Ausgabe 01-02/26

Sägen, roden, pflanzen – Nachhaltigkeit selber machen

Andreas Becker

Bild oben: Bau von Baumschützern
Bild links: Brennholzsägen
Bild rechts: Traktorfahren gehört auch zum Waldpraktikum


Die ersten Jahre fand unser Waldpraktikum bei einem Demeter-Landwirt östlich von Schwäbisch Hall statt. Seit 1997 machen wir es auf den Staatswald- und Kommunalwaldflächen des Forstamts Schwäbisch Hall. Die zuständigen Revierförster waren und sind immer sehr aufgeschlossen und entgegenkommend. Wir treffen uns morgens in der Schule zur organisatorischen Vorbesprechung und Gruppeneinteilung und fahren dann mit dem Fahrrad in die umliegenden Wälder zu unserer jeweiligen Arbeitsstelle. In der zweiten Woche zelten wir für drei Nächte auf einem wunderschönen Jugendzeltplatz, der zwischen unseren Arbeitsflächen liegt. 

Die Schüler:innen führen ein Berichtsheft und erhalten bei Gelegenheit, etwa bei schlechtem Wetter, kurze Unterrichtssequenzen zur Ökologie und Ökonomie des Waldes. Am vorletzten Tag findet traditionell ein Geländespiel statt, bei dem die Schüler:innen in kleinen Gruppen um die Wette sägen, etwa 30 verschiedene Gehölze bestimmen, Rätsel lösen und sich im Gelände orientieren müssen. Am letzten Tag wandern wir etwa 14 Kilometer von der Schule durch den Wald zu einem auf einem Bergrücken gelegenen Gasthaus, wo wir dann bei Pizza und einer wunderschönen Aussicht das Praktikum beschließen. Wir bekommen unterschiedliche Arbeitsaufträge. 

In den vergangenen Jahren haben wir regelmäßig den Jungbestand gepflegt und Brennholz geerntet. Durch Sturm, Käfer oder Kahlschlag waren Freiflächen entstanden, auf denen sich etwa durch Samenflug unterschiedliche Baumarten angesiedelt hatten, das nennt man Naturverjüngung. Diese Flächen mussten ausgelichtet werden. Der Förster markierte mit Farbe die zu entnehmenden Bäume und wir sägten sie mit der Bügelsäge heraus, zersägten sie auf Zweimeterstücke und stapelten sie als Brennholz auf. Diese Arbeit ist besonders im Anfangsstadium wegen der häufig starken Verkrautung mit Brombeeren, Labkraut, Heckenrosen oder Brennnesseln sehr anstrengend. Ein besonderes Sorgenkind der Forstverwaltung – ein etwa sechs Hektar großes Sturm- und Käferloch – hat sich unter anderem durch die konsequente Pflege durch unsere Schüler:innen über einen Zeitraum von etwa zwölf Jahren zu einem wunderschönen und stabilen Mischbestand entwickelt.

Gefahren einschätzen, wachsam sein


Dann gibt es ältere Bestände, die auch ausgelichtet werden müssen, die aber so ungünstig liegen oder zu klein sind, dass sie an keinen Brennholzkäufer vermittelt werden können. Diese Flächen sind oft steil, aber dafür gibt es mangels Licht keine Brombeeren. Da müssen dann auch dickere Bäume wie Buchen, Kiefern, Birken, Kirschen, Pappeln oder Eichen gefällt werden. Dazu haben wir große Schrotsägen mit Hobelzahnung. Das sind die gefährlichsten Arbeiten und hier muss fallweise entschieden werden, ob wir uns einen Baum zutrauen oder ihn lieber stehen lassen. Der Lehrer muss hier wachsam und streng sein und die Schüler:innen im Vorfeld über die möglichen Gefahren aufklären. Umso größer ist das Erfolgserlebnis, wenn dann ein 30 bis 40 Zentimeter dicker Baum gefällt wurde. Bei Problembäumen, die etwa zu hoch sind oder zu dicht beieinander stehen, hilft gelegentlich auch ein Mitarbeiter der Forstverwaltung. Im Anschluss muss der Baum aufgearbeitet werden, was dann nicht mehr so spektakulär ist.

Weiterhin haben wir Wuchshüllen gesetzt oder entfernt. Auf vielen Flächen ist der Verbissdruck durch Rehwild so hoch, dass Jungbäume der gewünschten Arten durch Wuchshüllen geschützt werden müssen. Besonders das Setzen ist für Neuntklässler:innen ziemlich anspruchsvoll, weil sie die entsprechenden Keimlinge oder Jungbäumchen erst einmal finden und erkennen müssen.

Viele Waldbauern versäumen es, die als Verbissschutz gegen Rehwild errichteten Zäune nach einigen Jahren wieder zu entfernen. Diese «Müllzäune» sind hässlich und eine Gefährdung für Wildtiere, die sich in ihnen verfangen. Oft sind sie so eingewachsen, dass man sie nur mit Hilfe eines großen Stahldreibeins herausziehen kann, an dem ein schwerer Kettenzug hängt, dessen hakenbewehrte Kette wiederum um den Zaun herumgeschlungen wird, um ihn nach oben herauszuziehen.

Neue Heimat für alle Bäume
 

Seit sechs Jahren haben wir unsere eigene kleine Waldorf-Baumschule: einen kleinen Pflanzgarten im nahegelegenen Wald, in dem wir über Stecklinge und Samen Eiben vermehren und anziehen. Die Eibe wurde vor über 500 Jahren in fast allen europäischen Wäldern ausgerottet. Das Holz wurde fast vollständig von England für militärische Zwecke aufgekauft. Dieser faszinierende Baum soll in den Haller Wäldern wieder eine Heimat finden. Dazu wurde ein Stück Wald gerodet, mit einem Zaun umzogen, der Boden durchgehackt und mit Kompost der nahen Friedhofsgärtnerei angereichert. In diesem Herbst werden die ersten pflanzlichen «Zweit- und Drittklässler» der Baumschule ausgepflanzt.

Weitere Arbeiten waren das Fräsen, Bemalen und Aufstellen von Beschilderungen, der Bau eines Schafzauns um ein verwildertes Grundstück herum, der Bau von Baumschützern auf einer Kuhweide, die Anlage und Unterhaltung eines Brunnens mit dem Namen Waldorfquell, die Biotoppflege an einem Weiher und Pflege eines kulturgeschichtlichen Denkmals. 2016 haben wir anlässlich eines katastrophalen Erdrutsches in der benachbarten Gemeinde Braunsbach beim Leerschippen der mit Geröll gefüllten Keller geholfen. Das war unser dramatischster und gefährlichster Einsatz – aber natürlich ein unvergessliches Erlebnis für die Klasse, die Erstaunliches geleistet hat.

Willenskraft und Klassengeist
 

Vor allem für die Jungs ist das Praktikum in diesem Alter besonders geeignet, ihren Körper zu erobern und zu erproben. Bei der Arbeit mit der Axt, beim Fällen und Spalten versinkt mancher für einige Zeit selbstvergessen ins Tun. Die Mädchen stehen ihnen beim Sägen nicht nach, arbeiten bedächtig und ausdauernd und lachen allerdings mehr!

Manche Eltern sehen das Waldpraktikum als überflüssig oder zu gefährlich für ihre Kinder an, aber die meisten begrüßen es, und manche Mutter hat mir schon berichtet, dass ihr Sohn oder ihre Tochter in dieser Zeit ausgeglichener als sonst zu sein schien.

Es gab Unfälle, aber die ereigneten sich ausnahmslos beim Fahrradfahren, vor allem am ersten Tag, wenn die Aufregung groß ist. Außer beim Bäumefällen kann man die Schüler:innen in kleinen Gruppen auch zeitweise allein arbeiten lassen, zumal wir im ganzen Arbeitsgebiet guten Handyempfang haben. Die Schüler:innen beginnen teilweise konditionell schwach, aber es ist schön zu sehen, wie sich das in wenigen Tagen verbessert. Regen oder Hitze machen uns bisweilen zu schaffen, aber das gehört eben dazu. Das Praktikum in dieser Form ist nützlich für die Willenserziehung der jungen Menschen, verbindet sie unmittelbar mit der sie umgebenden Landschaft und ihrer Geschichte, schafft Verständnis für ökologische und ökonomische Zusammenhänge und stärkt den Klassengeist. Für die betreuenden Lehrkräfte und Eltern ist es in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung, aber immer wieder auch sehr schön.

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