Ausgabe 04/26

Plädoyer für einen mutigen und aktiven Umgang mit Technik

Johan Mateo Grimsehl

Verboten und doch oft getan: Unterstützung vom Zweithandy unter dem Tisch.

Technik, das Internet und KIs dürfen also aus meiner Sicht weder pauschal abgelehnt noch als einzige Lösung genannt werden.


Wir haben in unserem Waldorfhaushalt keinen Fernseher. Kein schwarzer Bildschirm im Format 16:9 vor der Sofaecke, keine Satellitenschüssel auf dem Dach, kein Kabelfernsehen. Dafür wohnt unter dem Sofa unser Beamer, der das Bild noch größer an die weiße Wand gegenüber wirft. Ich bin wirklich waldorflich aufgewachsen, zwar nicht Hardcore, aber im inneren Geiste schon: Ich bin schon in dritter Generation Waldi und es wird großer Wert auf Singen, Kunst und Spiritualität gelegt. Und irgendwie bin und fühle ich das auch. Ich bin naturverbunden, gehe forschend durch den Alltag, versuche die Gemeinschaft zu unterstützen und mache als einziger aus der Klasse Eurythmie, das bei uns ein Wahlpflichtfach ist. Gleichzeitig aber bin ich technikaffin, habe Spaß am Programmieren und verbringe viele Stunden am Tag vor dem Bildschirm.

Trial, Error und Erkenntnis
 

Meine ersten eigenen digitalen Erfahrungen machte ich mit einem von einer Nachbarin geschenkten alten Laptop, auf dem ich mir autodidaktisch Programmieren beigebracht habe. Da war ich zwölf. Mein Vater ist zwar IT-Berater und hat mir mein erstes Programmier-Buch geschenkt, die konkreten Schritte zum Entwickeln meiner eigenen Webseiten und Programme habe ich aber selbst entworfen. Vieles ging anfangs durch Ausprobieren und Scheitern (Trial-and-Error eben): ständig irgendwelche Fehlermeldungen, die ich dann selbst oder mit Informationen aus dem großen Internet lösen wollte. Ich erinnere mich noch an eine Plattform für Rezepte mit integrierten Stoppuhren und Inventarlisten für den Kühlschrank, die ich bauen wollte. Sie ist zwar nie fertig geworden, aber hat mir durch meine eigene Erkenntnis zu kleinen Komponenten und Teilaufgaben enorm geholfen, den grundsätzlichen Aufbau und die Funktion aller Programme zu verstehen.

An der Schule gab es bis auf einen Kurs zum Nutzen von Schreibprogrammen und einem Versuch des 10-Finger-Tippens wenig zu digitalen Geräten oder Tools. Aber inwiefern kann und sollte es das überhaupt an Waldorfschulen geben? Handys haben schon lange Einzug in unser Schulgebäude gehalten. Dagegen kommt kein faktisches Handyverbot, wie es bei uns an der Schule herrscht, an. Zwar wird bei Verstößen mit Rügen gedroht, doch Pausen ohne Smartphone sind kaum mehr denkbar – zur Not eben auf der Toilette. Und auch das Einsammeln der Geräte während der Tests und Klausuren hilft nicht unbedingt (der Trend geht zum Zweithandy). So wird es nicht nur an meiner Schule sein, und die Lehrkräfte werden das sicher wissen. Und gerade heute, mit den weit fortgeschrittenen künstlichen Intelligenzen (hauptsächlich meine ich damit sogenannte Large Language Modelle, wie ChatGPT eines ist), die sich schon lange nicht mehr wie eine stochastische Maschine anfühlen, ist so eine simple Antwort-Maschine in der Hosentasche doch auch nicht nur für Hausaufgaben sehr hilfreich.

Werkzeug statt Zeitvertreib
 

Genau hier verläuft die entscheidende Trennlinie: zwischen passivem Konsum und aktiver Nutzung. Denn im Internet steckt doch so viel mehr als die großen Plattformen der sogenannten sozialen Medien und der Game-Industrie, die ständig kritisiert werden. Schier unendliche Teile des Wissens der Menschheit sind kondensiert, analysiert und frei zugänglich. In der Oberstufe, wo so vieles (auch aufgrund des staatlichen Lehrplans) nur durch Wissen und Debatten funktioniert, müssen diese Fakten auch erreichbar und überprüfbar sein. Während mich ein Handy, der Konsum und bunte Spiele mit Dopaminanreiz nicht gelockt haben (ersteres habe ich erst mit 14 Jahren bekommen), werden viele von den Algorithmen schnell gefangen (an meinem kleinen Bruder kann ich das besonders nah beobachten). Denn genau diese Aufmerksamkeit ist bekanntermaßen das Ziel der großen Plattformen im Internet.

Als ich Klassenkameraden von meinem zu schreibenden Artikel erzählt habe, war eine der ersten Reaktionen, dass ich doch endlich Smartboards statt der grünen Kreidetafeln und Tablets statt der Epochenhefte fordern solle. So, wie es fast überall an staatlichen Schulen schon aussieht. Und gegen die Flut an ausgedruckten Arbeitsblättern – in meinem Englisch- und Französischordner haben sich über die letzten fünf Jahre schon mehr als 3,5 Kilo Papier angesammelt – wäre ein handliches Tablet sicherlich eine elegante Lösung. Außerdem flöge nichts durch den Klassenraum, das Material ginge nicht so schnell verloren und für meinen gerade genannten Anwendungsfall wären rund 0,05 Bäume nicht gefällt worden (so hat es mir die KI vorgerechnet). Andererseits ist solch eine Anschaffung nicht nur eine Frage des Geldes. Es entsteht schließlich das Potenzial zu kollektiver Ablenkung, und ein technisches Verständnis und Wollen in den Reihen der Lehrenden ist nötig. Man muss sich klar werden, dass letztere niemals auf dem Stand der Zeit sein können, dafür ist die heutige Veränderung zu schnell, zu groß und die aufwendbare Zeit zu gering. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn nichts wirkt auf uns Jugendliche befremdlicher – man nennt es auch 'cringe' –, als wenn Erwachsene krampfhaft versuchen, unsere digitale Lebenswelt zu imitieren.

Freiraum, Fehler und Fortschritt
 

Dagegen können nicht nur externe Expert:innen helfen, die Anregungen und Einblicke geben. Sondern schon das Schaffen von Freiräumen für Experimente kann zu tiefem Verständnis führen, zu dem, was an der Arbeit mit digitalen Werkzeugen hilfreich oder hindernd ist, langweilt oder Spaß macht. Für mich hat sich das beispielsweise in einer Projektwoche gezeigt, in der ich vor knapp drei Jahren zusammen mit Mitschüler:innen ChatWithSteiner entwickelt habe, eine mit vielen Werken «gefütterte» KI-Nachempfindung Rudolf Steiners (siehe Erziehungskunst Oktober 2023). Viele der Nutzer:innen schreiben als Feedback, dass es ihnen dadurch erst möglich sei, einen direkten Zugang zu komplexen anthroposophischen Inhalten zu finden und Antworten auf Fragen zu erhalten, ohne sich zunächst durch seitenweise schwer lesbare Literatur arbeiten zu müssen.

Auch in einem von mir entworfenen ausführlichen Fragebogen zu Mobbing an unserer Schule, den ich digital durchführen und automatisch auswerten konnte (interessanterweise gab es weniger Cybermobbing als physische und verbale Gewalt), habe ich festgestellt, dass ich durch die technischen Möglichkeiten eine Komplexität erreichen konnte, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Gleichzeitig offenbarte sich hier ein Paradoxon: Da die an unserer Schule «medienfreien» Klassen 5 und 6 nicht teilnehmen durften und den Bogen auch nicht mit ihren Eltern zu Hause ausfüllen sollten, versperrte das Verbot des digitalen Werkzeugs den Blick auf die soziale Realität dieser Schüler:innen. Dennoch konnte ich mir durch dieses aktive Entwickeln selbst ein tiefes Verständnis der spezifischen Hintergründe und Herausforderungen aneignen.

Technik, das Internet und KIs dürfen also aus meiner Sicht weder pauschal abgelehnt noch als einzige Lösung genannt werden. Und ja, auch ich hänge mittlerweile oft zu lange am Smartphone, scrolle durch Videos oder chatte unnötig mit KIs. Genau deshalb brauchen wir beides zusammen: die Kompetenz zu Technik und KI, die unser weiteres Leben ziemlich sicher weiter begleiten werden (da führt quasi kein Weg dran vorbei). Und das Erinnern an das, was uns als Menschen ausmacht. Als Waldorfschulen haben wir schon den nötigen Fokus auf das Individuum und einen Ausgleich durch Kunst, Musik und Eurythmie.

Mut zum Experiment
 

Wir müssen ausprobieren (und den alten Dia-Projektor aus dem Kunstgeschichtsunterricht verbannen), den Mut haben zu scheitern (etwa am defekten verbauten HDMI-Kabel zu unserem neuen Beamer im Zwölftklassraum) und zusammen Lösungen finden (indem einfach jemand auf einen Stuhl klettert, um den Laptop direkt anzuschließen). 

Link zu Templates zur eigenen Durchführung und automatischen Auswertung von Fragebögen an der Waldorfschule Potsdam:

github.com/Waldorfschule-Potsdam-Dev/Mobbing

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