Er hat eine Schule und ein Kollegium gefunden, die bereit sind, sich offensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, die sich selbst, ihre Rolle und ihr Gewaltverständnis hinterfragen.
FFL – Friends for life. Der Titel des Filmprojekts, das die Fünftklässlerinnen planen, steht fest. Und wie der Titel vermuten lässt, geht es um die beste Mädchenclique aller Zeiten. Auch Ella (Name geändert) möchte Teil dieses Filmprojekts sein. Und Teil dieser Mädchenclique. Sie freut sich, als ihre Mitschülerinnen sie einladen, sich in der Pause mit ihnen auf der Mädchentoilette zu treffen. Dort wird man alles besprechen. Doch als Ella den Toilettenraum betritt, ist niemand da. Ella wartet. Sie wartet, bis es zum Ende der großen Pause läutet. Dann kehrt sie ins Klassenzimmer zurück. Als sie den Raum betritt, sieht sie in grinsende Gesichter. Beschämt setzt Ella sich auf ihren Platz. Nur wenige Tage später verteilt eins der Mädchen Einladungen zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch Ella erhält einen Zettel. Damit hat sie nicht gerechnet. Umso größer ist ihre Freude. Sie faltet den Zettel auseinander und liest: «Dies ist keine Einladung!» Sie spürt die aufsteigenden Tränen, während sie die anderen um sich herum kichern hört. Herauszufinden, ob es sich um einen Konflikt oder um Mobbing handelt, ist im Schulalltag nicht immer leicht. Und doch gibt es klare Anzeichen für das eine wie das andere. Während bei Konflikten miteinander um Lösungen gerungen werden kann, geht es bei Mobbing nicht um die Durchsetzung eines Interesses, sondern um die Herabwürdigung einer Person. Es geht also nicht darum, dass Ella beim Filmprojekt nicht mitmachen soll oder nicht zum Geburtstag eingeladen wird – es geht darum, sie zu erniedrigen und die eigene Macht zu demonstrieren. Dass sich Ella dabei ohnehin in einer unterlegenen Position befindet – schließlich steht sie allein einer Gruppe gegenüber – ist ein weiteres Merkmal für Mobbing.
Mobbing findet im Verborgenen statt
Mobbing im Schulalltag zu erkennen, stellt Lehrer:innen vor Herausforderungen. Zum einen, weil Mobbing – zumindest zu Beginn – im Verborgenen stattfindet, zum Beispiel auf der Schultoilette. Zum anderen, weil einzelne Vorfälle, selbst wenn sie öffentlich werden, nicht in einen größeren zeitlichen Kontext gebracht werden. Zudem sind sich Lehrer:innen häufig des informativen und normativen Einflusses nicht bewusst, der auf sie und ihr Handeln wirkt: Wem sollen sie Glauben schenken, wenn die Schilderung von Einzelnen der Schilderung einer Gruppe widerspricht? Stellen wir uns einmal vor, in welcher Gefühlslage sich Ella angesichts der wiederholten Angriffe und Demütigungen befindet. Wie mag sich diese Gefühlslage auf ihre Körpersprache und ihre Mimik auswirken? Trotzig? Traurig? Wütend? Verängstigt? Verunsichert? Sätze wie «Die regt sich immer so schnell auf» oder «Die heult wegen jeder Kleinigkeit» fallen da auf fruchtbaren Boden – spiegeln sie doch genau das wider, was die Lehrkraft in diesem Moment wahrnimmt.
Auch Lehrer:innen sind nicht vor den Auswirkungen des Gruppendrucks gefeit. Sich allein gegen eine Gruppe zu positionieren und gegebenenfalls deren Ablehnung zu provozieren, erfordert Mut und die Überzeugung, für das Richtige einzustehen. Um wie viel einfacher ist es da doch angesichts der viel zu hohen täglichen Arbeitsbelastung, sich einer Mehrheitsmeinung anzuschließen und die Einzelperson als vermeintlichen Störfaktor zu identifizieren. «Schulleiter und Lehrer stehen der Situation in der Regel ablehnend gegenüber, sodass eine Lösung häufig zulasten des Opfers als Symptomträger in Form eines Schulwechsels als Weg des geringsten Widerstandes angestrebt wird», beschreibt etwa die Rechtsanwältin Beate zur Nieden, unter anderem Expertin für Schulrecht, das Problem.
Schulung ist notwendig
Nur wenn Lehrer:innen ausreichend und verbindlich zu Mobbingpräventions- und Interventionsmaßnahmen geschult werden und über umfassende Kenntnisse zu gruppendynamischen Prozessen verfügen, können sie Mobbing frühzeitig erkennen und die Folgen für die Betroffenen in der Opferrolle sowie die gesamte Gruppe in vielen Fällen vermeiden oder zumindest abmildern. Denn nicht nur die Opfer von Mobbing werden im schlimmsten Fall für ihr gesamtes Leben negativ geprägt – alle anderen Gruppenmitglieder lernen, dass es legitim und normal ist, sich mittels psychischer Gewalt durchzusetzen und zu profilieren und dass sie daran nicht gehindert werden. So verlassen Jahr für Jahr hunderttausende junger Menschen in Deutschland eine Schule, in der sie auf irgendeine Weise mit Mobbing in Berührung gekommen sind. Als Opfer, als Täter:in, als Mittäter:in, als Zu- oder Wegschauer:in.
Mobbing ist allgegenwärtig
Statistisch gibt es in Deutschland keine Schulklasse ohne Mobbing. Laut der Studie Health Behaviour in School-aged Children der Weltgesundheitsorganisation von 2022 ist mindestens jede:r siebte Schüler:in direkt von Mobbing betroffen. Die repräsentative Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing aus dem Jahr 2025 verzeichnet einen starken Anstieg von Mobbing unter jungen Erwachsenen, also in genau jener Alterskohorte, die soeben die Schule verlassen hat. Jahrzehntelang wurde versäumt, jungen Menschen bereits in ihrer Schulzeit Handlungskompetenz gegen Mobbing zu vermitteln. Gleichzeitig gibt es einen Anstieg der Gewalt in Schulen und gegen Lehrkräfte um 37,1 Prozent von 2022 bis 2024 laut dem Deutschen Schulportal. Schule wird hier eine große Aufgabe zuteil, der sie im Augenblick nicht gerecht wird. Nicht gerecht werden kann, solange sie von politischer Seite nicht die Mittel erhält, die notwendig wären.
Aus der Praxis
Vor mir steht ein junger Mann. Tränen schimmern in seinen Augen. Die Veranstaltung, die ich vor zweihundert zwölf- bis 15-jährigen Schüler:innen durchgeführt habe, ist soeben zu Ende. Doch der junge Mann verlässt nicht gemeinsam mit seinen Mitschüler:innen den Raum. Es ist ihm wichtig, mir zu erzählen, dass er das, worüber ich 90 Minuten lang gesprochen habe, selbst erleben musste. Dass er es schließlich nicht mehr aushielt und die Schule wechselte. Obwohl er wusste, dass er damit seinen einzigen Freund im Stich lässt, der nach ihm die Rolle des Opfers ausfüllen wird. «Ich konnte nicht mehr», sagt er. Und ich verstehe, was er damit meint. Seine Verletzlichkeit steht in einem starken Widerspruch zu seiner Größe, der kräftigen Erscheinung und der auffallend tiefen Stimme. Er ist nicht, wie seine Klassenkamerad:innen, 15 Jahre alt. Er ist bereits 17. Zwei Jahre hat er verloren, weil seine Kraft für schulische Leistungen nicht mehr ausreichte. Er brauchte all seine ihm zur Verfügung stehende Kraft, um zu überleben.
Von mir fühlt er sich verstanden, gesehen, gehört – und rehabilitiert. Wichtiger aber noch: Er hat eine Schule und ein Kollegium gefunden, die bereit sind, sich offensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, die sich selbst, ihre Rolle und ihr Gewaltverständnis hinterfragen.
Das Gewaltverständnis der Lehrkräfte ist entscheidend
Insbesondere das Gewaltverständnis von Lehrkräften ist maßgeblich entscheidend, ob Schüler:innen sich innerhalb ihrer Gruppe gegen Mobbing positionieren. Wenn die verantwortlichen Erwachsenen im schulischen Raum Mobbinghandlungen wie Beleidigung, Auslachen oder Ausgrenzung tolerieren, kann von Schüler:innen kaum etwas anderes verlangt werden. Untersucht wurde die Bedeutung des Gewaltverständnisses von Lehrkräften im Umgang mit Mobbing zum Beispiel laut der Zeitschrift für Pädagogik von Ludwig Bilz und anderen: Während 95 Prozent der befragten Lehrkräfte Handlungen wie Schlagen oder Treten als Gewalt definierten, waren es nur 53 Prozent, für die Beschimpfen oder Auslachen Gewalt darstellte. Im Unterricht von Lehrkräften mit einem erweiterten Gewaltverständnis zeigten sich aber signifikant mehr Schüler:innen bereit, bei Mobbinghandlungen, die sie beobachteten, einzuschreiten.
Pluralistische Ignoranz nennen Sozialpsycholog:innen das Phänomen, bei dem Personen eine Situation zwar als bedrohlich wahrnehmen, aber nicht einschreiten, weil sie glauben, dass alle anderen die Situation anders bewerten als sie selbst. Sie verhalten sich lieber gruppenkonform und erkennen nicht, dass viele ihre Meinung teilen.
Auffälliges Verhalten als Folge von Mobbing?
In einer Fortbildung für Lehrkräfte fragt mich eine Teilnehmerin, ob es auch dann Mobbing sei, wenn sich das betroffene Kind tatsächlich «nervig» aufführe. Sie äußert Verständnis dafür, dass die anderen Schüler:innen dieses Kind ablehnen. Es sei «zu laut», «zu aufdringlich» und vom Verhalten her «auffällig». Meine Antwort, dass es sich ungeachtet des Verhaltens des Kindes um Mobbing handelt, wenn es wiederholt beleidigt, ausgegrenzt oder ausgelacht wird, will die Lehrerin nicht akzeptieren. Auch dann nicht, als ich versuche, ihr vor Augen zu führen, dass es erstens schwierig ist, festzustellen, ob das Verhalten des Kindes tatsächlich Auslöser für die Ablehnung oder eventuell Folge der Ablehnung ist. Und zweitens, dass auch als schwierig empfundenes Verhalten eines Kindes niemals Rechtfertigung für Gewalt sein darf.
Das Missverständnis, das hier meines Erachtens vorliegt, besteht in der Wahrnehmung von Mobbing als normaler Streiterei, durch die das «nervende» Kind im Idealfall lernt, sich an die vermeintliche Gruppennorm anzupassen. Im beschriebenen Fall hat sich aber vor allem die Lehrkraft an die von Täter:innen bestimmte Gruppennorm angepasst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn, wie bereits gesagt, auch Lehrkräfte unterliegen dem Gruppendruck. Je stabiler das Mobbingsystem ist, desto überzeugter sind alle Gruppenmitglieder, das Opfer sei in irgendeiner Form selbst schuld. Wir sprechen also von Täter-Opfer-Umkehr.
Mobbing ist Gewalt
Mobbing als eine Form massiver emotionaler Gewalt wird verharmlost, die dahinter liegenden psychologischen Faktoren sowohl auf Seiten der Täter:in, der Gruppe sowie des Opfers werden nicht gesehen oder verstanden. Dabei zeigt der Stand der Forschung – zum Beispiel von Professor Dieter Wolke von der University of Warwick – dass die Langzeitfolgen von Mobbing denen von Misshandlung durch Erwachsene gleichzusetzen sind. Und niemand würde bestreiten, dass es sich dabei um eine Form von Gewalt handelt! Wir wissen, dass Depressionen unter Kindern und Jugendlichen kontinuierlich zunehmen. Was uns aber oft nicht bewusst ist: 29 Prozent aller Depressionen sind auf Mobbing zurückzuführen. Wir wissen, dass die Zahl der Schulabbrecher:innen stetig steigt. Aber uns ist nicht bewusst, dass in vielen Fällen ein Zusammenhang zwischen Mobbing und Schulabbruch besteht, wie Studien aus Großbritannien und den USA belegen.
Schulen müssen sich der Problematik stellen
Die hier geschilderten Erlebnisse aus meiner Arbeit mit Schüler:innen und Pädagog:innen sind keine Einzelfälle. Dabei gehören jene Schulen, die Fortbildungen für Lehrkräfte und Veranstaltungen für Schüler:innen organisieren, zu den wenigen, die sich der Problematik stellen. Meiner Einschätzung nach ignorieren viel zu viele Beschäftigte an Schulen das Phänomen. Dabei kann Mobbing nur vor Ort aufgelöst werden: in der Schule und in der täglichen Arbeit mit der gesamten Gruppe. Mobbing ist keine Angelegenheit allein zwischen Täter:innen (die in anderen Kontexten manchmal selbst Opfererfahrungen machen mussten) und Opfern. Mobbing ist ein sich selbst erhaltendes System, das nur durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Rollen funktioniert. In der schulischen Präventions- und Interventionsarbeit liegt daher die größte Chance für eine Gesellschaft, die alle Individuen schützt und gleichzeitig das Wir stärkt.
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