Seit gerade mal wenigen Tagen hatte Anna Franz ihr Abi in der Tasche, als sie zur nächsten Herausforderung in ihrem Leben aufbrach: einem Jahr als Freiwillige in Polen. Sommerpause? Pustekuchen! Über die Freunde der Erziehungskunst ist Anna auf der Juchowo Farm gelandet, einem bio-dynamischen Bauernhof im Nordosten des Landes, gut 150 Kilometer von Stettin entfernt. Die Juchowo Farm befindet sich seit dem Jahr 2000 im Aufbau und soll die Grundlage bilden für ein gleichnamiges Dorfprojekt. Auf 1.900 Hektaren möchte die Stanisław-Karłowski-Stiftung Lehr- und Lernbetriebe für Osteuropa schaffen. Benannt ist die Stiftung nach Stanisław Karłowski (1879-1939), Senator im polnischen Parlament zwischen den Weltkriegen und (seit 1931) Pionier des biologisch-dynamischen Landbaus in Polen. Er wurde 1939 von den deutschen Besatzern erschossen. Die Lehrbetriebe sollen sich der Forschung der bio-dynamischen sowie der ökologischen Landwirtschaft widmen, und der Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden in den Betrieben und der Umweltbildung dienen. Schon heute unterhält die Juchowo Farm Erlebnis- und Lernangebote im Rahmen der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung und organisiert Workshops zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Assistenzbedarf. Schüler:innen und Student:innen können Praktika absolvieren.
Sich verletzlich und menschlich zeigen
Der Großteil der Praktikant:innen auf der Farm sind Waldorfschüler:innen aus dem benachbarten Deutschland. Sie kommen für ihr Landwirtschaftspraktikum dorthin und haben Annas Zeit als Freiwillige maßgeblich geprägt. «Auf dem Hof gibt es Kühe, Schafe und Ziegen, aber auch Pferde, Hühner und Kaninchen. All die Tiere habe ich zusammen mit den Schüler:innen versorgt und sie dabei angeleitet», berichtet Anna. Versorgen, das heißt im Wesentlichen, misten und füttern. Aber auch im Garten und auf dem Feld haben Anna und die Jugendlichen gearbeitet, beispielsweise Möhren geerntet. «Durch das Miterleben der landwirtschaftlichen Arbeit habe ich eine viel größere Wertschätzung Lebensmitteln gegenüber entwickelt. Denn ich weiß jetzt noch genauer, wieviel Arbeit in einem Liter Milch oder in einer Möhre steckt», sagt Anna, die selbst auf einem kleinen Hof mit Tieren groß geworden ist. Als Mädchen ist Anna geritten. Gelebt hat ihre Familie von der Landwirtschaft allerdings nicht. Sorge hatte die junge Frau vor der Beziehungsgestaltung mit den Schüler:innen. Denn Anna war selbst erst 19 Jahre alt geworden, als sie nach Polen kam. Der Altersabstand zu den Neuntklässler:innen war also nicht besonders groß. «Werden sie mir zuhören? Meinen Anweisungen folgen?» Solche Fragen hatte sich Anna gestellt. Im Umgang mit den Jugendlichen hat sie jedoch gemerkt, «dass es viel einfacher ist, ein gutes Verhältnis aufzubauen, wenn ich auch meine verletzliche und menschliche Seite zeige, anstatt den Ernst der Arbeit zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Auch Geduld, ehrliche Freundlichkeit und Positivität sind Eigenschaften, die die Arbeit mit Menschen erleichtern», reflektiert Anna heute.
Einstieg im Zirkuszelt
Sie hatte sich bewusst für eine Einsatzstelle entschieden, in der es nicht ausschließlich um das Zusammensein mit Menschen geht, weil sie bis dato eher schüchtern und zurückhaltend gewesen war. «Unter Menschen fühlte ich mich oft unwohl und ging deshalb auch nicht gern zur Schule», erzählt sie. Ihr Freiwilligendienst begann angesichts dessen mit einer Herausforderung. Denn das jährliche Zirkusprojekt der Juchowo Farm führte kurz nach Beginn ihres Dienstes eine große Schar polnischer und deutscher Kinder zusammen. Anna hatte schon zu Hause angefangen, sich darauf vorzubereiten und mit Hilfe einer App ein wenig Polnisch gelernt. Sie bezeichnet sich selbst als sprachaffin, hat sie sich doch vor einiger Zeit ganz allein ein wenig Spanisch beigebracht. Neben den Landwirtschaftspraktikant:innen aus Deutschland kamen regelmäßig auch Kindergartengruppen und Grundschulklassen aus der Umgebung auf den Hof, bei denen ihre Polnischkenntnisse gefragt waren.
Mit dem Auto durchs Land
In den Wintermonaten blieben die Besucher:innen aus. Für Anna begann eine ruhigere Zeit, die nicht immer leicht auszuhalten war. Zuweilen wurde aus Ruhe Langeweile und Einsamkeit. Denn eine zweite Freiwillige, mit der Anna sich die Unterkunft geteilt hatte, war abgereist. «Die Winterzeit gab mir aber auch die Möglichkeit, für einige Wochen in Arbeitsbereiche einzutauchen, die ich bis dahin noch nicht kennen gelernt hatte. Ich habe wochenlang die Mitarbeiter:innen in der Käserei unterstützt und im Melkstand geholfen», sagt Anna. Mit dem kleinen Auto, das sie dabei hatte, ist sie sommers wie winters immer wieder fortgefahren – zum Pizza-Essen in die Stadt, zum Spaziergang um den Waldsee, ans Meer oder auch mal weiter weg, zum Beispiel zum Wandern nach Karpacz.
Schon bald hatte Anna überlegt, ihren Freiwilligendienst um ein halbes Jahr zu verlängern, so wohl hatte sie sich auf der Juchowo Farm gefühlt. Allerdings wartete in Deutschland eine Berufsausbildung zur Tierpflegerin. Ihre Praxisstelle ist eine Jugendfarm, wo ähnlich wie in Polen Kindern Freizeit und Bildung in der Natur mit Tieren angeboten werden. «Das ist genau das, was ich gesucht habe», freut sie sich. Polnisch lernt sie auch weiterhin. Mit der Bäuerin der Juchowo Farm hat sie vereinbart, dass sie ihr einmal im Monat eine E-Mail auf Polnisch schreibt. Das klappt bisher. Und im Herbst, da wird sie für die Zirkuswoche nach Polen zurückkehren.
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