Ausgabe 10/25

Politik zum Anfassen – geht das?

Ann-Katrin Neundorf


Drei Tage lang befassten sich alle Klassenstufen der Waldorfschule nahe Bonn mit verschiedenen Themen aus dem großen Spektrum Nachhaltigkeit. Während Erstklässler:innen aus Holzstücken kleine Spielfiguren schnitzten und eigene Spiele entwickelten, ging es in der Mittelstufe um Themen wie Wasser und Mülltrennung oder um den Bau von Insekten-Nisthilfen. Die Oberstufe wiederum beschäftigte sich mit dem Bau von Kisten für Altpapier, Upcycling, Second-Hand-Mode, Systemischem Denken, einem sinnvollen Umgang mit Handys oder dem Nahostkonflikt. «Dieser jahrzehntealte Konflikt biete einen guten Anknüpfungspunkt für Themen wie Konflikt- und Friedensfähigkeit», erklärte Monika Hanses, verantwortliche Lehrerin für die Projektgruppe Frieden. 

Pro oder Contra
 

«Zu Beginn haben wir einen Film der ARD über die historische Entwicklung des Nahostkonflikts angeschaut, damit alle Schüler:innen einen ersten Zugang ins Thema bekommen», berichtet Hanses, die an normalen Schultagen die Fächer Religion und Kunst in der Oberstufe unterrichtet. Nach diesem Einstieg sollten sich die Jugendlichen entscheiden: Bin ich pro Palästina oder pro Israel und was bedeutet das überhaupt? Welche Seite würde ich unterstützen? Für welche Seite würde ich eine Demonstration besuchen? Rosalie Menke, Schülerin der elften Klasse, erzählt: «Ich fand es sehr schwer, eine Seite einzunehmen, weil beide genauso stark betroffen sind und genauso stark leiden.» Genau diesen Effekt wollte Hanses erzielen. «Ich wollte, dass sie sich erst entscheiden, aber dann merken, dass das überhaupt nicht geht», erzählt die Lehrerin, die seit 30 Jahren an der Waldorfschule Sankt Augustin unterrichtet. Beide Seiten haben ihre Berechtigung und auf beiden Seiten ist das Leid groß, wie sollte man sich also für eine Seite entscheiden? Für die Gruppe zeigte sich, weitere Informationen mussten her. In einem nächsten Schritt folgte eine Auseinandersetzung mit dem Demokratiebegriff. Was bedeutet Demokratie überhaupt? 

Dann folgte ein Ausflug zur Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Eindrucksvoll für alle war die Wand mit der Frage: «Was habe ich letzte Woche für die Demokratie getan?» Nun war jede:r eingeladen, Punkte zu kleben. Zur Auswahl standen zahlreiche Antwortmöglichkeiten wie «Ich habe mich gestritten», «Ich war auf einer Demonstration» oder «Ich habe einer Verschwörungs-Erzählung widersprochen». So stellten die Schüler:innen fest, dass selbst kleinste Handlungen schon demokratische Wirkung entfalten können. Die Gruppe lernte außerdem, was politische Neutralität bedeutet, wie man an verlässliche Informationen kommt und wie man Fake News erkennt. Somit hatte das Projekt auch einen sehr praktischen Nutzen.

«Wenn mir heute etwas komisch vorkommt auf Instagram, dann schaue ich auf seriösen Seiten wie ARD, WDR oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendern nach», berichtet die Schülerin Menke von ihren eigenen Social-Media-Erfahrungen.

Frieden braucht Mut
 

Ein weiterer Eckpfeiler des Projektes war der Dokumentarfilm Disturbing the peace, der die Entstehung der Friedensbewegung Combatants for Peace in Israel zeigt. «Man hat darin sehr gut gesehen, dass auf beiden Seiten Menschen verletzt oder traumatisiert werden oder sterben», sagt Menke.

«Die Mitglieder der Friedensbewegung haben ihr Leben riskiert, als sie an die Mauer gegangen sind, das hat mich beeindruckt», ergänzt Mavie Seyhan, Schülerin der neunten Klasse. Gemeint ist eine Szene aus dem Film, in der Aktivist:innen von Combatants for Peace an die israelisch-palästinensische Grenzmauer fahren und mit großen Schildern und Puppen in einer symbolischen Abstimmung die Errichtung eines palästinensischen Staates fordern. Sie bringen ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass die Mauer fällt und man sich statt des Krieges und der Besatzung für Gemeinschaft und Miteinander entscheidet. 

«Sowohl Israelis als auch Palästinenser wurden dafür von den eigenen Leuten angefeindet. Es braucht also viel Mut, sich für den Frieden einzusetzen», sagt Hanses.

Das wurde auch deutlich, als Schulamith Weil, eine im Raum Bonn lebende Jüdin, vor die Projektgruppe trat und aus ihrem eigenen Leben und von ihrem Engagement in der Initiative Wi.e.dersprechen – Dialoge über Grenzen hinweg berichtete. 

Diese Initiative ermöglicht den Dialog und Austausch zwischen jungen israelischen und palästinensischen Menschen. Vermutlich war sogar diese Begegnung die eindrucksvollste aus dem gesamten Projekt.

«Ich fand das sehr beeindruckend, dass sie sich nicht auf eine Seite stellt, sondern beiden Seiten mit Empathie und Verständnis begegnet», so Rosalie Menke. Daraus versucht sie auch für ihr eigenes Leben Erkenntnisse mitnehmen.

Sensibilisierung geglückt
 

«Man muss immer beide Sichtweisen anhören, wenn es einen Konflikt gibt», ergänzt Mavie Seyhan. Was ihre Lehrerin, Monika Hanses, erreichen wollte, ist geglückt – nämlich junge Menschen für den Wert der Demokratie, der Friedens- und Konfliktfähigkeit zu sensibilisieren. Die Eindrücke bei den jungen Schüler:innen, vor allem die persönlichen Begegnungen, klingen Monate später noch nach. So haben einzelne der Oberstufenschüler:innen das Thema auch privat weiterverfolgt und erst kürzlich eine Veranstaltung der Initiative Wi.e.dersprechen besucht. Im Moment stehen erste Überlegungen an, das Friedensprojekt, in dem sich Weil engagiert, an die Schule einzuladen. Dann könnten die Schüler:innen vor Ort erleben, wie komplex einerseits der Konflikt ist, und dennoch die Hoffnung lebendig gehalten werden kann, Grenzen zwischen Israelis und Palästinenser:innen abzubauen. 

Trotz des intensiven Vorbereitungsaufwands würden Hanses und ihre Kollegin, Miriam Vergien, ein solches Projekt jeder Schule weiterempfehlen: «Es hat zwar viel Zeit und Organisation gekostet, aber es ist wichtig, sich mit diesen Themen zu befassen», so Vergien. «Nachhaltigkeit ist ein aktuelles Thema und da es so weit gefächert ist, konnte das gesamte Kollegium daran teilhaben.» Alle Lehrer:innen der Schule brachten sich entsprechend ihrer Interessen ein. Gerade die Vielzahl der Themen, vom Figurenschnitzen, über den Klimawandel bis zu systemischen Denkansätzen und Second-Hand-Mode, zeigt, wie vielfältig das Thema Nachhaltigkeit beleuchtet werden kann. Dann muss nicht einmal die Weltpolitik trocken sein, sondern bunt und abwechslungsreich, mit echten Begegnungen und nachhaltiger Wirkung. Das wissen die Oberstufenschüler:innen nun aus erster Hand.

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.