In 21 kurzen Episoden erzählt Regisseurin Emilie Tronche einfühlsam, poetisch und mit leichter Hand aus dem Leben eines zehnjährigen Jungen. Samuel hält alles in seinem Tagebuch fest, den Alltag mit seinen coolen und uncoolen Freund:innen, die großen Fragen an das Leben, die nervigen Katzen in Nachbars Garten und – nicht zu vergessen – seine verwirrenden Gefühle zur großen Julie, die in dieselbe Klasse geht wie er.
Tronche, Jahrgang 1996, erzählt von einer Kindheit in den Nullerjahren, so wie sie sie selbst erlebt hat: «Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, welche Fragen ich mir mit zehn Jahren zu allen möglichen Themen gestellt habe, vor allem zum Tod. Ich wusste noch, dass sich damals etwas in meinem Verhältnis zum Leben, zur Zeit verändert hat: Ich habe allmählich begriffen, dass man eines Tages stirbt und dass ich nicht immer Kind bleiben würde. Das spürt auch Samuel. Bewegend ist sicher, dass er verliebt ist, denn das ist ein universelles Gefühl. Aber was mich antrieb, war vor allem, eine gewisse Melancholie zu vermitteln, obwohl ich die Serie nicht traurig finde. Mich macht Melancholie glücklich.»
Tronche hat alle 21 Miniaturen geschrieben und gezeichnet und auch alle Figuren selbst gesprochen. So ist die mehrteilige Erzählung wie aus einem Guss und sehr direkt: eine Liebeserklärung an die Zeit der Kindheit mit ihren Ungewissheiten und Sehnsüchten, mit ihren tiefen Gefühlen und einer berückenden Offenheit. Die einzelnen Episoden sind zwischen zwei und sechs Minuten lang. Ich finde, es kann ein Vergnügen sein, eine Episode mehrmals anzusehen. Das macht es möglich, sich noch intensiver an der künstlerischen Machart zu freuen: am schlichten, aber ausdrucksstarken Zeichenstil in Schwarz-Weiß, an der elliptischen Dramaturgie, an der virtuosen Erzählerin, an den wenigen prägnanten Geräuschen, die den Figuren und Schauplätzen Leben einhauchen, am lakonischen Einsatz von Musik und Tanz, an den kurzen Realfilm-Überraschungen.
Samuel, die preisgekrönte Miniserie, ist innovativ in der Form und auch die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich. 2020, nach ihrem Animationsfilm-Studium, entwirft Tronche die Figur des Samuel. Sie postet eine erste Folge in den sozialen Netzwerken. Ihr späterer Produzent wird darauf aufmerksam. Er kontaktiert Tronche und schlägt ihr vor, die kindlichen Abenteuer von Samuel zu einer Online-Serie auszubauen. Der europäische Fernsehsender ARTE steigt mit ein und stellt die Serie in seiner Mediathek zum Streaming bereit. Sie wird ein großer Publikumserfolg. Ich empfehle Samuel ab 10 Jahren.
In der ARTE-Mediathek wird eine hervorragend gelungene deutsche Fassung angeboten: https://www.arte.tv/de/videos/106790-001-A/samuel-1-21/
Im Bereich Medien auf der Webseite der Erziehungskunst können Sie alle bislang veröffentlichten Filmempfehlungen für Kinder und Jugendliche nachlesen.
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