Bild oben: Topolino und Vinilli (Sebastian und Gabriela Jüngel) während eines Auftritts in Dornach.
Bild links: Topolino öffnet den Gitarrenkoffer und lässt sich überraschen.
Ein lautes Scheppern durchbricht die Stille im Kursraum. Ein Besenstiel fällt krachend zu Boden – und bleibt liegen. Niemand eilt herbei, niemand richtet ihn wieder auf. Sechs Erwachsene sind gemeinsam mit Sebastian Jüngel im Raum, bei einem seiner Kurse zum Clowning im Goetheanum in Dornach in der Schweiz. «Das war eine Erleichterung für die jungen Teilnehmenden», erzählt Sebastian Jüngel. «Einfach mal nicht perfekt reagieren zu müssen, nicht sofort handeln zu müssen.» Genau darum geht es in der Clownarbeit: einen Fehler nicht als Störung zu sehen, sondern als Einladung zum Staunen. Die Erwachsenen, die heute am Clown-Kurs teilnehmen, sollen zunächst selbst staunen lernen wie Kinder. «Nun, es braucht Mut, zu lachen, nämlich sich selbst in der eigenen Unvollkommenheit, im eigenen Scheitern zu erkennen», sagt Jüngel. Der 56-jährige leitet die Stabsstelle Kommunikation am Goetheanum, ist Autor und nebenbei als Clown Topolino auf der Bühne. Für ihn ist Clownerie nicht Albernheit oder Klamauk, sondern eine innere Schule der Wahrnehmung und Gelassenheit.
Staunen, scheitern, improvisieren
Clowning als Haltung und nicht als Show bezeichnet Jüngel als Schulungsweg im Sinne der Waldorfpädagogik. Dabei schult die Clownerie zentrale Fähigkeiten. Das Staunen etwa, also die Möglichkeit, die Welt immer wieder neu und unvoreingenommen zu betrachten. Ebenso lehrt es das Scheitern – Fehler machen dürfen und daraus lernen. Genauso Präsenz und Improvisation, also das vollkommene Einlassen auf den Moment und das aufmerksame Reagieren beziehungsweise das inspirierte kreative Handeln.
Der Clown agiert ohne Drehbuch und verwandelt Pannen in Möglichkeiten. «Er ist ein lernbegieriges Wesen», betont Jüngel. Wo andere verzweifeln, lacht der Clown und versucht es erneut. Diese Haltung entlastet Lehrkräfte. Wenn im Klassenzimmer etwas schiefgeht, kann der «innere Clown» helfen: Anstatt in Hektik oder Ärger zu verfallen, nimmt die Lehrperson das Missgeschick humorvoll an, probiert etwas Ungewohntes aus – und findet so zurück zu den Schüler:innen.
«Was machen Clowns, wenn sie sich treffen? Sie improvisieren.» Mit dieser Anekdote beschreibt Jüngel das erste Treffen des Arbeitskreises Clown am Goetheanum im Mai 2025. Eine Stunde lang spielten sieben Clowns frei miteinander – ohne Unterbrechung, ohne Plan, aber mit intensiver Präsenz. «Das freie Spiel floss abwechslungsreich und intensiv, obwohl wir uns kaum kannten», erinnert sich Jüngel. Genau diese Erfahrung lässt sich in die Pädagogik übertragen: ein Klima, in dem Fehler als Einladung zum Weitergestalten gesehen werden und alle Beteiligten mit wachen Sinnen im Hier und Jetzt agieren.
Archetyp des werdenden Menschen
Für Sebastian Jüngel verkörpert der Clown den Menschen, der in ständiger Entwicklung ist. «Das Clown-Wesen ist Urbild des werdenden Menschen», sagt er. Es ist eine schöne Metapher, sich vorzustellen in jedem Menschen stecke ein solcher innerer Clown – ein staunendes, verspieltes und verletzliches Wesen, das beständig dazulernt. Der Clown ist kindlich und weise zugleich: kindlich im unbefangenen Erleben, weise im Finden kreativer Lösungen in jeder Lage. «Clownsein heißt, in den Zustand des Lernenden einzutauchen», erklärt Jüngel. Diese Haltung kann Lehrenden helfen, ihren Schüler:innen auf Augenhöhe zu begegnen – als Mit-Lernende, die sich auch mal vom Unerwarteten überraschen lassen. Jüngel weist darauf hin, dass Clownerie kein methodischer Trick, sondern eine grundlegende Geisteshaltung ist. Anders als Comedians, die Pointen für Lacher liefern, wollen pädagogische Clowns nichts erzwingen. Sie lauschen dem Moment nach, nehmen intuitiv die Stimmung wahr und reagieren ehrlich. Sie achten die Würde des Gegenüber, sie veräppeln nicht. Das erfordert Übung: In Clown-Workshops lernen Lehrer:innen, sich vor einer Gruppe bewusst zu exponieren und auch die eigenen Schwächen freundlich anzuschauen. Jüngel unterstreicht: «Lachen erfordert Mut – den Mut, die eigenen Fehler anzunehmen.» Die Belohnung für diesen Mut ist eine besondere Authentizität im Unterricht: Schüler:innen spüren sofort, wenn eine Lehrkraft echt und präsent ist – und sie spüren genauso, wenn jemand verkrampft nur eine Rolle spielt. Clowning ermutigt dazu, solche Rollen abzulegen.
Probehandeln im geschützten Raum
Ein weiteres Element der Clownspraxis ist das Probehandeln: Clowns tun etwas – und die Zuschauenden erleben daran, wie man auch handeln könnte. Im geschützten Raum der Clownübung können Lehrkräfte absurde Reaktionen und hemmungsloses Scheitern gefahrlos ausprobieren. Sie erleben, dass nichts Schlimmes geschieht. Im Gegenteil: Aus dem Chaos entsteht oft etwas Neues. «Die Erfahrung, dass man handlungsfähig bleibt, auch wenn etwas schiefgeht oder Konflikte auftreten, stärkt die Resilienz von Pädagog:innen», ist sich Jüngel sicher. Wer im Spiel den schlimmsten Fall durchlebt und humorvoll verwandelt hat, begegnet realen Schwierigkeiten gelassener.
Natürlich hat das clowneske Prinzip Grenzen. «Nicht jeder Moment eignet sich zum clownen», räumt Jüngel ein. Der Clown achtet zwar immer die Würde jedes Menschen und jedes Gegenstands, aber es gibt auch Situationen, in denen eine andere Art des Eingreifens erforderlich ist. Dabei können Pädagog:innen vom Clown Gelassenheit, Authentizität und Empathie lernen. Spüren die Kinder, dass das Handeln der Lehrkraft liebevoll gemeint ist, schenken sie der «clownesken» Lehrkraft Vertrauen und machen gern mit. Doch sobald Humor verletzend wirkt oder als bloße Show entlarvt wird, verliert er seinen pädagogischen Wert.
Mehr als Unterhaltung
Wer Clownerie nur als Unterhaltung abtut, unterschätzt ihr Potenzial. Im Schulalltag kann eine Prise Clown-Haltung Spannungen lösen und den Sozialzusammenhalt stärken – ohne gleich Therapie zu sein. 2021 wurde am Goethanum der Arbeitskreis Clown gegründet. Die Mitglieder kommen aus unterschiedlichen Ländern und Bereichen. Einige arbeiten als Klinikclowns, andere als Zirkuspädagog:innen, auf der Bühne oder im sozialen Feld, sind also Besuchs- und Schulclowns. Was sie eint, ist die Überzeugung, dass Humor und Menschlichkeit zusammengehören. Die Gruppe zählt mittlerweile rund fünfzig Clowns weltweit.
Um sich zu vernetzen, geben sie im Rahmen der Sektion die Zeitschrift red nose auf Deutsch und Englisch heraus und tauschen sich in Online-Treffen aus. Die internationale Dimension ist Jüngel wichtig: «Lachen ist die beste Medizin und kennt keine Sprachgrenzen.» Zwar mag Humor in jeder Kultur anders gefärbt sein, doch das Lachen verbindet alle Menschen unmittelbar.
Ein Clown in jeder Lehrkraft
Angesichts steigenden Drucks im Schulalltag suchen immer mehr Lehrkräfte nach Wegen zu mehr Leichtigkeit. Jüngel beobachtet in seinen Kursen, wie viel Freude und Gemeinschaftsgefühl schon einfache Clown-Übungen freisetzen. Was als Spiel beginnt, wird zum Erkenntnisweg: Die Lehrer:innen entdecken den Wert des Nichtwissens, des neugierigen Fragens, des gemeinsamen Lachens über Missgeschicke und unerwartete Lösungen. Das sind Erfahrungen, die im Schulbetrieb oft zu kurz kommen – und doch so notwendig sind, um im Stress nicht zu erstarren.
Heute, da Schule auch Persönlichkeitsbildung leisten soll, bietet die Clownerie einen Schatz an Möglichkeiten. Sie fördert Achtsamkeit, Kreativität und Mut zum echten Kontakt. Jüngel und sein Arbeitskreis träumen bereits von einer großen Humor-Tagung am Goetheanum, um die pädagogische Kunst des Lachens weiter zu erforschen. Vielleicht wird irgendwann die rote Nase zum selbstverständlichen Accessoire im Lehrer:innenzimmer – als Erinnerung daran, dass Bildung ohne Freude unvollständig bleibt. Denn, so resümiert Jüngel: «Das menschliche Leben blüht auf, wo das Umfeld Lebensfreude ermöglicht. Das ist die Aufgabe des Clowns.»
Kontakt zum Arbeitskreis für Clowns am Goetheanum:
sebastian.juengel@goetheanum.ch
dasgoetheanum.com/arbeitskreis-clown/
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