Ausgabe 12/25

Seelen-allein

Susanne Bregenzer

Schüler:innen am Handy

«Schreib darüber mal was», sagt mir eine Freundin. «Das wäre ein gutes Thema!» Ich bin aber so wütend darüber, dass ich mein weißes Blatt anstarre und es anzünden möchte. Ich bräuchte Abstand. Weitblick. Innere Balance. Humor außerdem, sehr viel davon. Alles nicht vorhanden. Da bin nur ich mit meinem Frust darüber.

Worum geht es überhaupt?


Früher war man ausgeschlossen in den Klassengemeinschaften, weil man zum Beispiel gepetzt hatte oder nicht die neuesten Markenklamotten hatte. Heute ist man Außenseiter:in, weil man noch kein Smartphone hat. Da gibt es zum einen den gefürchteten Klassenchat – an dieser Stelle müsste nun hochdramatische Musik erklingen – und zum anderen diverse Gelegenheiten, in denen alle Kinder mit gesenktem Kopf über ihrem Endgerät hocken und nur ein bis zwei «letzte Mohikaner» schauen in die Luft. Seelen-allein. Dann wird die Langeweile noch langweiliger. Dann fühlt sich die Einsamkeit noch einsamer an. Seelen-allein eben. Über die Jahre beobachtet man es ja, wie eine Flut, die steigt. Wann geht es uns an den Kragen? Irgendwann steht einem das Wasser bis zum Hals. Spätestens in der neunten Klasse, wenn sogar die Voll-Waldorf-Eltern einknicken. Dann fällt die letzte Bastion. Dann senkt auch der letzte den Kopf und glotzt auf die bessere Welt im Smartphone. Die besseren Freund:innen. Die bessere Freizeitbeschäftigung. Die bessere Bildung.

Dramatische Musik Ende


«Unsere Tochter hat in der Neunten immer noch kein Smartphone. Ich glaube, es ist okay für sie, weil wir selbst auch keins haben», sagt eine andere Mama zum Thema. Dieser Satz sitzt. Daran wird mir die eigene, beinahe lustige Arroganz dann klar. Denn zum einen bin ich auch eins der Vorbilder, die zeigen, ein Smartphone hat Bedeutung – und zum anderen weiß ich in Wirklichkeit nicht, was richtig ist.

Informieren


Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer warnt ausdrücklich vor dem Gebrauch von digitalen Medien im Jugendalter: «Störungen der Sprachentwicklung, der Aufmerksamkeit, des Lernens und der Motivation bis hin zur Willensbildung sind allesamt vor allem bei jungen Menschen anzutreffen. In diesem Alter befindet sich das Gehirn noch in Entwicklung und genau diese normale Gehirnentwicklung wird durch das Smartphone gestört», so Spitzer. Jugendliche, die digitale Medien viel nutzen, leiden oft an Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen, Bewegungsmangel und Ängsten, außerdem an Kurzsichtigkeit und Haltungsschäden und einem Abfall der schulischen Leistungen. Denn: Smartphone frisst Zeit. Hinzu kommt: Mit Smartphones werden soziale Online-Medien genutzt, und die erzeugen Depressionen und steigern das Suizidrisiko. Wann ist es Kommunikation oder gerade noch Freizeit-Spaß und wo beginnt die Sucht? Alle Computerspiele sind so konstruiert, dass sie unser Belohnungssystem im Gehirn bedienen und Dopamin freisetzen. Die Spielindustrie lebt davon ziemlich gut.

Kontrollieren


Wir wissen selbst, wie schwer es ist, die Schokolade im Kühlschrank nicht zu essen, oder? Deshalb ist es richtig, Kinder altersentsprechend zu kontrollieren. Wieviel Zeit verbringen sie vor dem Gerät? Und inwiefern kreist ihr Denken die ganze Zeit um das Medium? Und ich finde letzteren Punkt beinahe am wichtigsten, weil unsichtbar: Ist es noch möglich, dass die Medienzeit an einem Tag ausfällt? Oder tickt das Kind komplett aus? Was wiegt mehr, der Besuch, der da ist, oder der Sog, zu zocken? Denkt das Kind schon während der Zehnuhrpause an seinen fiktiven Spielcharakter und wie viele Gems (Edelsteine) noch gesammelt werden müssen, damit man sich die Rüstung für Level 34 und das epische Schwert leisten kann?

Vertrauen


Widerspricht das nicht dem Kontrollieren!? Ich finde nicht. Das eine hat vor allem damit zu tun, nicht wegzusehen – das andere geht viel tiefer. Vertrauen wir unseren Kindern, lernfähig zu sein? Haben wir unseren Kindern genug seelische Nahrung gegeben, damit sie Innenraum aufbauen konnten? Und vertrauen wir unserer Beziehung zum eigenen Kind und der Tragfähigkeit dieser Verbindung, die sehr viel stärker ist, als uns manchmal klar zu sein scheint? Die Care-Arbeit bezüglich digitaler Medien fordert einiges von uns selbst. Ehrliches Hinschauen, ehrliches Reflektieren und das eigene Verhalten an manchen Punkten auch mal ändern. Das ist Arbeit und es ist anstrengend, aber es kann viel bewirken und uns Kraft geben.

Und wie ist das nun mit dem ausgeschlossenen Kind?


Das Telefon klingelt. Sein Freund ist dran. Ob sie sich am Wochenende treffen können. Interessant, denke ich. Für einen, der total ausgeschlossen ist, hat er eigentlich noch ziemlich viele Kontakte. Über die Schule. Über den Sport. Verabredungen zum Kartenspielen. Zelt-Pläne. Einladungen zu Geburtstagen und Partys. Ein bisschen Zeit will ich noch schinden, bevor wir uns dem Thema frontal stellen und auch er ein Smartphone bekommt. Und vielleicht noch ein paar nicht virtuelle Edelsteine für mich sammeln, um gut gerüstet zu sein: Damit der Schutzraum trotzdem erhalten bleibt und wir Wege finden, mit der Anforderung umzugehen. 

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