«Haku llank’aq risunchis» – «Kommt, lasst uns spielen», so lautet eines der vielen Lieder, die die Kinder des Projektes Circo Cantuta in Andahuaylillas, einem Dorf in den peruanischen Anden, singen. Der Liedtext ist auf Quechua, der meistgesprochenen indigenen Sprache in Peru. Schon die Inka sprachen diese Sprache. Während die meisten Peruaner:innen heute stolz auf die Geschichte der Inka und ihre Bauten sind – etwa auf Machu Picchu, Ruinenstadt und Weltwunder – werden die Nachfahren der Inka bis heute oft diskriminiert.
Die spanische Eroberung Lateinamerikas liegt über fünf Jahrhunderte zurück, doch die Folgen des Kolonialismus in Peru sind noch immer zu spüren. Quechuasprachige Menschen wurden lange wie Menschen zweiter Klasse behandelt, zeitweise war das Sprechen der Sprache sogar verboten.
Warum Quechua verschwindet
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass nur noch wenige quechuasprachige Eltern die Sprache an ihre Kinder weitergeben. Quechua wird oft mit Armut und Rückständigkeit assoziiert. Viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen ökonomischen und gesellschaftlichen Aufstieg, der mit Spanisch als Muttersprache deutlich leichter erscheint – zumal höhere Bildungsangebote meist nur auf Spanisch verfügbar sind. Wenn es um das Erlernen einer Zweitsprache geht, denken viele Familien eher an Englisch als an die Sprache ihrer Vorfahren. Versuche des Schulministeriums, die Sprache wiederzubeleben, hatten bisher wenig Erfolg. Oft sind Lehrkräfte unmotiviert und der Unterricht ist schon in der Unterstufe sehr theorielastig: Früh werden Rechtschreib- und Grammatikregeln auswendig gelernt. Die Pädagogin Marizela Salas Gonzales, die im sozialen außerschulischen Projekt Circo Cantuta arbeitet, beobachtet diese Situation schon seit Längerem: «Es geht nicht nur die Sprache verloren, sondern mit ihr auch der Zugang zu unserer Kultur. Darin hat die Natur, die Pachamama – die Mutter Erde – eine große Bedeutung; sie ist heilig für uns. Mit der spanischen Sprache verbreitet sich auch immer mehr die Vorstellung, dass wir Menschen der Natur überlegen seien und uns alles von ihr nehmen können, was wir wollen. Dabei müssen wir sie mit Respekt behandeln, wir müssen in einem Gleichgewicht aus Geben und Nehmen mit ihr leben.»
Sie erzählt, dass die traditionellen Zeremonien auf Quechua stattfinden; Quechua ist für sie auch eine Verbindung zur spirituellen Welt. «Denn das ist die Sprache, die unsere Berge, unsere Erde, unsere Pflanzen verstehen.» Ihre Eltern sprechen Quechua, doch ihnen war es wichtiger, dass sie lernt, akzentfrei Spanisch zu sprechen, um keine Diskriminierung zu erleiden. Erst später erlebte sie selbst die Notwendigkeit, Quechua zu lernen, um sich mit Menschen verständigen zu können, die kein Spanisch sprechen.
Aktuell macht sie einen Zertifikatskurs am chilenischen Institut Educación, Filosofía y Arte in Kooperation mit der Alanus Hochschule zur Waldorf-Fremdsprachenlehrerin. Parallel plante sie ein Projekt zur Wiederbelebung der indigenen Sprache Quechua mit Hilfe der Waldorfpädagogik. Circo Cantuta schien ihr aufgrund des waldorfpädagogischen Konzeptes der passende Ort. «Der Zirkus ist für mich ein besonderer Ort. Hier können die Kinder ihre Möglichkeiten entfalten, neue Fähigkeiten erlernen und vor allem an sich selbst glauben.» Sprache und eigene Kultur sieht sie als wichtige Elemente, um ein positives Selbstbild entwickeln zu können. Ziel ihres Projektes ist daher nicht nur das Vermitteln der Sprache Quechua, sondern auch von Kultur und Traditionen. Die Kinder sollen eine positive Verbindung zur Sprache und zur eigenen Kultur aufbauen, sie als positiven Teil ihrer Identität erleben.
Das Angebot findet zweimal wöchentlich statt und trägt bewusst nicht den Namen Quechuaunterricht, sondern «Kusikusunchis», auf Deutsch: «Lasst uns fröhlich sein». Denn genau darum geht es an den Nachmittagen. Es wird zusammen gesungen, gespielt, rhythmisch und künstlerisch gearbeitet; es werden Geschichten erzählt sowie Theater- und Puppenspiele gemacht. Die waldorfpädagogische Methode des Sprachunterrichtes bildet die Grundlage des Projektes. «Mit der Waldorfpädagogik habe ich einen anderen Ansatz kennengelernt, Sprachen zu unterrichten, und habe die Möglichkeit gesehen, diesen nicht nur für Fremdsprachen, sondern auch zur Wiederbelebung einer indigenen Sprache zu verwenden», sagt die Initiatorin Marizela.
Es geht darum, ein positives Umfeld zu schaffen, in dem die Kinder die Sprache mit allen Sinnen erleben können. Die Verbindung von Sprache mit Bewegung, Rhythmus und Musik sind wichtige Elemente des Unterrichts – und finden großen Anklang. «Was wir hier machen, ist so ganz anders als das, was die Kinder normalerweise an ihrer Schule machen. Ich glaube, gerade deswegen kommt es so gut an.»
Kusikusunchis ist nicht nur Lernen mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper und mit dem Herzen. Die Lehrerin spricht während der gesamten Zeit nur Quechua. «Das war am Anfang ganz schön irritierend für die Kinder», berichtet sie. «Manche haben mich nur verwirrt angeschaut und gesagt, ich solle es jetzt mal auf Spanisch übersetzen. Sie wussten gar nicht so recht, wo sie eigentlich gelandet waren.» Doch schnell gewöhnten sich die Kinder daran und tauchten in die Sprache ein. Der Klang der Sprache war vielen vertraut, weil es die Sprache ist, in der sich Eltern und Großeltern miteinander unterhalten.
Draußen lernen – und zu Hause weitersingen
Wir beobachteten eine zunehmende Entfremdung der Kinder von der Natur. Daher findet der Unterricht oft draußen statt: Wir gehen in die Natur und auf die umliegenden Felder, beobachten gemeinsam, wie diese sich im Jahreslauf verändern, lernen traditionelle Heilpflanzen kennen, melken Kühe oder naschen süßes Maisrohr. So erleben die Kinder, dass auch das Wissen ihrer Großeltern in unserer heutigen Welt Relevanz hat.
Praktische Erfahrungen – etwa das Haarewaschen mit Kaktusshampoo – bilden einen wichtigen Gegenpol zu den visuellen Eindrücken, denen die Kinder in sozialen Medien begegnen. Als wir das erste Mal Besenstiele an alle Kinder verteilten, waren sie sehr überrascht. Schon bald hatten sie aber große Freude daran, damit rhythmische Übungen zu machen und Lieder und Verse zu begleiten.
Auf dem Nachhauseweg singen manche Kinder noch fröhlich die Lieder aus dem Unterricht. Eltern berichteten, dass ihre Kinder gemeinsam mit ihnen Lieder auf Quechua gesungen und gefragt hätten, ob sie sich an Lieder aus ihrer Kindheit erinnern können. Es ist sehr wertvoll, dass durch das Projekt auch in den Familien eine Auseinandersetzung mit der Sprache entstanden ist – und dass Eltern von ihren Kindern Interesse für die eigene Kultur zurückgespiegelt bekommen. Marizela berichtet: «Am Anfang hatte ich viele Zweifel, ja sogar Angst. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es die Kinder und auch die Eltern interessieren könnte.» Zu ihrer Überraschung stieß das Projekt auch bei den Eltern auf großes Interesse. Mit gemeinsamen Gesprächen wurde bei vielen ein Reflexionsprozess angestoßen: Sie hatten sich zuvor noch nie bewusst mit ihrer Muttersprache auseinandergesetzt.
Fortschritte, die bleiben
Nach einem Jahr haben die Kinder große Fortschritte gemacht. Trauten sie sich zu Beginn gar nicht, auf Quechua zu sprechen, antworten einige nun ganz selbstbewusst auf dieser Sprache. Und weil das Projekt im außerschulischen Rahmen stattfindet und die Teilnahme freiwillig ist, zeigt sich der Erfolg besonders deutlich daran, dass die Kinder immer noch gerne kommen. Ein Mädchen sagte nach ihrer ersten Unterrichtsstunde: «Das war das erste Mal, dass Quechua mir Spaß gemacht hat.»
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