Sachbuch

Schlafen und Wachen

Christian Boettger

Immer wieder wurde ich auch im Rahmen von Seminaren an berufsbegleitenden Lehrkräfteausbildungen gerade zu diesem Thema gefragt, und so möchte ich in diesem Beitrag durch den geschärften Blick zweier empfehlenswerter Bücher auf aktuelle Perspektiven zu diesem Thema eingehen.

Beide sind von Autorinnen als gut zu lesende Essays geschrieben. Es sind Autorinnen, die gerade mit dem Nicht-schlafen-Können ein zentrales Lebensthema haben und dadurch das Thema aus dieser Perspektive tiefschürfend und sehr persönlich aufgreifen. Theresia Enzensberger ist ehemalige Waldorfschülerin und lebt als freie Autorin in Berlin. Ihr Buch Schlafen ist in der Reihe Das Leben lesen im Hanser Verlag 2024 erschienen. Eine Reihe, die mich insgesamt als Verlagskonzept sehr angesprochen hat, weil der Verlag hier kompetente Autorinnen mit zentralen Lebensthemen in prägnanten und inspirierenden Essays versammelt. Enzensberger verdichtet das Thema auf knapp 200 Seiten in vier Kapiteln, die sich den Themen Einschlafen, Leichter Schlaf, Tiefschlaf und Traumschlaf widmen. Sie folgt damit den Schlafphasen und bereichert ihren engagierten Text mit vielen gut recherchierten Sachinformationen rund um das Thema Schlafen und Schlafprobleme.

Bregje Hofstedes Buch Einschlafen – Wie eine Schlaflose die Nacht zurückerobert erschien nach Übersetzung aus dem Niederländischen 2022 als Imprint im Verlag Freies Geistesleben. Hofstede ist auch freie Autorin und Journalistin und gliedert ihr ebenso intensiv recherchiertes Buch in vier größere Kapitel: Der Kampf um den Schlaf, Schlaflosigkeit im Gehirn, Schlaflosigkeit als Warnsignal und Was hält uns wach? Die Unterkapitel gliedert sie in 24 Kapitel, die den 24 Stunden eines fiktiven Tages zugeordnet sind und ihre Recherchen und Gespräche einer mehrjährigen Reise verdichten. Weiterhin vermitteln die 24 Kapitel unterschwellig die Botschaft, dass es auf den ganzen Tag ankommt, wie man schläft. Die Autorin versteht ihr Buch als Essay. Gleichzeitig ist es wie ein Ratgeber geschrieben, der aber durch die persönliche Note und den Stil die Leser:innen tief berührt.

Gerade die Veränderung des Lebens durch Kinder stellt Eltern vor ganz neue Fragen, die mit dem Schlafen und Wachen ihrer Kinder und ihren eigenen Bedürfnissen zentral zusammenhängen. Insofern ist es nicht nur ein Thema für die Lehrer:innenausbildung, sondern ein zutiefst menschliches und gesellschaftliches. Schon im ersten Kindesalter, so einer der Gesprächspartner von Hofstede – der Genter Professor für Neurologie und Psychologie Paul Verhaeghe –, tauchen die ersten Erfahrungen mit Einschlafschwierigkeiten auf. Dann nämlich, wenn sie plötzlich bemerken, dass sie getrennt von ihren Eltern in einem eigenen Zimmer schlafen sollen. Das Bedürfnis der Kinder aber ist, die wichtigste Bezugsperson – also ihre Eltern – nicht zu verlieren; denn so fühlt es sich an, wenn man getrennt von ihnen einschlafen soll. «Wir müssen uns absolut geborgen fühlen, um das ‹Bewusstsein verlieren› zu können. Und diese Sicherheit wird zunächst einmal von anderen gewährleistet.» (Hofstede, S. 209). Wenn wir als Eltern dieses erste Aufkeimen von Bewusstsein bei Kindern ernst nehmen und ihnen die Sicherheit geben, wenn sie die Anwesenheit ihrer Bezugspersonen verinnerlicht haben und wissen oder spüren, dass die Eltern immer da sind, lernen sie auch allein zu schlafen, ohne dass diese Lernerfahrung für sie negativ besetzt bleibt.

Das Thema des Übergangs eines Bewusstseinszustandes in einen anderen ist auch ein zentrales Thema bei Enzensberger. Ihr Essay ist deutlich politischer und gesellschaftskritischer angelegt, insbesondere im ersten Kapitel, und damit eine gute Ergänzung zu Hofstedes mehr persönlichem Ansatz. Denn Enzensberger macht deutlich, dass unsere Gesellschaft den für den Menschen absolut wichtigen Schlaf und seine sehr individuell geprägten Schlafbedürfnisse im Grunde genommen ablehnt und wie eine Schwäche oder wie eine Krankheit auffasst, die es zu beherrschen gelte. Denn im Schlaf ist der Mensch für die Aufgaben der Gesellschaft oder Industrie eben nicht verfügbar. Wir werden durch den anderen Bewusstseinszustand im Schlaf verletzlich und müssen uns auf die Sicherheit und Versorgung verlassen, die uns andere geben. Aber – und auch dies betont sie im Unterkapitel Schwäche zeigen – es könne gerade unser Schlaf ein positives Gegenbild zu den sozialdarwinistischen Vorstellungen bieten: Er führe uns zu Erneuerung und Regeneration, er setze alles Hierarchische aus und führe zu einer Aufhebung der Schwere. Damit folgt sie dem Autor Haytham El-Wardany, The Book of Sleep, der im Schlaf die Schwäche sieht, «die uns sogar die Kraft verleihen kann, uns von der Macht eines Naturgesetzes – dem Gesetz der Schwere – zu befreien.»

Obwohl man diesem Gedanken Enzensberger sehr gut folgen kann, findet Bregje Hofstede gerade an dieser Stelle im Fazit ihres Buches und ihrer Recherchen zu einer ganz anderen Sicht. Weil sie bemerkt, dass alle vorhandenen Forschungen und Listen von «Schlaftipps» nichts helfen, sondern sie im Grunde ihren täglichen Lebensstil ändern muss, um wieder zu einem erholsamen Schlaf zu finden, nennt sie ihr letztes Kapitel Das Gewicht von Schlaf. Hier will sie den Leser:innen ihre Erfahrung deutlich machen, dass für sie Schlaflosigkeit gleich Schwerelosigkeit ist und wir Schwere brauchen, um einschlafen zu können. In den Kapiteln davor hat sie die Schlüsselelemente oder praktischen Voraussetzungen eines Menschenlebens angeschaut, die sie mit den vier Stichworten Geld, Zeit, Raum und die anderen Menschen fasst und in Bezug auf ihre Gewichtung gegeneinander in Bezug auf ihr Leben untersucht.

Sehr schnell kann man nachvollziehen, dass finanzielle Unsicherheit Schlaf rauben kann, während ökonomische Sicherheit gut für unseren Schlaf und sogar geistige Gesundheit ist (S. 172). Dann stellt sie aber fest, dass Zeit Geld kostet und je mehr Geld sie ausgab, desto weniger Zeit ihr für das blieb, was sie eigentlich gerne tun wollte, weil sie eben dieses Geld verdienen musste. Insofern versuchte sie, zentrale Kostenfaktoren «gewichtsmäßig» zu reduzieren und damit Zeit für ihr Leben zu gewinnen. Durch eine radikale Änderung ihres Lebens konnte sie schließlich zu einer neuen Gewichtung der oben genannten Faktoren oder Schlüsselelemente finden und interessanterweise auch zurück zu einem erholsamen Schlaf. Für sie rührt das Schlafproblem an die Frage: «In was für einer Welt wollen wir leben? In was für einer Welt könnten wir wieder gut schlafen?» (S. 233)

Und in Bezug auf unsere Kinder ist diese Frage zu erweitern: «Wie sollten wir unsere Umwelt gestalten, dass unsere Kinder die lebensnotwendigen Erholungsphasen des Schlafes und damit den Rhythmus von Schlafen und Wachen in ihrem Leben finden können?» Mit dem Einstieg in das berufliche Leben und die Verantwortung für das eigene Leben als junger erwachsener Mensch stellt sich die Frage dann wieder neu. Sie muss aus der langen sorgenden Begleitung der Eltern nun neu für sich selbst ergriffen werden. Auch wenn einige scheinbar erfolgreiche Männer, zum Beispiel Elon Musk, betonen, dass sie nicht schlafen würden und dadurch für viele Menschen eine Norm setzen wollen (siehe Enzensbergers Analyse, dass der Kapitalismus die Unverfügbarkeit von Schlaf zu normieren versucht, auch durch solche Vorbilder), möchte ich die individuelle Bedürfnislage jedes Menschen in Bezug auf alle Lebensthemen vor alle Normierungsversuche setzen.

Beide Bücher möchte ich Ihnen dazu ans Herz legen, auch wenn Sie nicht unter Schlaflosigkeit leiden; denn sie bieten ergänzend zu den inspirierenden Gesichtspunkten Steiners aktuelle Forschungsergebnisse in einer leicht lesbaren und erfahrungsgetränkten, persönlichen und engagierten Darstellung.

Theresia Enzensberger: Schlafen. Hanser Verlag, 2024. 112 Seiten. 20 Euro

Bregje Hofstede: Einschlafen – Wie eine Schlaflose die Nacht zurückerobert. Oktaven, Verlag Freies Geistesleben. 283 Seiten. 24 Euro.

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