Shortlink und QR-Code führen zu den Tasks der Epoche: t1p. de/e5oca.
Das Passwort lautet: «Klasse11b»
«Was ist der Gral heute?»
«Ruhm oder Macht vielleicht?»
In meinem Arbeitszimmer stapeln sich acht Schatzkisten. Bemalt, bedruckt, beklebt. Jede ein Unikat. Jede birgt andere Schätze. Doch eins haben alle Schätze gemein: Sie drehen sich ausschließlich um den Parzival. Und ich freue mich wie ein kleines Kind, sie jetzt auspacken zu dürfen. Wer hätte das gedacht? Denn als die Parzivalepoche in diesem Schuljahr auf meinem Stundenplan stand, blickte ich ihr mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich liebe den Parzival, keine Frage. Jedes Mal, wenn diese Epoche ansteht, lese ich das Buch aufs Neue und frage mich, wie ich diesen oder jenen spannenden Aspekt beim letzten Mal nur übersehen konnte, beziehungsweise wie ich nicht erkennen konnte, was das in seiner Tiefe mit mir zu tun hat. Und auch der Austausch mit den Schüler:innen ist immer wieder aufs Neue erhellend. In der Parzivalepoche ist so viel Raum für eine dem Menschen innewohnende Intelligenz, die Kompetenzen wie Rechtschreibung und das Verfassen von Analysen blass aussehen lassen. Und doch lauert in meinem Hinterkopf die Frage: Was, wenn sich Schüler:innen weigern, das Buch zu lesen? Immerhin stecken die Lieben gerade in ihrem aufregenden ersten Ausbildungsjahr, haben daher bei uns an der Hiberniaschule erst um halb fünf Schulschluss und ganz andere Dinge im Kopf, als so einen ollen Schinken zu lesen. Ich erinnere mich an Epochen, in denen die Parzival-Übersetzung von Wilhelm Stapel, trotz der vielen Hände, durch die sie gegangen sein müsste, fast druckfrisch anmutete. Ich erinnere mich an Epochen, in denen ich letztendlich zu Beginn jeden Epochentags als Geschichtenerzählerin fungiert habe, um das Eis erfolgreich zu brechen.
Gruppenarbeit
Beim Lesen der Ausgabe von Ben Büttner – große Nähe zum Original bei leichter Lesbarkeit – schöpfte ich Mut. Fühlte mich inspiriert. Wenn man den Parzival auf so behutsame und doch das Schüler:innen-Leben erleichternde Weise verjüngen kann, dann muss das doch auch methodisch gehen.
Die Schüler:innen sollten selbst entscheiden, ob sie allein, zu zweit oder in Dreiergruppen arbeiten. Sie sollten selbst darüber befinden, wie sie ihre Zeit einteilen – kein Zeitdruck, keine Langeweile. So viel Gestaltungsfreiheit wie möglich. Und das Wichtigste: Es sollten alle abgeholt werden. Alle in dieser elften Klasse sollten die Zeit und den Raum bekommen, den sie brauchen, um sich mit dem Thema zu verbinden. Alle sollten sich in mindestens einer Aufgabe so wiederfinden, dass sie darin aufgehen. Ich habe zunächst mit Taskcards eine digitale Pinnwand erstellt, um dort Infos, Links zu Anleitungen, Inspirationen, Pflicht- und Wahlaufgaben anzuheften. Während meiner Lektüre der Büttnerausgabe habe ich dann für jedes Kapitel Aufgaben erstellt. Hier sollten die Schüler:innen selbst entscheiden können, ob sie alles lesen oder nur die für die jeweiligen Aufgaben angegebenen Abschnitte und die darauf zugeschnittenen ergänzenden Zusammenfassungen. Die Aufgaben sollten sowohl dem typischen Deutschunterricht als auch den Interessen der einzelnen Schüler:innen gerecht werden. Es gab im Aufgabenpool also eine Inhaltsangabe, eine Charakterisierung, eine Erörterung, aber auch einen Podcast, ein Interview, einen Kurzfilm, einen Comic, Bilder, Instagram-Posts, Threads und auch ein digitales Quiz mit Kahoot. Die Schüler:innen haben diese Liste eigeninitiativ um Memes und Edits, also Instagram-Videos, ergänzt.
Wegen der vielen Möglichkeiten, die nicht auf Papier gebracht werden konnten, kam ein Epochenheft im herkömmlichen Sinne nicht infrage. Vielmehr sollte eine Schatztruhe, ein Book-in-a-Box, entstehen. Darin konnten dann die digitalen und analogen Werke auf Papier, USB-Sticks, QR-Codes und Links untergebracht werden. So verschieden die Herangehensweisen auch waren, das Gestalten der Kiste hat wirklich alle abgeholt. Es gab eine Riesenschatztruhe, die – Intertextualität sei Dank – auch das Gold der Nibelungen in Form von Schokotalern enthielt und für die ein riesiger Stein als Gral angeschleppt wurde. Andere haben ihren Karton eher filigran ausgestaltet: mit bearbeiteten Legomännchen, mit schönen Bleistiftzeichnungen, mit Scherenschnittfiguren, plastizierten Requisiten und bunten Gemälden. Bei allen Varianten wurde ausgiebig diskutiert, wie das Buch wohl am treffendsten von so einer Box verkörpert werden könne.
Haben denn alle im Buch gelesen?
Nein. Es gab ein paar wenige, die sich anders beholfen haben. Mit dem Hörbuch. Mit Playmobilvideos (danke an den YouTube-Kanal Sommers Weltliteratur). Auch die KI wurde befragt und nicht selten als unzuverlässig enttarnt, wenn es um Details in bestimmten Textstellen ging. Aber wenn ich sehe, welche Schätze in den Kisten verborgen sind, merke ich, dass nicht immer alle alles gelesen haben müssen, um den Parzival und seinen Weg in ihre eigene Welt zu holen und in sich selbst zu bewegen. So hat Mats zum Beispiel einen Instagram-Account erstellt, auf dem er unterschiedliche Aufgaben kreativ umgesetzt hat. Es gab witzige Threads, zum Beispiel von Hannah, Kalle und Leonie. Da hieß es unter anderem:
.parzival.neu:
Bin gestern auf ´ne Burg eingeladen worden. Alles magisch. Essen taucht aus dem Nichts auf, kranker König, keiner erklärt was. Ich hab´ einfach mal nix gefragt. Wird schon richtig gewesen sein, oder?
Kommentare:
Anfortas_König:
Hättest Du gefragt, wäre ich erlöst. Danke für nix!
Trevizent.Einsiedler:
Unwissenheit schützt nicht vor Verantwortung, mein Sohn.
Gahmuret_Fanclub:
Wie der Vater, so der Sohn. Nur weniger mutig!
.parzival.neu:
Upsi, hab nix gefragt. Bin plötzlich wieder draußen, keine Ahnung wo die Burg ist. #lost
Condrie.die.wilde:
Unglaublich! Du hattest die Chance ein Erlöser zu sein und hast es versaut!
#fail #unwürdig
Jede:r Schüler:in hat von mir ein Vorwort ins Buch gelegt bekommen, mit einem kurzen Text über die Entwicklung Parzivals von negativer zu positiver Freiheit; über den Wandel seiner Handlungen «von Freiheit von zu Freiheit zu». Im Gespräch mit den Schüler:innen zu diesem Thema, direkt zu Beginn der Epoche, erklärt Yunus: «Ich bevorzuge die Freiheit von.» «Warum?» – Er antwortet mit einem Augenzwinkern: «Es ist bequemer. Ich muss mich nicht mit mir selbst auseinandersetzen und die anderen tragen die Schuld.» Später stellt er mit Hannes Überlegungen an zur Frage «Was ist der Gral heute?» «Ruhm oder Macht vielleicht?»
«Ich denke eher, es ist die absolute Wahrheit. In Zeiten einer immensen Informationsflut mit Fakenews würde der Gral die absolute Wahrheit offenbaren.»
Auf die Frage, was Erziehung für die Schüler:innen persönlich darstellt, meint Mats: «Erziehung heißt für mich, dass Erwachsene Kinder begleiten, Regeln geben und zugleich Liebe und Vertrauen schenken. Heute braucht es mehr als nur Vokabeln und Mathe, es geht um Gespräche, ums Zuhören und ein echtes Interesse an dem, was Kinder denken und fühlen.» Wenn ich solche Gedanken der Schüler:innen höre und lese, dann geht mir das Herz auf und Dankbarkeit erfüllt mich.
Das selbstbestimmte Arbeiten
Es gab Schüler:innen, die dieser freien Einteilung von Zeit und Aufgabenmenge gelassen entgegensahen und sich auf das Wesentliche fokussiert haben. Andere hatten so hohe Ansprüche an sich, dass sie sich selbst mal mehr, mal weniger unter Zeitdruck gesetzt haben. Und auch die zwischenmenschlichen Begegnungen innerhalb der Gruppen waren intensiver, als wenn ich als Lehrerin für alles einen Rahmen setze. Ich habe versucht, immer helfend zur Seite zu stehen, ohne die Schüler:innen bei der Arbeit zu stören. Und wenn jemandem beispielsweise Legasthenie oder ein temporäres Motivationstief die Lektüre unfassbar erschwerte, gab es auch mal eine kleine Erzählrunde in der Sofaecke, um sich danach wieder motiviert an die jeweiligen Aufgaben zu begeben.
Wer unser Projekt genauer kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen, unsere Taskcards zu sehen.
Am Ende der Epoche haben die Schüler:innen anonym einen Evaluationsbogen ausgefüllt. Das selbstbestimmte Arbeiten ist gut angekommen, die kreativen Aufgaben und meine Unterstützung wurden gelobt. Und doch: Einige wünschen sich für den Faust nächstes Jahr ein bisschen mehr Frontalunterricht. Denn Freiheit ist auch immer an Verantwortung geknüpft. Und die scheint nicht immer leicht zu schultern zu sein. Ich bin stolz auf die 11b. Sie hat das großartig gemeistert und ist mit jeder Herausforderung gewachsen. Und doch: Beim Faust wird es ein klein wenig mehr Frontalunterricht geben. Versprochen.
Kommentare
Glückwunsch für Kreativität und Ideen, und Glückwunsch an die Schüler, die in den Genuss eines so engagierten Unterrichts kommen!
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