Ausgabe 03/26

Schwestern der Hoffnung

Isabella Geier

Morgenkreis im House of Hope im Westjordanland.

Die Waldorfpädagogik heilt Traumata, gibt Fantasie und Freude zurück und hilft Kindern, eine Verbindung zu Schönheit und dem Leben aufzubauen. 
 

Erziehungskunst | Wie und wo habt ihr beiden Euch kennengelernt?

Thea | Unser erstes Treffen war ein Wunder. Es fühlte sich an, als hätte das Universum beschlossen, uns zusammenzubringen, trotz der Entfernung zwischen uns und der Tatsache, dass wir aus zwei verfeindeten Nationen stammen. Das war 2016 in Portland, Oregon, in meiner Synagoge, der Congregation Shir Tikvah, die von Rabbi Ariel Stone gegründet wurde. Meine Mutter ist Jüdin und mein Vater Katholik, daher habe ich mich immer zwischen verschiedenen Identitäten bewegt und mich mit Komplexität auseinandergesetzt. Ich habe erst in letzter Minute von der Veranstaltung in der Synagoge erfahren und wäre fast nicht hingegangen. Aber irgendetwas trieb mich an diesem Abend aus der Tür. Als ich Milad und Manar über den Schmerz der Besatzung und die heilende Kraft von Bildung und Liebe sprechen hörte, war ich zutiefst bewegt. Ich stand auf, applaudierte und lief zu ihnen hin, um sie kennenzulernen. Das war der Anfang von allem.

Manar | Zu dieser Zeit war ich mit meinem Mann Milad in den Vereinigten Staaten. Wir waren für eine kurze Vortragsreise und eine Schulung in Gewaltfreier Kommunikation dort. Unser Besuch in Shir Tikvah war nicht geplant. Es war eine spontane Entscheidung und der letzte Vortrag unserer Reise. Für mich war es nicht einfach, in einer Synagoge zu sprechen. Es fühlte sich wie ein Risiko an. Ich wusste nicht, wie die Menschen uns sehen würden, ob sie unsere Worte über die Besatzung akzeptieren würden. Aber Shir Tikvah war offen und unterstützend. Sie hörten zu. Als Thea aufstand und klatschte, als sie mit offenem Herzen auf uns zukam, spürte ich sofort: Das ist der Beginn von etwas Wichtigem.

EK | Ihr nennt euch gegenseitig Schwestern. Was hat euch zu solchen gemacht?

M | Wir wurden zuerst als Mütter und dann auch als Künstlerinnen Schwestern. Wir hatten beide zwei kleine Kinder, die fast gleich alt waren, sodass wir das Leben der anderen verstanden – die Freude, die Müdigkeit, die unendliche Liebe. Ich bin Singer-Songwriterin und Thea ist Dichterin. Von Anfang an erkannten wir uns als Künstlerinnen und Mütter, und diese Erkenntnis ließ die Verbindung sofort und natürlich erscheinen. Ich fühlte mich ihr sofort verbunden. Ich konnte ihr meine Sorgen, meinen Stress und meinen Schmerz erzählen und sie hörte mir aufmerksam zu. Sie verurteilte mich nicht. Sie öffnete mir einfach ihr Herz. Das war für mich etwas Ungewöhnliches, so viel Vertrauen zu einer Frau aus Amerika zu empfinden. Das gab mir Mut. Es fühlte sich an wie Familie.

T | Für mich entstand die Schwesternschaft durch die Mutterschaft. Meine Identität war von mehreren Schichten ererbter Traumata geprägt und lange Zeit reagierte ich defensiv, wenn das Wort Palästina fiel. Aber als ich Manar traf, stellte ich mir eine einfache Frage: Was würde ich tun, wenn ich eine palästinensische Mutter wäre, die versucht, ihre Kinder unter diesen Bedingungen großzuziehen? Diese Frage veränderte alles. Als ich sie ehrlich beantwortete, brachen alle meine Mauern zusammen. Die Abwehrhaltung, die vererbten Ängste, die künstlichen Trennungen – sie lösten sich auf. Was blieb, war die Wahrheit: Wir sind beide Mütter. Diese Erkenntnis wurde zum Tor zur Schwesternschaft. Wir waren nicht länger Vertreterinnen zweier Konfliktparteien – wir waren Frauen, Mütter und Künstlerinnen, verbunden durch die gleiche Liebe zu unseren Kindern.

EK | Was bedeutet Euch Eure Zusammenarbeit?

T | Zusammenarbeit bedeutet für mich, hinter der Vision von Manar zu stehen. Mein Motto lautet nun «Empowerment von palästinensische Frauen in der Besatzungssituation». Ich möchte Manar nicht vorschreiben oder sagen, was sie tun soll. Ich möchte diejenige sein, die Ziegelsteine trägt, hinter ihr baut und dafür sorgt, dass sie ein starkes Fundament hat. Meine Aufgabe ist es, ihrer Stimme mehr Gewicht zu verleihen, Raum für ihre Führungsrolle zu schaffen und dafür zu sorgen, dass ihre Vision für das House of Hope gedeihen kann.

M | Für mich bedeutet Zusammenarbeit immer Energie. Wir sprechen fast jeden Tag miteinander. Wir reden über die Schule und darüber, wie wir die Friedensarbeit ausbauen können. Manchmal geht es um ganz praktische Dinge – zum Beispiel, wie wir die Schule am Laufen halten können, wenn das Geld knapp ist, oder wie wir den Kindern, die hungrig zur Schule kommen, mehr zu essen geben können. Manchmal geht es um Visionen – zum Beispiel, wie wir mehr palästinensische Familien erreichen können, die eine Waldorfausbildung wünschen, oder wie wir unsere Geschichte erzählen können, damit die Welt versteht, was hier geschieht.

EK | Was sind Eure gemeinsamen Ideale und Ziele?

T | Unser größtes gemeinsames Ideal ist «Menschlichkeit zuerst». Das klingt einfach, ist aber in unserem Kontext radikal. Wir begegnen einander in erster Linie als Menschen. Gleichzeitig verschließen wir niemals die Augen vor der Realität der militärischen Besatzung und der systemischen Unterdrückung, unter der die Palästinenser:innen jeden Tag leben. Beide Wahrheiten existieren nebeneinander: Unsere Menschlichkeit ist gleich, aber unsere Traumata sind es nicht.

M | Für mich ist es das Ziel, den Palästinenser:innen zu helfen, mit Würde und in Frieden auf ihrem Land zu bleiben. Das bedeutet, Familien und Gemeinschaften zu stärken, damit sie standhaft – sumud – bleiben können, aber auch gesund, verwurzelt und mit dem Leben selbst verbunden sind. Ich möchte, dass Kinder nicht nur überleben, sondern in Harmonie mit dem Land aufwachsen, frische Luft atmen, ihr Erbe kennenlernen und wissen, dass sie hierhergehören. Die ersten sieben Lebensjahre sind die Wurzeln. Wenn Kinder nur mit Stress und Angst aufwachsen, können sie die Hoffnung verlieren. Aber wenn sie von Liebe, sicheren Schulen und fürsorglichen Lehrer:innen umgeben sind, können sie innerlich stark werden. Starke Kinder bedeuten starke Familien. Starke Familien bedeuten starke Gemeinschaften. Und starke Gemeinschaften bedeuten, dass die Palästinenser in ihrem Land bleiben können – in Frieden mit sich selbst, in Frieden mit ihren Nachbarn und in Frieden mit der Natur, die uns alle umgibt. Ich glaube, dass die Waldorfpädagogik eine traumatherapeutische Pädagogik ist. Laut dem australischen Pädagogikprofessor Tom Brunzell, der sich auf traumabezogenen Unterricht spezialisiert hat, umfasst eine wirksame Praxis immer drei Dinge: Sie stellt die Bindung zu Bezugspersonen wieder her, baut auf den Stärken des Kindes auf und lehrt emotionale Regulierung durch konsistente, vorhersehbare Erfahrungen. Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich: Genau das tun wir jeden Tag in einem Waldorfklassenzimmer. Der Rhythmus und die Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Durch Lieder, Geschichten und tägliche Routinen bauen wir das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit wieder auf, das durch Traumata oft zerstört ist. Die kreativen Teile des Lehrplans – Musik, Kunst, Handarbeit, Bewegung – helfen den Kindern, sich wieder mit ihren eigenen inneren Fähigkeiten zu verbinden und wieder ein Gefühl von Stolz und Wert zu entwickeln. Es handelt sich nicht nur um akademischen Unterricht. Es ist eine therapeutische Praxis der Wiederverbindung, der Resilienz und der Liebe. Deshalb glaube ich an die Waldorfpädagogik. Sie heilt Traumata, gibt Fantasie und Freude zurück und hilft Kindern, eine Verbindung zu Schönheit und dem Leben aufzubauen. Für uns geht es bei Bildung nicht nur um akademische Leistungen – es geht darum, Frieden zu schaffen, in Würde zu leben und in unserem Land verwurzelt zu bleiben.

EK | Was sind Eure größten Herausforderungen?

T | Die größte Herausforderung ist die Erschöpfung. Die Arbeit ist unaufhörlich – es gibt nie genug Geld, nie genug Zeit, nie genug Ressourcen. Und wir sind auch Mütter, die ihre Kinder großziehen und gleichzeitig versuchen, Frieden zu stiften. Diese Balance ist überwältigend.

M | Was wir brauchen, ist mehr Unterstützung. Mehr Spenden, ja, aber auch mehr Menschen. Menschen, die uns besuchen, sich ehrenamtlich engagieren, anderen von uns erzählen. Jeder Mensch, der uns unterstützt, gibt mir neue Kraft. Wenn ich sehe, dass sich Menschen uns anschließen, fühle ich mich weniger allein. Das ist es, was mich weitermachen lässt, auch wenn ich müde bin.

EK | Was macht Euch glücklich? Worauf schaut Ihr mit Zufriedenheit zurück?

T | (lachend) Für mich ist Freude Nutella mit Labneh, dem frischkäseähnlichen Joghurt, etwas, das ich mir während meiner Besuche im Westjordanland nach langen Arbeitstagen ausgedacht habe. Es ist unglaublich. Aber meine tiefste Freude ist das Wunder, dass das House of Hope noch immer existiert. Es wurde 2007 gegründet und ist fast zwanzig Jahre später noch immer lebendig und stark. An einem Ort, an dem so viel zerstört wird, ist das Fortbestehen des House of Hope an sich schon ein Wunder. Jedes Jahr wächst die Schule. Jedes Jahr wird der Lehrplan erweitert. Jedes Jahr vergrößert sich der Kreis der Kinder, Eltern und Lehrer. Das ist die Freude eines gut gelebten Lebens.

M | Für mich bedeutet Freude, in der Natur spazieren zu gehen. Mit Bäumen zusammen zu sein, frische Luft zu atmen, mich frei bewegen zu können. Ohne Angst zu haben, dass ein Soldat auftaucht, ohne Schikanen. In der Natur fühle ich Frieden. Ich fühle mich selbst. Und ich empfinde Freude, wenn ich sehe, wie lebendig die Schule ist, wenn ich sehe, wie glücklich die Kinder lernen. Seit so vielen Jahren kämpfen wir darum, das House of Hope am Leben zu erhalten, und dennoch wächst es weiter. Das ist Freude. Das ist Kraft.

EK | Was ist Euch noch wichtig, zu sagen?

M | Kommt und baut mit uns Frieden auf. 

www.houseofhope.vision
Waldorf Bethanien
IBAN: AT42 3500 0000 4215 5465
BIC: RVSAAT2S

Das Gespräch führte Isabella Geier.

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