Ausgabe 03/26

Normalität – progressiv statt konservativ

Sarah Zelt


24 Tage zuvor, 24 Monate. Der Moment, in dem er Aria kennenlernt, ausgerechnet auf einem Friedhof und dort von ihrem Hund gejagt wird. Peinlich, aber ohne dieses Ereignis wäre er jetzt nicht hier. Kurz davor, das zu tun, von dem viele Teenager um ihn herum sprechen, aber irgendwie doch keiner wirklich eine Ahnung hat. Gut, dass es seine große Schwester gibt und seine Oma, die erstaunlich locker sein kann und mehr erlebt hat, als er ihr zugetraut hätte.

Sehr offen und in fast flapsigem Ton nimmt Neon die Lesenden mit in sein Gefühls- und Alltagsleben, das durch seine erste Liebesbeziehung plötzlich lauter erste Male hervorbringt. Einfühlsam werden die Ängste, Zweifel, aber auch die Komik und die Pannen der Entdeckung der eigenen Sexualität erzählt. Mit erstaunlicher Leichtigkeit gelingt Autor Jason Reynolds eine positive, behutsame und zeitgemäße Darstellung eines Jungen, der seine Sexualität innerhalb des geschützten Rahmens einer verständnisvollen Familie und eines diversen Freund:innenkreises zu entwickeln beginnt.

Dabei stehen Respekt, Zuneigung, Konsens und Kommunikation im Zentrum einer locker erzählten Geschichte, die männliche Sexualität nicht problematisiert, sondern ein positives Beispiel gibt. Die Charaktere sind humorvoll und mehrdimensional gezeichnet und lassen die Lesenden durch den szenischen Schreibstil sehr direkt ins Geschehen eintauchen.

Teilweise wird sehr deutlich, dass die Geschichte in den USA spielt und nicht alle Kontexte lassen sich eins zu eins auf europäische Gegebenheiten übertragen. Das erweckt an einigen Stellen den Eindruck, sich innerhalb eines High-School-Films zu befinden, was die Stärken der Erzählung jedoch nicht schmälert.

Ein wichtiges Buch für junge Erwachsene, die vor der Aufgabe stehen, ihren eigenen Weg zu einer entspannten, selbstbewussten und verantwortungsvollen Sexualität zu finden. Gerade in Zeiten erstarkender rechter Ideologien voller patriarchaler, gewaltvoller und rassistischer Vorstellungen erzählt dieses Buch auf sehr klare Weise, wie es anders sein kann. «Eine ganz normale Liebesgeschichte» – die Normalität des Untertitels ist ein Hoffnungsschimmer für eine inklusive und progressive Form des Normalen anstelle der Norm als ausschließendem Konservatismus. 

Jason Reynolds: 24 Sekunden ab jetzt. Eine ganz normale Liebesgeschichte. 192 Seiten, dtv Verlag, 2026, 16 Euro.

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