Ausgabe 10/26

Oberuferer Weihnachtsspiele gestern und heute

Guido Vorhoff


Mit seinem Buch über die Spiele hat Mischa W. Weggen als Erster die gesamte wissenschaftliche und anthroposophische Literatur zum Thema gesichtet und ausgewertet. Die Arbeit beruht auf einer über 30-jährigen Beschäftigung des Autors mit den Weihnachtsspielen. Das merkt man der Informationsfülle und den zahlreichen Details des Buches an. Weggen vertritt die These, dass die Oberuferer Spiele die Anfänge der Germanistik, Richard Wagner, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Steiners Anthroposophie, die Jugendbewegung und sogar Brechts episches Theater miteinander verbinden.

Wiederentdeckung und Überlieferung
 

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Die ersten beiden widmen sich den germanistischen Voraussetzungen der Wiederentdeckung der Weihnachtsspiele. Dieser Teil ist stellenweise fachwissenschaftlich geprägt und daher nicht für alle Leser:innen gleichermaßen interessant. Die folgenden vier Kapitel behandeln die kulturgeschichtlichen Hintergründe der Spiele, ihre Überlieferung und Aufführungspraxis, ihre Rezeption im Umfeld Rudolf Steiners sowie die anthroposophische Aneignung und Traditionsbildung. Je tiefer man in das gut lesbare und häufig spannende Buch eintaucht, desto mehr staunt man über die Fülle der dargestellten Zusammenhänge.

Weggen stellt die Weihnachtsspiele in den kulturhistorischen Zusammenhang der Zeit Rudolf Steiners und liefert zahlreiche bislang wenig bekannte Fakten – sowohl für Kenner:innen und Freund:innen der Oberuferer Spiele als auch für Menschen, die ihnen erstmals begegnen. Wer hätte gewusst, dass Rudolf Steiner gar nicht der Erste war, der die alten Bauernspiele neu inszenierte? Dass es neben der Fassung des Rudolf-Steiner-Verlags mehr als 20 verschiedene Textfassungen und annähernd 30 musikalische Bearbeitungen gibt? Dass die Spiele in Oberufer selbst noch bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs lebendig waren und auch danach von nichtanthroposophischen Kreisen weiter gepflegt wurden, etwa an der Schule Schloss Salem?

Aneignung und Traditionsbildung
 

In einem umfangreichen Kapitel über die anthroposophische Aneignung der Oberuferer Spiele schildert Weggen, wie Steiner es zunächst ausdrücklich ablehnte, die Spiele an den Waldorfschulen aufzuführen. Er zeichnet nach, wie es dennoch dazu kam und wie sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Legenden um die Spiele bildeten und weitergegeben wurden. Seit den 1990er Jahren fanden zudem problematische Aspekte der Spiele und kritische Perspektiven auf sie zunehmend Beachtung.

Trotz dieser kritischen Darstellung ist das Buch von einer großen Liebe zu den Spielen geprägt. Weggen macht deutlich, dass die Aufführung, vor allem aber das gemeinsame Einstudieren bis heute weit mehr ist als die Pflege einer Theatertradition. Für viele Menschen bieten die Weihnachtsspiele die Möglichkeit, individuelle Religiosität und Spiritualität zu erleben und zugleich Gemeinschaft zu erfahren. Die Probenarbeit wirkt identitätsstiftend und schafft Verbundenheit über Generationen hinweg. Im Umfeld der Waldorfschulen sind die Spiele für viele Beteiligte zu einem kulturellen und geistigen Bezugspunkt geworden. Dabei bestehen auch Verbindungen zum freien christlichen Religionsunterricht und zum gemeinsamen Erleben des Jahreslaufs.

Im Anhang bietet das Buch historische Fotografien aus Oberufer und anderen früheren Spielorten sowie eine Sammlung bislang unveröffentlichter Texte über die Weihnachtsspiele.

Eine Grundlage für die heutige Spielpraxis
 

Wer die Bedeutung der Oberuferer Weihnachtsspiele in den Waldorfschulen verstehen möchte, wird auf dieses neue Standardwerk kaum verzichten können. Ebenso wichtig ist es für alle, die die Spiele heute einstudieren oder aufführen. Spielleiter:innen und Darsteller:innen bietet es reiches Material zum vertieften Verständnis der Rollen und Stücke, den Kollegien Einblicke in ein besonderes Kapitel der Waldorfgeschichte. Nicht zuletzt schafft es eine fundierte Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Weihnachtsspiele auch heute noch aufgeführt werden und welche Gründe dafür sprechen, diese Praxis kritisch zu hinterfragen.

Das Buch erschließt historische Zusammenhänge und vertieft das Verständnis für eine bis heute lebendige kulturelle Praxis. Es sollte in keiner Waldorfschulbibliothek fehlen.

Mischa Wolfgang:Weggen: »Du dunkles nicht, du helles Mittelalter«. Die Oberufere Weihnachtsspiele im 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Aufführungsgeschichte, Königshausen & Neumann, 445 S., 54 Euro.

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