Um Entscheidungen ringen, dabei unterschiedliche Fakten und Bedürfnisse abwägen, Kompromisse finden und demokratische Prozesse verstehen. Kinder und Jugendliche haben in Deutschland ein Recht darauf. Das Sozialgesetzbuch VIII gibt zum Beispiel vor, dass Träger der Kinder- und Jugendhilfe junge Menschen «zur Selbstbestimmung» befähigen und «zu gesellschaftlicher Verantwortung» anregen sollen. Partizipation in Schulen bedeutet, dass Schüler:innen aktiv an Entscheidungen und Gestaltungsprozessen ihrer Schule beteiligt werden. Das fördert ihr Verständnis für Demokratie und ihr Verantwortungsgefühl. Außerdem werden Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen gestärkt. Eine Schule, die Schüler:innen aktiv beteiligt, kann ein positiveres und wertschätzenderes Lernumfeld schaffen. Schüler:innen lernen motivierter und engagierter, wenn sie sich mit ihren Ideen und Bedürfnissen einbezogen fühlen. Und sie werden auf ihre zukünftige Rolle als aktive Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft vorbereitet.
In der Waldorfschule St. Georgen haben sich die Verantwortlichen vor rund zwei Jahren dafür entschieden, Schüler:innen mit ins Team der Schulleitung aufzunehmen – mit den gleichen Rechten und Pflichten wie die erwachsenen Mitglieder. Im zurückliegenden Schuljahr haben erstmals zwei Schülerinnen Ämter in den Ressorts Kommunikation und Zukunft und Organisation bekleidet.
Entscheiden mit Methodenvielfalt
Ausgangspunkt für diese bislang einzigartige Entscheidung an deutschen Waldorfschulen war – wie in vielen anderen Schulgemeinschaften auch – die Tatsache, dass zunehmend weniger Menschen bereit waren, sich in der Selbstverwaltung zu engagieren. «Das hat sich schon vor der Corona-Pandemie abgezeichnet, wurde danach aber noch deutlicher», erinnert sich Geschäftsführer Manfred de Witt. Zusammen mit den externen Entwicklungsberatern Tobias Lang und Frank Domonell hat die Schule deshalb nach neuen Formen gesucht. Für die Neuaufstellung der Führungsstruktur war sogar eine Satzungsänderung nötig. «Zuvor gab es neben der Schulführungskonferenz einen Vorstand, der alle zwei Jahre von der Mitgliederversammlung gewählt wurde. Bei ihm lag die rechtliche und wirtschaftliche Verantwortung für den Schulverein. Diese beiden Gremien haben wir zusammengeführt und das war ohne Satzungsänderung nicht zu machen», erklärt de Witt. Die ursprüngliche Schulführungskonferenz ist im Zuge dessen vier Ressorts gewichen – neben den bereits genannten auch den Ressorts Finanzen und Personal. Und anstelle der pädagogischen Konferenz kommen die Pädagog:innen jetzt wöchentlich in sogenannten Klassenteams zusammen.
Entscheidungen werden in Sankt Georgen mit unterschiedlichen Methoden getroffen. «Manchmal stellen wir uns physisch im Raum nach Prozentsätzen auf, die den Wert unserer Zustimmung darstellen und sehen so, wie tragfähig ein Beschluss wäre», erzählt Lehrer Daniel Allner, der im Ressort Organisation mitarbeitet. Außerdem gibt es die sogenannte lernende Runde. «Das bedeutet, wer am meisten zu einer Frage oder einem Thema weiß und beizutragen hat, spricht zuerst», erklärt Allner kurz. Und dann sei da noch die umgedrehte Pyramide, bei der es zunächst eine Information für alle gibt. Danach soll sich herauskristallisieren, wer in der Schulgemeinschaft diejenigen sind, die die Entscheidung zu einer Frage treffen können und sollen. Daraus kann sich ein Delegieren ergeben an Menschen, die nicht Teil der Schulleitung sind, aber kompetent für das jeweilige Thema.
Mehrdimensionaler Blick
Eine der beiden Schüler:innen, die im vergangenen Schuljahr in der Schulleitung mitgearbeitet haben, ist die 16-jährige Klara Vollmer. Ein Jahr lang hat sie als Zehntklässlerin jeden Montag für insgesamt drei Stunden mit ihren Mitstreiter:innen aus dem Leitungsteam zusammengesessen und Lösungen für kleine und große Fragen des Schulalltags gesucht. Übrigens hat sie dafür auch ein Gehalt bekommen – 50 Euro je Sitzung. «Am Anfang haben wir uns immer in der großen Runde ausgetauscht, anschließend innerhalb unserer Ressorts», erzählt Karla, die heute die elfte Klasse besucht. Sie hatte sich für das Ressort Organisation beworben. Für die Schulleitung kandidieren dürfen alle, die zu Beginn eines Schuljahres 16 Jahre alt sind. «Das ergibt sich unter anderem aus dem Jugendschutzgesetz, das die Arbeitsbedingungen von jungen Menschen regelt», erklärt Geschäftsführer de Witt. Wahlberechtigt sind dagegen alle Schüler:innen ab Klasse 8. Karla sagt: «Mal eben was planen und auf die Beine stellen, das liegt mir irgendwie. Deshalb habe ich mich für das Ressort Organisation entschieden.» Grundsätzlich sei es der mehrdimensionale Blick, der die Arbeit im Schulleitungsteam für Karla interessant gemacht hat: «Oft ist es ja so: Die Schüler:innen treten mit einem Wunsch oder einer Idee an ihre Lehrer:innen heran. Die Lehrer:innen sind aber froh, wenn die Basics überhaupt mal laufen. Für Besonderes haben sie da keinen Kopf und manchmal fällt es beiden Seiten schwer, einander zu verstehen. Ich kann oft beides nachvollziehen und deshalb hatte ich Lust auf die Rolle als Vermittlerin.»
Erwachsene wissen auch nicht alles
Karlas Herzensangelegenheit in ihrer Rolle als Mitglied der Schulleitung waren die Vorstellungen des schuleigenen Zirkus‘. «Ich weiß, dass wir nicht die einzige Schule sind, die einen Zirkus hat. Trotzdem möchte ich sagen: Unserer ist der tollste. Sowas gibt’s nicht noch mal.» Im Vorfeld der Aufführungen gab es Diskussionen über die Bestuhlung des Saals. Karla hatte für möglichst viele Plätze plädiert. Andere hatten mit Blick auf die nötigen Sicherheitsvorkehrungen Bedenken, weil der Bau, in dem sich der Saal befindet, «etwas kompliziert» ist, wie de Witt sagt. Dank Karlas Beharrlichkeit konnten schlussendlich alle diejenigen die Show sehen, die das wollten.
Ein Briefing oder gar Coaching für ihre Aufgabe als Schulleitungsmitglieder haben Karla und ihre Mitstreiterin nicht bekommen. «Aber da geht es ihnen nicht anders als uns Lehrer:innen. Und das ist auch eine gute Erkenntnis für die Jugendlichen, glaube ich. Sie gehen oft davon aus: ,Die sind erwachsen, die müssen alles wissen.‘ Aber so ist es eben nicht. Auch wir fuchsen uns in Vieles ganz neu rein», sagt Allner. Zum gemeinsamen Einstieg in die Arbeit hätte es allerdings zwei Klausurtage gegeben. Die haben die Freiburger Schulleitungsmitglieder in einem Hotel im Schwarzwald verbracht. Karla lacht: «Ein bisschen wie Klassenfahrt mit lauter Lehrkräften war das.»
Struggle in der Doppelrolle?
Karla ist bewusst, dass sie als Mitglied der Schulleitung durchaus auch mal Entscheidungen hätte treffen können, die unbeliebt sind in der Schülerschaft. «Da gab es zum Glück nichts Krasses. Aber wenn ich in meiner Doppelrolle mal Struggle hatte, bin ich in die Oase gegangen», erzählt sie. Die Oase ist eine Anlaufstelle, an die alle Schüler:innen sich jederzeit mit all ihren Themen wenden können. Ein heimeliger Raum in einem Winkel der Schule – zum Werken, Ausruhen, Lesen, Reden und vieles mehr. Sozialarbeiterin in der Oase und ebenfalls Mitglied im Schulleitungsteam ist Katharina Bayer. Sie sagt: «Es gab einen Bereich, da wollten wir die Leitungen aus der Schülerschaft schützen, damit sie weiter unvoreingenommen und unbeschwert im Unterricht sein können. Und das war der Bereich Personal. Da waren sie meistens außen vor – auch auf ihren eigenen Wunsch hin. Wenn’s darüber hinaus mal schwierig war, kamen sie zu gern zu mir.» Seit diesem Schuljahr haben die beiden neu gewählten Leitungen aus der Schülerschaft zusätzlich sogar eine eigene Ansprech- und Vertrauensperson. Denn Potenzial für inneren Zwiespalt birgt ihr Amt allemal. Karla hat am Ende des letzten Schuljahres nicht für eine zweite Amtszeit kandidiert. «Es ist schon eine sehr zeitaufwendige Aufgabe und anfangs habe ich gedacht, dass Dinge schneller entschieden und umgesetzt werden. Ich glaube, mir fehlt da ein bisschen die Geduld. Eine gute Erfahrung war es aber auf jeden Fall», resümiert sie. Geschäftsführer de Witt wünscht sich, dass schon in naher Zukunft in allen Ressorts auch Schüler:innen vertreten sind. Sein Fazit nach dem ersten Jahr: «Das war der absolut richtige Schritt.»
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.