Der Architekt Stefan Behnisch – mit Büros in Stuttgart, München, Los Angeles und Boston – kennt das Gelände der Uhle seit seiner Kindheit, als er dort zur Schule ging. Die Uhle war die erste Waldorfschule weltweit. Sie wurde 1919 gegründet, in einem ehemaligen Ausflugscafé. Behnisch berichtete: «Bereits meine Mutter ging hier zur Schule.» Seine Großeltern zogen wegen Rudolf Steiner und seiner Schule aus Österreich nach Stuttgart um. Und auch seine Söhne lernten in jenen Räumen, die er nun ergänzte.
Die skulpturale Architektur des Neubaus entstand am Modell, mit den Händen entworfen. Es war eines der wenigen, vielleicht letzten Projekte, bei denen Behnisch persönlich bis ins Detail mitwirkte. Seit 2024 hat sich der heute 68-Jährige aus dem Bürobetrieb zurückgezogen, bleibt dem Team aber als Berater verbunden.
Wer vom Stuttgarter Bahnhof hinauf zur Uhlandshöhe blickt, sieht sie sofort: Rot leuchtet die Schule zwischen den Gründerzeitvillen heraus. Der neue Oberstufenbau hat das alte Café Uhlandshöhe abgelöst. Mit dem Neubau setzte die Freie Waldorfschule ein weithin sichtbares Signal im Stadtkörper; die Stuttgarter Zeitung betitelte sie sogar als neues Wahrzeichen.
Lehrkräfte sprechen mit
Bei der Planung eines Neubaus für Oberstufe und Verwaltung war das Lehrer:innenkollegium intensiv beteiligt. Statt eines klassischen Wettbewerbs setzte die Schule auf ein «Competitive Interview». Behnisch rief dazu auf, das Waldorfkonzept selbstbewusst im Stadtgefüge und auf dem Gelände sichtbar zu machen. Für Behnisch war die Zusammenarbeit mit dem Kollegium eine neue, positive Erfahrung: ohne Hierarchien, mit Respekt für Vielfalt und einem gemeinschaftlich entwickelten Meinungsbild. Dies habe er ganz anders im staatlichen Schulbau erlebt, bei dem der Dialog häufig an bürokratischen Hürden scheitere und innovative Konzepte ausgebremst würden.
Auch finanziell ging die Schule eigene Wege. Da das pädagogische Konzept der Waldorfschule mit kleinen Gruppen und kreativen Fächern nicht ins Fördersystem staatlicher Zuschüsse passte, musste sie große Teile des Baus selbst finanzieren. Das gelang neben Eigenbeiträgen mit Mitteln der 2007 eigens gegründeten «Stiftung Uhlandshöhe» und langfristigen Darlehen.
Mit den strengen Vorgaben des Denkmalschutzes ging das Architekturbüro kreativ um. Weil der Neubau die Maße des ehemaligen Café Uhlandshöhe nicht überschreiten durfte, präsentiert sich die Schule zur Straße hin als monolithische «Villa» – mit Werkstattsockel im Gartengeschoss, drei Unterrichtsetagen darüber und einer lichtdurchfluteten Atelierzone obenauf.
Waldorf´sche Geometrie und Farbe
Innen setzte Behnisch auf polygonale Räume, die einen angenehmen Klangraum erzeugen und zusätzlich Schall dämmen. Das freie Spiel unterschiedlicher Fensterformen – mal höher, mal breiter, mal skulptural in die Wand versenkt – macht das Licht in seinen vielen Stimmungen erfahrbar. Natürliche Materialien und farbgeschichtete Wände, inspiriert von Rudolf Steiners anthroposophischem Farbkonzept für die erste Schule in Stuttgart, unterstützen eine altersgerechte Lernumgebung. Farblicher Höhepunkt ist der lichtdurchflutete Eurythmiesaal in einem warmen Malventon. Für Behnisch bedeutete Bauen in diesem Kontext, sich mit Rudolf Steiners Gedanken auseinanderzusetzen. «Funktion» heißt für ihn nicht technische Zweckmäßigkeit, sondern pädagogischer Sinn: Räume sollen das Lernen begleiten, Geborgenheit bieten, Offenheit zulassen. «Kinder spüren, welchen Wert man ihnen beimisst», sagt Behnisch. Architektur wird so zur «analogen Funktion» und zur erfahrbaren Haltung.
Bauten im Dialog
Der neu gestaltete Pausenhof mit drei alten Kastanienbäumen bildet das Herz des kleinen Campus, eingerahmt von Schule, Haupthaus, Verwaltungsbau und Hort. Ziel war es, zwischen den Bauten einen räumlichen Dialog zu entwickeln, der die Individualität der Gebäude respektiert, aber auf ein gemeinsames Ganzes zielt. Farblich greift die Schule ortstypische Rottöne auf, wie sie in dem hellroten Haupthaus und den Gesteinsschichten der Region vorkommen. Der neue Verwaltungsbau mit seiner erdigen Farbigkeit und skulpturalen Fassade vermittelt materiell und gestalterisch zwischen Alt und Neu. Die geschuppte Dachhaut – Behnisch nennt sie Armadillo, Gürteltier – ist mehr als ein schützendes Element: Sie öffnet sich für Lichteinlass und zieht sich stellenweise über die Fassade im Sinne einer Einheit von Dach, Fassade und Innenraum. Mit ihrer rhombischen Struktur und integrierten Solarziegeln ist sie Schutzschirm, Energiequelle und architektonische Aussage zugleich.
Im Inneren entwickelt sich das Motiv der Kommunikation weiter: Die Idee des antiken griechischen Marktplatzes Agora spiegelt sich im offenen Atrium als Empfangs-, Begegnungs- und Gemeinschaftsraum. Zwei Holztreppen liegen nicht übereinander, sondern versetzt, als wollten sie unterschiedliche Richtungen im Raum erkunden. Auch die Flure folgen keiner linearen Logik: sie öffnen und verengen sich, erweitern sich zu Ausstellungsflächen, bieten Platz für Gespräch und Ruhe. Es gibt etwa eine unerwartete Ausweitung des Flurs für eine Sitzbank unter dem Fenster mit Panoramablick über die Stadt. Es sind diese scheinbaren Nebenplätze, die in der Summe das pädagogische Klima prägen: erlebnisreich, kommunikativ, offen für Zwischentöne.
Behnisch setzte die Ideen Steiners in zeitgemäße, expressive Architektur um, inspiriert von Vorbildern des organischen Bauens wie den Architekten Rolf Gutbrod und Hans Scharoun. Entstanden ist ein Schulbau, der Raum bietet für Entwicklung, Beziehung und ein Lernen mit allen – nach Steiner zwölf – Sinnen.
Kontraste zum Anfassen
Das Schulgebäude ist nahbar und fühlbar – für die und von den Menschen, die es täglich nutzen. Holz, farbig lasierter Sichtbeton mit rhythmischer Schalungsstruktur und Kalkputz sind klar ablesbar. Eichenparkett liegt in den acht Klassenräumen und im Eurythmiesaal; farbiges Linoleum in den naturwissenschaftlichen Fachräumen und im Kunstraum. In den Fluren läuft man auf geschliffenem Estrich. Sägeraues Kiefernholz an der Decke führt die Technik und gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als es ist. Es geht um Haptik und Nähe, um das erzählerische Spiel der Kontraste: Holz gegen Sichtbeton, verputzt gegen lasiert, offen gegen geschlossen.
Behnisch gilt seit den 1990er Jahren als Vorreiter nachhaltigen Bauens. Für Stuttgart entschied er sich für Holz, Sichtbeton und Low-Tech-Lösungen. Das Energiekonzept basiert auf natürlicher Lüftung und geothermischer Kühlung. Ein Erdkanal führt Frischluft ins Gebäude. Über das Atrium – Behnisch nennt es die Lunge der Schule – steigt sie in die oberen Stockwerke und verteilt sich in die Räume. Die Wände aus Sichtbeton speichern Wärme und Kälte. Tageslichtnutzung und Photovoltaikmodule auf dem Dach sorgen für Wärme und Strom.
Ziel war ein Niedrigstenergiehaus, dessen Primärenergiebedarf bei nur 3,5 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr liegt. Damit verbraucht die Schule gerade mal so viel Primärenergie wie ein Einfamilienhaus – trotz zwanzigfacher Fläche.
Menschliche Architektur ist überfällig und kein Luxus für Reformschulen. Die Freie Waldorschule Uhlandshöhe hat es gewagt.
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