Ausgabe 07/08/25

Schiller radikal. 18 Positionen

Ingo Christians


ein Einfluss auf unsere Zeit heute wird man ihm kaum mehr zusprechen, zu verdrechselt mutet heute seine Sprache an, zu fern seine Gedankenwelt. Und wenn nun sein philosophisches Hauptwerk Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen (so der Originaltitel) im Verlag AQUINarte neu veröffentlicht wird, und zwar jeden Brief als Einzeldruck, und wenn dann noch in Weiterführung dazu 18 Positionen von bekannteren und weniger bekannteren Personen hinzukommen, einzeln publiziert (statt in einem Sammelband wie üblich), dann kann dieses Projekt nach heutigen Maßstäben eigentlich nicht gelingen. Welche Leser:in mag bereit sein, für jedes dieser Einzelstücke, kaum mehr als 20 Seiten, 20 Euro als Gegenwert zu zahlen, selbst wenn diese als ein eigenes Stück Buchkunst gelten dürfen, handwerkliche und editorische Sorgfalt auf höchstem Niveau, in der Hand und mit dem Auge schon ein Genuss. Dieses Projekt ist so unzeitgemäß, wie man es sich nur vorstellen kann, selbst wenn Schillers Briefe Steiner, Beuys und viele andere angeregt oder gar wesentlich beeinflusst haben (bekannt ist etwa Schillers Ausspruch «der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt»). 


Unter diesen vielfältigen 18 Positionen – jede einzelne eine Art Miniatur über Schiller – findet sich etwa Rüdiger Safranski, der verdeutlicht, dass im Spiel ein Raum der Freiheit in Abstand zu Sexualität und Aggression, aber auch zu aller Fixierung auf Effektivität und Nützlichkeit geschaffen wird, oder auch Albert Vinzens, der hervorragend in die Denkwelt der Schillerschen Briefe einführt und die Aktualität von Schillers Selbstveränderungs-Programm zur wirklichen Menschlichkeit nachvollziehbar darlegt. Eine Miniatur – so ungerecht es auch ist – sei hervorgehoben: Adolf Muschg, Schweizer Literat und Professor für Germanistik, schafft es mit einer Diktion, die Schiller fast gleichkommt, aber für heute eingängiger ist, den Impetus von Schiller zum Leuchten zum Bringen, sodass man nach der Lektüre gleich wieder von vorne beginnen will. 


Diesem ungewöhnlichen Projekt – in Aufmachung und Ausrichtung wahrlich gegen unsere Wegwerf- und Schnell-Konsumierbar-Kultur positioniert und damit hypermodern – seien viele Leser:innen gegönnt, die wissen, erst wenn das eigene Lesen zu einem Spiel wird, geschieht das Eigentliche. 


Philip Kovce (Hrsg.): Das Schiller-Projekt: 18 Positionen Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen. 380 Seiten, Aquinarte Verlag Bonn 2025, 360 Euro. Einzelheft 20 Euro.

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