Ausgabe 03/26

Schuberts Unvollendete und ein Bad in Fichtenholz

Martin Zabel

Die vier Stationen des Fichtenbades der Freien Waldorfschule Freudenstadt auf der Gartenschau.


Schon ein Jahr, bevor die Gartenschau in Freudenstadt-Baiersbronn startete, wurden wir als Schule angefragt, ob wir uns beteiligen wollten. Wir planten zunächst eine Ausstellungsfläche, die den Besucher:innen ein besonderes Erlebnis ermöglichen und sie gleichzeitig über die Waldorfpädagogik informieren sollte. Aus einem Gespräch mit einer Schulmutter, welche das Orchester des benachbarten Gymnasiums leitet, entstand weiterhin die Idee, einen gemeinsamen Abend auf der großen Bühne der Gartenschau zu gestalten. So sollte es Stücke geben, welche nur orchestral dargeboten werden, gemeinsame mit Orchester und Eurythmie und auch Lauteurythmie. 

Fichtenbad


Für die Ausstellungsfläche entwickelte sich die Idee eines «Fichtenbades». Dieses bestand aus drei hölzernen Zelten mit hängenden bunten Fichtenholzstangen, durch die man hindurchgeht. Zwischen den Zelten öffneten sich größere Freiräume mit kurzen Texten zu waldorftypischen Unterrichtsinhalten und entsprechenden Bildern. 

So zogen Oberstufenklassen im Herbst zuvor in den Wald und fällten über 500 kleinere Fichten, wodurch Platz für das Wachstum der anderen Bäume geschaffen wurde. Diese Arbeit wäre sowieso notwendig gewesen. Die Bäume wurden noch vor Ort entastet. In der Schule wurden die Baumstämme entrindet, dann kamen die Stangen in die Trocknungsanlage, da sonst die Zeit bis zur Eröffnung der Gartenschau nicht gereicht hätte. Nach dem Abschleifen wurde auf unserer Bühne im Forum eine Malwerkstatt eingerichtet. Jede Klasse durfte in Kleingruppen die Stangen in der Farbe ihrer Klassenstufe anmalen. 

Beim Durchgang durch die hängenden Stangen gab es für die Besucher:innen intensive Sinneserlebnisse. Sie spürten, wie die Stangen sie berührten, sie waren von einem Farbbad umgeben, sie hörten die Stangen hinter sich aneinanderschlagen und waren herausgefordert, in der Vorwärtsbewegung ihr Gleichgewicht zu halten. Die Menschen fanden unterschiedlichste Techniken, um diese Herausforderung zu meistern. Einzelne trauten sich gar nicht, hindurchzugehen, aber die meisten äußerten im Anschluss, dass dies besondere und vorher noch nie so erlebte Momente gewesen waren. Die Organisator:innen der Gartenschau waren übrigens so begeistert von unserem Fichtenbad, dass dieses dauerhaft stehenbleiben soll. Sie schätzen, dass mehr als die Hälfte der 485.000 Besucher:innen den Weg durch unser sinnliches und waldorf-informatives Fichtenbad genommen haben. 

Einmal konnte ich beobachten, wie ein blinder Mann mit seiner Begleiterin hindurchging. Für ihn war es eine große Herausforderung, da er sich womöglich nicht vorstellen konnte, wie alles funktionierte. Immer wieder versuchte er, einzelne Stangen festzuhalten und aus dem Weg zu schieben. Es dauerte einige Minuten, bis er das Vertrauen entwickelt hatte, dass er auf die Hindernisse zugehen konnte und diese ihm dann Platz machen würden.

Aufführungen


Ein weiteres Highlight im Rahmen der Gartenschau war der sogenannte Tag der Schulen. Unsere fünfte Klasse brachte das Publikum ins alte Ägypten. Die Schüler:innen präsentierten den Tanz des Tutenchamun mit selbst gestalteten Pharaonenmasken. In Menschenpyramiden und mit ausdrucksstarken Bewegungen versuchten sie, die Atmosphäre vergangener Zeiten darzustellen und ließen Geschichte lebendig werden. Das Publikum war so begeistert, dass die Darbietung kurzerhand noch ein zweites Mal aufgeführt wurde.

Während die zwölfte Klasse in der Eurythmie am ersten Satz von Schuberts Unvollendeter und der Ballade Nis Randers von Otto Ernst übte und die elfte Klasse den Norwegischen Tanz Nr. 3 von Edvard Grieg erarbeitete, wurde in zwei Orchestern am Programm geprobt. 

Das Orchester des Gymnasiums kam etwa eine Woche vor der Aufführung in die Waldorfschule. Sie bekamen eine kurze Einführung in die Eurythmie und konnten dann ihre Stimme in eurythmischer Bewegung im orchestralen Zusammenhang sehen. Die Waldorfschüler:innen konnten im Gegenzug das Stück von einem Live-Orchester hören. Zuvor hatten sie mit Aufnahmen gearbeitet. Unser Klavierbegleiter hatte zwar einzelne Stimmen für uns im gewünschten Tempo gespielt, aber seine zehn Finger waren natürlich nicht ausreichend, um ein Orchesterstück zum Erklingen zu bringen. 

Für alle Seiten war die erste Begegnung recht aufregend. Für viele Musiker:innen aus dem Kepler-Gymnasium war es das erste Mal, dass sie eine Waldorfschule betreten haben. Die Waldorfschüler:innen hingegen hatten Bedenken, ausgerechnet das Fach, über das es die meisten Vorurteile gibt, zu zeigen. Letztlich erwiesen sich die Bedenken als unbegründet. Beide Seiten erkannten die Leistungen der anderen wohlwollend an und konnten durch die Begegnung ein besseres Verständnis füreinander entwickeln. 

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