Ausgabe 12/25

Religiöse und kulturelle Vielfalt

Albert Schmelzer

Unterricht in der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim

Die Waldorfschule erscheint in Deutschland zumeist als eine christliche Schule. Besonders in den unteren Klassen werden die christlichen Feste, vor allem Weihnachten und Ostern sowie das aus der Anthroposophie heraus neu belebte Michaeli, vorbereitet und gefeiert. Der Raum ist mit Bildern und Jahreszeitentisch entsprechend gestaltet. Es werden Legenden von christlichen Heiligen erzählt, es wird ein christlicher – protestantischer und katholischer – Religionsunterricht angeboten und auch im freien Religionsunterricht für konfessionell nicht gebundene Eltern werden christliche Themen behandelt. Das zeigt nicht zuletzt das häufig genutzte Buch zum freien Religionsunterricht an der Waldorfschule von Elisabeth von Kügelgen: Vom Wasser aufs Land. Die Ausbildung für die Religionslehrer:innen ist entsprechend ausgerichtet und auch in den kultischen Feiern, den sogenannten Handlungen, kommen christliche Motive vor. Muss das grundsätzlich so sein? Ist die Waldorfschule eine exklusiv christliche Schule? Befragt man Rudolf Steiner, so ist die Antwort eindeutig: Die Waldorfschule soll, so führt er in einer Ansprache auf einem Elternabend am 13. Januar 1921 aus, keine «Weltanschauungsschule» sein, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse fließen in die Methodik des Unterrichts ein, nicht in die Inhalte. Dem widerspricht nicht, dass er etwa eineinhalb Jahre zuvor, am 24. Juli 1920, bei der Ansprache zum Abschluss des ersten Schuljahres gesagt hatte, der «Geist des Christentums» wehe durch die Räume der Waldorfschule. Denn wenn man den Kontext berücksichtigt, wird deutlich, dass Rudolf Steiner hier nicht von Glaubensinhalten gesprochen hatte, sondern von dem Geist, «der von Liebe, von wahrer Menschenliebe» durchdrungen ist.
Diese weltanschauliche Offenheit ermöglicht es, dass die Waldorfpädagogik auch in außereuropäischen Ländern und Kulturen, also zum Beispiel in einem vom Islam, Buddhismus oder auch vom Daoismus und Konfuzianismus geprägten Umfeld, praktiziert werden kann. Dabei nehmen das allgemeine religiöse Element der Waldorfpädagogik wie auch der Religionsunterricht verschiedenste Formen an.

Vielfalt nutzen
 

Vor diesem Hintergrund sind auch in der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim-Neckarstadt neue Wege gegangen worden, der Religiosität Raum zu geben. Dabei ist berücksichtigt worden, dass ein Teil der Schüler:innen aus muslimischen Familien stammt, ein anderer Teil hat einen im weitesten Sinne christlichen Hintergrund. Zudem gibt es zahlreiche religiös indifferente Elternhäuser und einige, die sich mit dem Judentum oder buddhistischer Spiritualität verbunden haben.

Von der Gründungsphase an war es dem Kollegium wichtig, in den Klassen allgemeine religiöse Qualitäten wie Verehrung, Andacht, Ehrfurcht, Achtung vor der Schöpfung und Mitgefühl zu pflegen. So beginnt der Tag mit dem Morgenspruch. Auch bei den Erzählstoffen, die auf Inhalte vieler Religionen und Kulturen zurückgreifen, folgen die Kolleg:innen dem «normalen» Lehrplan: Märchen und Heiligenlegenden, Erzählungen aus dem Alten Testament, germanische, griechische und römische Mythen wie auch Überlieferungen aus der altpersischen Zarathustra-Religion, aus dem Buddhismus, Hinduismus und dem Islam werden behandelt. Dabei wird darauf geachtet, dass schon bei den Märchen und Legenden der ersten und zweiten Klasse kulturelle Diversität sichtbar wird. Gerahmt wird diese Praxis dadurch, dass nicht nur die christlichen Feste in den Monatsfeiern und der Schulöffentlichkeit ihren Platz finden, sondern auch der Beginn und das Ende des Ramadan.
Im Blick auf den Religionsunterricht war die Überlegung leitend, gerade in diesem Fach die Schüler:innen nicht zu trennen. Vielmehr wird die in den Klassen bestehende religiöse und kulturelle Vielfalt genutzt, um wechselseitiges Interesse und lebendigen Austausch anzuregen. Auf diese Weise ist ein Konzept entstanden, das ebenso gut als Religions- wie als Kulturunterricht bezeichnet werden kann. Ab der dritten Klasse werden in einer Stunde pro Woche die in den Elternhäusern vorwiegend vorhandenen Religionen behandelt. Dabei liegt der Schwerpunkt in der dritten Klasse auf der jüdischen Kultur und Religiosität, in der vierten Klasse auf der christlichen und in der fünften Klasse auf der islamischen. Auch die östliche Spiritualität findet Berücksichtigung.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wie: Bildhafte Erzählungen wechseln ab mit Liedern, Tänzen und szenischen Darstellungen. Die jeweiligen Feste mit ihren Riten und Gebräuchen – bis hin zu den typischen Speisen – werden vorgestellt und gefeiert. Eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee werden besucht, ein Heft wird angelegt, in das die Schüler:innen die zu den Festen gehörenden Motive malen.

Gemeinsamkeiten herausstellen


Im Unterricht wird darauf geachtet, auf Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen hinzuweisen. So können die Bitten eines Gebetes von Franz von Assisi von allen Religionen bejaht werden: «Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde da, wo Streit ist ...» Abraham mit seinen Glaubenskräften kann als gemeinsamer Vater des Judentums, des Christentums und des Islam gelten, Chanukka, Advent und Weihnachten sind durch das Motiv des Lichts miteinander verbunden, der Ramadan und die christliche Fastenzeit appellieren beide an die Bereitschaft zum Verzicht und zur Selbstbeherrschung. Die Selbstverständlichkeit, mit der unter den Schüler:innen wechselseitige Toleranz geübt wird, ist bei den Eltern nicht immer vorhanden. Gelegentlich bedarf es einiger Überzeugungsarbeit, bis akzeptiert wird, dass die Kinder auch andere religiöse Strömungen als die eigene kennenlernen. Die sechste Klasse widmet sich im Kontext des Gartenbauunterrichts dem Verhältnis zur Natur. In den vielfältigen praktischen Tätigkeiten wie der Vorbereitung der Beete, der Bodenpflege und der Ernte werden Achtsamkeit und Verantwortungsgefühl gegenüber der Erde angeregt – Qualitäten, die in allen religiösen Strömungen, besonders in indigenen Kulturen, veranlagt sind und durch entsprechende Mythen und Erzählungen vertieft werden.

Die siebte und achte Klasse beschäftigt sich mit existentiellen Fragen der Selbstfindung: Wer bin ich? Was möchte ich in der Welt bewirken? Welche Werte bestimmen mein Handeln? In diesem Zusammenhang werden Themen wie Freundschaft, Gemeinschaft, die Lösung von Konflikten, die Überwindung der Kluft zwischen arm und reich und das Verhältnis des Menschen zur Technik behandelt.

Leider ist der Religions- beziehungsweise Kulturunterricht in der Oberstufe noch nicht aufgebaut. Das Konzept sieht vor, dass in der neunten Klasse Biografien von Persönlichkeiten aus verschiedenen Kulturkreisen vorgestellt werden, die sich in besonderer Weise für Menschenrechte, Tierschutz und Ökologie eingesetzt haben. Die zehnte Klasse soll sich philosophischen Grundfragen wie denen nach dem Wesen des Menschen, nach Freiheit und Verantwortung, nach dem Gewissen und der Möglichkeit von Erkenntnis zuwenden. In der elften und zwölften Klasse steht die Behandlung der Weltreligionen an, um das in der Unterstufe erlebnismäßig Erfahrene auch gedanklich zu durchdringen. Dazu liegt inzwischen auch eine Publikation von Angelika Schmitt und mir vor: Die Weltreligionen – Vielfalt und Zusammenklang. In sieben kleinen Bänden stellen wir die Religiosität indigener Völker und Chinas, den Hinduismus und den Buddhismus, das Judentum, das Christentum und den Islam mit den Grundzügen ihres Glaubens und ihrer religiösen Praxis vor. Außerdem beinhaltet die Reihe repräsentative Biografien.

Im Rückblick auf ihre Schulzeit äußern Schüler:innen der Interkulturellen Waldorfschule immer wieder, wie wertvoll ihnen das selbstverständliche Zusammenleben mit Klassenkamerad:innen aus anderen Kulturen und Religionen war. Als ein Beispiel sei der Bericht von zwei Schülern einer zwölften Klasse angeführt, die bei ihrer Abschlussfahrt nach Spanien unter anderem die Alhambra in Granada besucht hatten, die maurische Festung, welche bei der Reconquista am längsten Widerstand gegen die 1492 schließlich siegreichen christlichen Heere geleistet hatte. Sie erzählten, wie sie – der eine Muslim, der andere Christ – eines Abends auf der Festungsmauer saßen und über diese blutigen Kämpfe nachdachten. Dann habe einer von ihnen gesagt: «Damals hätten wir uns die Köpfe eingeschlagen, heute haben wir uns über Jahre kennengelernt und sind sogar Freunde geworden.» 

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