. Dieser stimmte unmittelbar zu, hatte er doch den Eindruck, dass der dreifache Selbstverwaltungsimpuls der Rätebewegung der von ihm während des Krieges entwickelten »Dreigliederung des sozialen Organismus« entsprach: Freiheit als Gestaltungsprinzip des Geisteslebens, Gleichheit und damit Demokratie als Grundprinzip des Rechts­bereichs und der staatlichen Verhältnisse, Brüderlichkeit als Leitmotiv für das Wirtschaftsleben.

In wenigen Wochen schrieb er das Buch »Die Kernpunkte der sozialen Frage« und gab damit den noch diffusen Bestrebungen der Volksbewegung eine theoretische Grundlage: Die neuzeitlichen Sozialideen des Liberalismus, der Demokratie und des Sozialismus, die sich schon in der Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der französischen Revolution artikuliert hatten, lassen sich nicht in einem Einheitsstaat realisieren, sondern nur in relativ selbstständig agierenden Funktionssystemen. Dieses Konzept findet seinen prägnanten Ausdruck in dem von Steiner entworfenen Flugblatt »Der Weg des dreigliedrigen sozialen Organismus«. Darin heißt es:

»Dieser Impuls fordert die völlige Verselbstständigung des Geisteslebens, einschließlich des Erziehungs- und Schulwesens. Er sieht die Ursachen des geistigen Unvermögens unserer Zeit in der Aufsaugung der Geisteskultur durch den Staat …

Dieser Impuls fordert die Einschränkung des Staatslebens auf alle diejenigen Lebensverhältnisse, für die alle Menschen voreinander gleich sind. ....

Dieser Impuls fordert ein Wirtschaftsleben, in dem der Arbeiter dem Arbeitsleiter so gegenübertritt, dass zwischen beiden ein freies Gesellschaftsverhältnis über Leistungen vertragsmäßig zustande kommen kann, so daß das Lohnverhältnis völlig aufhört. Dazu ist die völlige Sozialisierung des Wirtschaftslebens notwendig ...« – eine Sozialisierung, die sich in assoziativen Verständigungsprozessen von Produzenten, Händlern und Konsumenten über eine gerechte Preisgestaltung realisieren sollte.

Diese wenigen Sätze mögen genügen, um anzudeuten, wie Rudolf Steiner die Ideen der Novemberbewegung 1918 aufgriff, ein gedanklich eigenständiges Konzept entwickelte und jenseits von westlichem Parlamentarismus und öst­licher Parteidiktatur den Weg einer freiheitlichen, demokratischen und solidarischen Gesellschaft wies. 

Das Abenteuer politischer Aktion 

Aber Steiner begnügte sich nicht damit, eine ideelle Linie sozialer Gestaltungsmöglichkeit zu skizzieren, sondern ließ sich auf das Abenteuer politischer Aktion ein. Nach einer knappen Vorbereitungsphase begann ab Ostern 1919 in Stuttgart eine Kampagne für die Realisierung der sozialen Dreigliederung. Zwischen April und September 1919 hielt Steiner fast täglich Vorträge vor unterschiedlichstem Publikum: vor den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft, in den großen Sälen der Stadt, in den Stuttgarter Großbetrieben, unter anderem bei Daimler und Bosch. Liest man die Nachschriften dieser Vorträge, so wird nachvollziehbar, wie er die Herzen seiner Zuhörer erreichte. Ihnen wurde nicht doziert, sondern sie wurden unmittelbar angesprochen: »Sehen Sie, es kann heute einer kommen und sagen: Ja, sieh mal, du bist der Ansicht, dass es künftig nicht mehr faulenzende Rentiers geben darf? – Jawohl, ich bin dieser Ansicht.« Da herrschte humorvolle Polemik, etwa gegen einen Staat, der nur deshalb die Kleinkinder-Erziehung noch nicht übernommen habe, »weil ihm die ersten Erziehungsjahre des Menschen zu unreinlich verlaufen.«

So wird verständlich, dass die Dreigliederungsidee nicht nur bei den Arbeitern »zündete«, sondern auch in liberalen Kreisen des Bürgertums. An die 12.000 Menschen stellten sich hinter eine Resolution, welche die württembergische Regierung aufforderte, Steiner unverzüglich zu berufen, um die Dreigliederung des sozialen Organismus, »die einzige Rettung aus dem drohenden Untergang«, sofort in Angriff zu nehmen.

Selbstverständlich dachte die von der SPD geführte Regierung unter Ministerpräsident Wilhelm Blos nicht daran, auf diese Forderung einzugehen. Als dann das »Arbeiterkommitee für soziale Dreigliederung« zur Wahl von »wilden« Betriebsräten aufrief  – das Betriebsrätegesetz war noch in Vorbereitung –, formierte sich der Widerstand der württembergischen Arbeitgeber: der »Bund für Dreigliederung« habe enge Beziehungen zu Kommunisten und strebe eine Räteherrschaft an. Umgekehrt witterten die Linkssozialisten einen Einbruch in ihre Domäne und warfen den Dreigliederern anarchistische Umtriebe vor. – Zwischen den Fronten solcher Parteipositionen wurde die Dreigliederungskampagne zerrieben. 

Was von der sozialen Dreigliederung übrig blieb: die Waldorfschule 

Eine Einrichtung aus der damaligen Zeit aber überlebte und gewann eine weltweite Bedeutung: die Waldorfschule, die am 7. September 1919 gegründet wurde. Die Waldorfschule ist damals als Höhepunkt der Dreigliederungsbewegung empfunden worden. Als »freie Schule« mit relativer Unabhängigkeit von staatlichen Richtlinien machte sie ernst mit dem Gedanken eines sich selbst verwaltenden Geisteslebens. Als Schule vor allem für die Kinder der Angestellten und Arbeiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria überbrückte sie den Abgrund zwischen den sozialen Klassen. Schließlich sorgte sie für Chancengleichheit – auch durch die damals keineswegs übliche Koedukation von Jungen und Mädchen.

Angesichts der Erfolgsgeschichte der Waldorfschule drängt sich die Frage auf, ob Steiner zwar als Pädagoge reüssierte, als Gesellschaftsreformer aber scheiterte. Eine solche Frage verlangt eine differenzierte Antwort. Einerseits wird im geschichtlichen Rückblick deutlich, dass die Dreigliederungskampagne wenig Aussicht auf Erfolg hatte – dazu war die Zahl der Mitarbeiter und auch ihre politische Erfahrung zu gering. Andererseits zeigt sich, dass in der entscheidenden Umbruchphase nach dem Ersten Weltkrieg jede Chance ergriffen werden musste, der sich bildenden Republik ein freiheitliches und demokratisches Fundament zu geben und die Arbeiterschaft in die neue Ordnung einzugliedern. Dass dieses Ziel nicht erreicht wurde, gehört zur Tragik der Weimarer Republik und zur Tragik der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 

Die soziale Dreigliederung lebt fort 

Dennoch ist die Idee einer sozialen Dreigliederung nicht ohne Wirksamkeit geblieben. Vor allem der Künstler Joseph Beuys hat mit seiner Idee der sozialen Plastik an das Dreigliederungs-Konzept angeknüpft, das dann auch bei der Gründung der Grünen eine Rolle spielte. Eng damit verbunden waren Impulse zur Weiterentwicklung der Demokratie wie die dreistufige Volksgesetzgebung, das »Omnibus-Unternehmen für direkte Demokratie« und die »Initiative Demokratie entwickeln«, die Anfang der 1990er Jahre mit der Durchsetzung des Volksentscheids auf kommunaler Ebene in Bayern einen  Durchbruch erzielen konnte.

Auch in der Bewegung für eine gerechtere Gestaltung der Globalisierung spielen Aktivisten der Dreigliederung eine wichtige Rolle. Der philippinische Anthroposoph Nicanor Perlas erhielt 2003 den alternativen Nobelpreis für sein auf der Dreigliederung aufbauendes Konzept der philippinischen Agenda 21, das die Zivilgesellschaft als dritte Kraft neben der Regierung und den Wirtschaftsorganisationen versteht.

Zudem sind gemeinwirtschaftlich orientierte, aus dem Geist der Dreigliederung hervorgegangene Banken wie die GLS-Bank in Bochum oder die niederländische Triodos-Bank zu wichtigen Alternativen im Bankwesen aufgestiegen.

Auch das viel beachtete Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens in Verbindung mit einer Steuerreform in Richtung einer Konsumbesteuerung, das vom Gründer der Drogeriemarkt-Kette »dm«, Götz Werner und von dem Steuerfachmann Benediktus Hardorp vertreten wird, hat seine Wurzeln in der anthroposophischen Sozialauf­fassung und der von Steiner schon 1905 vertretenen Idee einer Entkopplung von Arbeit und Einkommen.

Schließlich stellt im Grunde jede Waldorfschule, jedes Krankenhaus, jede heilpädagogische Einrichtung, die sich in ihrer Sozialgestalt am Selbstverwaltungsgedanken der Dreigliederung orientiert und eine kollegiale Führung praktiziert, eine Dreigliederungsinitiative dar.

»Keime mussten gelegt werden« – äußerte sich Steiner rückblickend auf das Jahr 1919. Wachsen können sie nur, wenn eine unbefangene Auseinandersetzung mit dieser fundamentalen Idee sozialer Gestaltung in Gang kommt. 

Zum Autor: Dr. Albert Schmelzer ist Dozent an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim 

Literatur:

Udo Herrmannstorfer: Scheinmarktwirtschaft. Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1991

Albert Schmelzer: Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls, Stuttgart 1991

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