Ausgabe 06/26

Raum und Zeit für die Zukunft

Gregor Siber

Bild oben: Eine künstlerische Arbeitsgruppe beim Forum Zukunft Waldorfschule. Rechts im Bild an der Staffelei die Dozentin Gabriella Burkhardt.

Die Zukunftsfrage liegt in der Luft, elektrisiert von Herausforderungen wie Digitalisierung, Krieg, Klimawandel und gesellschaftlichem Umbruch. Auch in die Schulen tönt sie unweigerlich hinein. Es gilt, eine Antwort zu finden und Schule als einen zeitgemäßen Ort zu gestalten, an welchem die heranwachsenden Menschen ihre schöpferischen Kräfte voll entfalten können, und zwar nicht trotz jener Herausforderungen, sondern mit ihnen. Eines scheint klar: Ein Weiter-so kann es nicht mehr geben. Das Alte trägt nicht mehr und zugleich ereignen sich die Herausforderungen in vorauseilendem Tempo. Höchste Zeit, sich der Zukunftsfrage anzunehmen. Doch sie braucht Raum und Zeit. Sie ergibt sich geradezu aus den genannten Herausforderungen, doch scheinen dieselben hindernd im Wege zu stehen, um ihr in der Schule angemessen zu begegnen. Digitalisierung ist das Gebot der Stunde, aber wie das Handy in der Tasche der Schüler:innen unter Kontrolle bekommen und wie dem wachsenden Einfluss der Medien auf die Konstitution der Kinder gerecht werden? Den gesellschaftlichen Umbruch gestalten, aber wie den zunehmenden Auffälligkeiten im Verhalten der Kinder begegnen und wie die Erschöpfung im Kollegium auffangen? Und nicht zuletzt: Können wir uns den Luxus, in die Tiefe zu gehen und waldorfpädagogische Ansprüche zu stellen, angesichts des Personalmangels noch leisten? Die Konferenzen sind meist von den Sorgen und dem Druck des Alltags bestimmt. Leicht verfällt man da dem Altbewährten und bleibt im Trott oder die allzu schnellen Antworten drängen sich auf, nicht selten vorgekaut durch Politik und Wirtschaft. Jede Not bietet allerdings auch die Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Um von den Herausforderungen der Zeit jedoch nicht überrannt zu werden, bedarf es der intensiven Auseinandersetzung mit ihnen. Auch, um die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Einen Ort hierfür zu schaffen und zu pflegen, darin sieht das Forum Zukunft Waldorfschule seine Aufgabe.

Um den spirituellen Kern ringen
 

Seit März 2020 treffen sich rund 30 Menschen, die erst seit Kurzem als Waldorflehrkräfte arbeiten, um gemeinsam forschend der Waldorfpädagogik und deren Zeitfragen auf den Grund zu gehen, und zwar frei von der Alltagslast. Im ersten Zyklus von vier Arbeitstreffen widmeten sie sich elementaren Fragen wie der Gesundheit und Konstitution von Kindern, Jugendlichen und Lehrer:innen, der Selbstverwaltung und Selbsterziehung, Digitalisierung und der Bedeutung der Anthroposophie für die Waldorfpädagogik. Letzteres bildet ein zentrales Anliegen des Forums. Anthroposophie bedeutet für das Forum nicht Tradition, sondern ein lebendiges Ringen um den spirituellen Kern der Waldorfpädagogik. Hierbei gibt es so viele Wege wie es Menschen gibt, da ein solcher Weg letztlich nur in der Selbstschulung gegangen werden kann. Und weil der innere Schulungsweg nur unter dem Einsatz aller Seelenkräfte gelingen kann, sollen sie auch ganzheitlich im Forum gepflegt werden: Im Gespräch, in künstlerischer und kontemplativer Arbeit, in sozialer Begegnung und Bewegung. Bei aller Muße und Tiefe werden die Belange des Alltags nicht verdrängt und so gibt es jedes Mal Einheiten, um ganz konkrete Fragen aus der Praxis zu besprechen – zu Unterricht, Elternarbeit oder Selbstverwaltung.

Zum guten Gelingen, einer dichten Arbeitsatmosphäre und intensiven Begegnung der Teilnehmenden trägt auch der mitten in der Natur gelegene Ort der Veranstaltungen bei. Begonnen haben die Tagungen auf dem Waldschlösschen bei Göttingen und finden nun bereits zum vierten Mal auf Schloss Buchenau in der Nähe von Bad Hersfeld statt. Übernachtungs- und Verpflegungskosten für die viertägigen Arbeitstreffen sind in der Tagungsgebühr von 340 Euro inbegriffen. Eine ungefähre Altersgrenze von 40 Jahren dient dazu, bewusst zu vermeiden, dass fertige Antworten aus einer Haltung des «Ich-weiß-wie-es-geht» gegeben werden.

Es sind alle willkommen, die ein ehrliches Suchen und Ringen mitbringen, was natürlich nicht zwangsläufig die Eigenschaft eines bestimmten Alters ist. So geben neben den Menschen aus dem Initiativkreis des Forums immer auch eingeladene Expert:innen mit viel Reife und Erfahrung wesentliche Beiträge zum jeweiligen Tagungsthema. Über dem gegenwärtigen Zyklus des Forums steht die Frage: «Was ist der Mensch?» Ist der Mensch nur ein Schädling der Erde, ohne den sie besser dran wäre, oder ist er etwa deren Sinn, mit der Verantwortung schöpferisch an und in ihr zu arbeiten? Ist er eine biochemische Maschine und deren Verschmelzung mit der Technik der nächste evolutionäre Schritt oder ein spirituelles Wesen, welches dank seines Körper die Freiheit erringt? Ist er letztlich ein Egoist und die Menschheit zu Streit und Krieg verdammt oder gibt es eine Gemeinschaft freier Individuen? In diesen Fragen klingt manches bereits Gesagte wieder an. Es gibt keine einfachen, schnellen Antworten. Doch nicht nur das Forschen nach Antworten ist Ziel des Forums Zukunft Waldorfschule.

Viel ist gewonnen, wenn die Teilnehmer:innen die Fragen ins Bewusstsein der Schulen zurückbringen, aber vertieft und verschärft. Es ist schließlich unser aller Verantwortung, sie lebendig zu halten. Wachsen wir mit ihnen zusammen und ringen um sie, immer wieder neu! 

forum-zukunft-waldorfschule.de

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