Zwei Jugendliche, zwei Umzüge. Fabian ist mit seiner Familie auf dem Weg ins neue Haus auf dem Land, während Lotta von ebenda mit ihrem kleinen Bruder, dem Hamster Herrn Hartmann und ihrer Mama auf dem Weg in die Stadt ist.
Die Emotionen sind gemischt: Während Fabians Eltern und seine beiden Schwestern hellauf begeistert sind von Gartenarbeit und Ponys hinterm Gartenzaun, rutscht seine Laune immer weiter in den Keller. Zwar muss er nicht die Schule wechseln, dafür ab jetzt immer den letzten Bus erwischen. Und er darf erst wieder Klettern – seine größte Leidenschaft – wenn er auch auf dem Dorf ein neues Hobby gefunden hat. Was für eine blöde Idee seiner Eltern!
Lotta dagegen freut sich auf den Schulwechsel, denn in ihrer alten Klasse wurde sie von ihren Mitschüler:innen ziemlich gemobbt. Und das alles nur, weil sie Postkarten mit Sprüchen sammelt – Teenager können so fies sein. Als die beiden sich dann als neue Klassenkamerad:innen begegnen, beginnt die Geschichte einer Freundschaft, die schnell zum solidarischen Geheimpakt wird: Dorfnachhilfe für Fabian, Stadtnachhilfe für Lotta.
Aus zwei wechselnden Innenansichten erzählt Judith Mohr in ihrem neuen Jugendroman den Moment des Umbruchs, den Umzüge auslösen – mit all seinen kleinen Niederlagen, Unsicherheiten und Neuentdeckungen. Dabei bleibt die Erzählung zunächst sehr an der Oberfläche, gegenüber den vorherigen Romanen der Autorin scheinen die Konflikte und Herausforderungen der beiden Hauptfiguren zu großen Teilen vorhersehbar. Doch übergriffiges Verhalten eines Mitschülers Lotta gegenüber katapultiert die Geschichte in eine überraschende Dringlichkeit. Wie reagieren die neuen Freund:innen, Eltern und Lehrer:innen auf diese Situation? Wird Lotta geglaubt? Wer unterstützt sie in dieser verletzlichen Lage? In klaren Worten und Taten wird exemplarisch durchgespielt, wie eine solidarische, feministische Antwort aller Beteiligten auf Übergriffe aussehen kann. Besonders berührend ist dabei der Zusammenhalt der Teenager untereinander auch über Gendergrenzen hinweg. So wird Stadt, Land, Mist zum Aufruf, bei sexueller Gewalt hinzuschauen, laut zu werden und sich hinter die Betroffenen zu stellen. Nah am Alltag und kompromisslos Haltung zeigend.
Diese Haltung ist das Rückgrat des Buches, das die Lesenden über die eine oder andere Länge zu Beginn hinwegträgt. Genauso wie die liebevoll skurrilen Nebenfiguren wie Herr Hartmann und der zunächst grummelige Nachbar Herr Wirsing, denen man als Lesende immer wieder gerne begegnet.
Sehr empfehlenswert auch als Schullektüre, um über Grenzüberschreitungen, Sexismus im Alltag und den Umgang damit ins Gespräch zu kommen.
Judith Mohr: Stadt Land Mist. 270 Seiten, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2026, 18 Euro. Empfohlen ab 14 Jahren.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.