Ausgabe 11/25

Russkij? Да!

Börries Hornemann

Blick ins Treppenhaus der Eremitage in St. Petersburg. Sie beherbergt eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion war Russland in mehrere Kriege involviert, in Tschetschenien, in Abchasien, in Syrien – seit 2014 schwelend gegen die Ukraine und eskalierend mit dem Überfall 2022. Da sollte man doch heute nicht mehr ausgerechnet die russische Sprache lernen, geschweige denn nach Russland reisen! Ich bin dieses Jahr trotz aller Bedenken dort hingefahren, um Freund:innen zu besuchen. Dabei fiel mir vieles auf, was mich zum Nachdenken bringt. Denn die Widersprüchlichkeiten zeigen sich überall. Ein Tamaris-Laden auf dem Petersburger Prachtboulevard, dem Newski Prospekt, wirbt groß mit: Schuhe aus Deutschland. Die Geschäfte bieten fast alle Marken feil – ob Snickers, Seeberger Nüsse oder Milka. Obi-Baumärkte und Decathlon (unter dem Namen Desport) gibt es auch. Greifen unsere europäischen Sanktionen auch nach über drei Jahren nicht? In Russland spüren die Menschen sie zum Beispiel als Inflation – ähnlich wie wir –, aber spürt auch die Politik etwas davon?

Ich bin für acht Tage hinter den neuen Eisernen Vorhang gefahren. Fliegen geht zurzeit nicht, jedenfalls nicht direkt. Und wie die Produkte nehmen auch die Menschen Umwege, ich über das estländische Tallinn. Von dort fährt fünf Mal am Tag eine Busverbindung an die EU-Außengrenze. Große Betonsperren und Stacheldraht zeigen: Über den Fluss Narwa ist aktuell und in nächster Zeit kein Verkehr vorgesehen. Zwei Trutzburgen auf beiden Flussseiten verweisen auf die lange Historie der Grenze. Auf der estnischen Seite weht die ukrainische Flagge, auf der russischen die russische. Das hier ist eine echte Grenze, das Ende der einen Welt und dahinter beginnt eine andere. Kein Durchkommen ohne Visum, keine Möglichkeit, Euro in bar mitzunehmen (und keine Möglichkeit, mit unseren Kreditkarten in Russland Geld abzuheben). Dollar und Franken sind erlaubt – und russische Rubel. Auf der anderen Seite der Brücke warten überraschend freundliche russische Beamte. Nicht alle Tage, so scheint es, sind europäische Gäste Teil des regen Grenzverkehrs. Von dort fährt ein anderer Bus die verbleibende Strecke ins Venedig des Nordens – Sankt Petersburg. 

Hier hört man auf den Straßen heutzutage nur noch Russisch – diese weich klingende, literarische Sprache habe ich ab der ersten Klasse in meiner Stuttgarter Waldorfschule gelernt. Dank des Berufs meines Vaters (er ist Pfarrer der Christengemeinschaft und hat seit 1970 viele Gemeinden in Russland und der Ukraine aufgebaut) konnte ich zudem häufig Ferien in Russland verbringen – und noch häufiger in der Ukraine. So spreche ich Russisch, voller Fehler zwar, aber ich verstehe viel und kann mich auch bei komplizierten Themen flüssig verständlich machen. Die russischen Menschen fragen mich oft: «Warum machst du so viele Fehler, obwohl deine Aussprache so gut ist?»

«Wir sind doch auch Europäer»


Schon im Bus von Tallinn Richtung Osten ergeben sich Gespräche mit den Mitreisenden. Es sind alles Russ:innen. Manche betreiben einen kleinen Handel, besuchen Verwandte in Europa oder kehren zurück vom Urlaub in Sehnsuchtsorten wie Berlin, Italien oder Schweden. In St. Petersburg angekommen wird deutlich: Ich bin weit und breit der einzige europäische Tourist. Das fällt auf – wenngleich St. Petersburg eine durch und durch westliche Stadt ist. Der Stadtvater Peter der Große war jahrelang in Europas Metropolen unterwegs, um «seine» Stadt zu planen. Auf der Straße werde ich angesprochen, fotografiert und gefilmt. Im Bus sagt die Kontrolleurin zu Jugendlichen: «Steht auf – seht ihr nicht, dass wir einen Gast haben?» In der Stadt, in der vor Beginn des Krieges gegen die Ukraine Tourist:innen aus aller Welt die Kunstschätze genossen, scheint es nur noch innerrussische oder asiatische Gäste zu geben. Einheimische klagen im Gespräch: «Wir sind doch auch Europäer – wir gehören zu euch! Mit China sind wir nur ökonomisch verbunden, nicht kulturell.» In so gut wie jedem Austausch, auch den kurzen, kommt der Krieg zur Sprache. Die Menschen bedauern und wollen nicht wahrhaben, welches Grauen von ihrem Land ausgeht. Gleichzeitig ist es weit weg, die Großstadt kennt wenig Opfer, die Medien zeigen andere Kampfplätze der Welt. In 70 Jahren Sowjetzeit wurde das Staatsverständnis sehr anders geprägt; «Staat» ist auch heute noch anders konnotiert als bei uns. Wohnen, Arbeit, ja sogar die Heimat wurde in der Sowjetzeit «zugewiesen». Nur wer lange treu gedient hatte, konnte von der Zuweisung eines Autos träumen. Nur wer sich konform gezeigt hat, durfte studieren etcetera. Dass daraus eine selbstverantwortliche, initiativ oder gar aktivistisch handelnde Zivilgesellschaft hervorgeht, wie das bei uns (leider vielfach abnehmend) der Fall ist, kann nicht erwartet werden. 

Es ist Anfang Mai – der «große Tag des Sieges» steht bevor. Russland feiert den Sieg über Nazi-Deutschland auch 80 Jahre danach als identitätsstiftendes Ereignis. Bei früheren Reisen fand ich das sehr befremdlich, aber als ich jetzt auf Plakaten lese «Danke für den Sieg», kann ich innerlich durchaus einen Dank empfinden, dass die Sowjetische Armee das Land meiner Vorfahren von den Nazis befreit hat. Die Nazis hatten allein in der Sowjetunion verheerende 27 Millionen Tote verursacht. Die Rote Armee – das waren Millionen Soldaten aus der Ukraine, dem Kaukasus, Zentralasien und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten, nicht ausschließlich Russen.

Uniform und Alltag


Auf dem großen Platz vor der Eremitage findet eine Militärparade statt. 50.000 Soldaten üben für die «Show» am 9. Mai. Schaudernd stehe ich daneben und beobachte, wie die Truppen zu je 120 Menschen im Gleichschritt mit starrem Blick der Glatze des Vordermanns nachlaufen. Diese militarisierte Gesellschaft empfinde ich als grauenhaft. Auch bei uns gibt es seit einigen Jahren den zunehmenden Fokus aufs Militärische mit Überlegungen zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. So wie hier aber habe ich das noch nie gesehen. Das gewollt Furchteinflößende, Brutale lässt meine Knie zittern. Ich versuche mit Passanten ins Gespräch zu kommen, bewegt von dem Geschehen, aber hier stehen lauter Angehörige der jungen Soldaten, stolz auf ihr Militär. Sie geben mir Tipps, wo ich am 9. Mai die beste Aussicht auf die Parade haben kann. 

Von Russland ausgehend herrscht schon über drei Jahre der brutale Krieg in der Ukraine. Hier in Petersburg aber ist davon wenig bis gar nichts zu spüren. Einige Plakate werben für den Einsatz bei der «Spezial-Operation» und locken mit viel Geld patriotische Männer mit finanziellen Problemen, auf dem Land aber ist das viel präsenter. So hat die Stadtbevölkerung entsprechend nur wenige der vielen Toten zu beklagen. Und genau wie ich nicht für Friedrich Merz‘ Entscheidungen verantwortlich gemacht werden will, möchten viele Menschen, mit denen ich spreche, nicht für Putins Krieg geradestehen. «Der Krieg hat mit mir nichts zu tun, auch wenn ich Putin gewählt habe, weil wir unter seiner Präsidentschaft zum ersten Mal stabile Verhältnisse haben», sagt mir eine gebildete ältere Frau. Und in der Tat – die Stadt ist wesentlich sauberer als deutsche Großstädte, der ÖPNV funktioniert, die Einkommen sind stabil, die Straßen ohne Schlaglöcher, die täglichen Lebensmittel relativ günstig und von guter Qualität. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren grundlegend verbessert.

Zivilgesellschaft im Kleinen


Ich lerne vor Ort zwei Waldorfschulen kennen und bin begeistert. Mit großem Engagement sind hier Lehrer:innen und Eltern am Werk. Viele Waldorfschulen im Land unterrichten nur wenige Kinder, aber an Einsatz und Wille scheint es nicht zu mangeln. Hier wird Zivilgesellschaft im Kleinen gelebt. Mir fällt auf: Bei meinen ersten Besuchen in Russland Anfang der 90er war die Begeisterung zu singen groß, allerdings klang es in meinen Ohren meistens scheußlich. Jetzt aber – nach 30 Jahren Waldorfpädagogik – höre ich schönen Gesang. Die kleine Schule vor den Toren St. Petersburgs hatte einen großen Schüler:innen-Rückgang. «Viele Familien sind emigriert», schildert mir Andrej Gurewitsch, hiesiger Schulgründer. «Sie leben jetzt verteilt auf der ganzen Welt, nur nicht in Europa, das ist zu teuer.» Zwar gibt es in Russland eine Schulpflicht, aber die Kinder hier werden in der Unterstufe inoffiziell unterrichtet. Grauzone, aber es geht. So bleibt die Schule unter dem Radar – das entbindet sie von der Pflicht, morgens die Fahne hissen und die Hymne singen zu müssen, wie die Kinder in den öffentlichen Schulen.

Ost und West verbinden


Wie kam es zu der Beziehung von Waldorfschulen und der russischen Sprache? 1960 hat in Deutschland die Bremer Waldorflehrerin Irene Fischer-Rohde mit dem Russisch-
unterricht in der ersten Klasse begonnen, ihr folgten daraufhin viele weitere Schulen. Dass Russisch unterrichtet wird, geht dabei nicht auf Rudolf Steiner zurück; vielmehr hatten Waldorflehrer:innen den pädagogischen Wert des Lernens dieser schwierigen Sprache erkannt. Das überzeugendste Argument der russischstämmigen Fischer-Rohde war, dass an dieser kraftvollen, lyrisch-lebendigen Sprache in den Kindern der Sinn für Sprache überhaupt geweckt werden kann. Im Vordergrund stand somit nicht Fremdsprachenkenntnis, sondern die Befähigung, Sprache als urmenschliche Ausdrucksform zu lernen. Da sich Sprach- und Denkstrukturen aufeinander beziehen und bedingen, scheint es weise zu sein, die westlichen und östlichen Hemisphären im Sprachunterricht zu verbinden. Hinzu kommt, dass sich die grammatikalischen Strukturen im Englischen und Russischen in geradezu extremer Weise voneinander unterscheiden, der Kontrast zwischen beiden Sprachen und ihre komplementäre wechselseitige Ergänzung somit einen besonders großen entwicklungsfördernden Lerneffekt erzielen können. Früher hieß es, Latein lehrt denken; Russischlernen steht dem in nichts nach. Wer das schwierige Russisch mit seiner differenzierten Grammatik und Formenlehre gelernt hat, kann später westeuropäische Sprachen einfacher lernen. Andersherum wohl kaum. Sogar das Lernen des kyrillischen Alphabets kann Legastheniker:innen helfen, in der Mittelstufe diese Schwäche zu überwinden. 

Dass Waldorfschulen in Westdeutschland Russisch unterrichten, mutete 1960 auch schon exotisch an. 1970 erlebte der Russischunterricht zeitgleich mit den Waldorfschulen selbst einen ersten kleinen Boom. Von den neu gegründeten Schulen implementierten viele Russisch von Anfang an. Aber erst mit der Präsidentschaft Michail Gorbatschows erwachte eine große Sympathie Richtung Osten. Und plötzlich hatten die Waldorfschulen die Nase vorn. Sie hatten unabhängig des Trends die Sprache gelehrt und dienten mit einem Mal als nachahmenswertes Beispiel. Russisch zu lernen war in Mode gekommen, die Theater spielten begeistert russische Autoren, die gemeinsamen Kulturwurzeln wurden sichtbar. Und wir Waldis waren gut aufgestellt bei der wirtschaftlichen Entwicklung der neuen Märkte.

Heute hat der Wind wieder gedreht. Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Liebe zu Russland erkaltet, ja Russland ist unser «Gegner», wobei die Unterscheidung zwischen dem Regime und den Menschen nur selten getroffen wird. Auch in unseren Waldorfschulen sind Diskussionen darüber entbrannt, ob es opportun sei, «die Sprache der Feinde» zu lernen. Aber dass die russische Sprache besonders geeignet ist, die Heranwachsenden in die Welt des lebendigen Wortes einzuführen, ist von solchen sich wandelnden Stimmungen ganz unberührt. Was tun gegen die Tragödie des aktuellen Krieges? Kein Russischunterricht mehr in den Schulen? Eine wenig sinnvolle Antwort. In meinen Augen ist die Verbindung zwischen Waldorf und Russisch eine Zukunftsbrücke, denn auch wenn es aktuell in weiter Ferne scheint, dass wir mit den russischen Menschen wieder unbeschwert und unkompliziert Verbindungen eingehen, zum Beispiel über Klassenfahrten und Schulpartnerschaften, so liegt doch ein Keim darinnen, dass einige 
hunderttausend Menschen in Deutschland nach ihrer Waldorfschulzeit einen Zugang zur Sprache und zum Kulturraum bekommen haben. Und diese Brücken gilt es weiter zu bauen – gerade, weil es schwierig ist. 
 

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