Zitat: «Es reicht nicht, nur den Konsum zu hinterfragen, vielmehr muss gefragt werden, welches seelische Bedürfnis dahintersteht.»
Nicht jeder Substanzkonsum ist eine Sucht. Doch wenn Stoffe, Gewohnheiten mit Medien oder bestimmte, stimulierende Verhaltensweisen immer wichtiger werden, sind Eltern zu Recht besorgt und gefordert. Boris Schößler, Kinderarzt und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Filderklinik bei Stuttgart, ist überzeugt: Im Gespräch über Sucht braucht es Vertrauen, echtes Interesse und die Bereitschaft, genau hinzuhören. Viele Eltern sehen sich im Laufe des Erwachsenwerdens ihrer Kinder mit Fragen rund um das Thema Risikoverhalten und Sucht konfrontiert. Dabei geht es sowohl um stoffliche Süchte – also etwa Drogen – als auch um nichtstoffliche Süchte. Gerade nichtstoffliche Süchte spielen bei den Jugendlichen eine große Rolle und werden oft spät erkannt. Dazu zählen selbstverletzendes Verhalten wie zum Beispiel Ritzen, Mediensucht und Magersucht. «Eine mögliche Definition von Sucht ist der fortgesetzte Konsum oder die Fortsetzung des schädlichen Verhaltens trotz eines Wissens oder Gespürs des Betroffenen in Bezug auf negative Konsequenzen», erklärt Boris Schößler, als Jugendpsychiater auch ambulant mit einer Praxis tätig. «Aber nicht jeder Konsum ist bereits eine Sucht oder Abhängigkeit. Der Hedonismus in unserer Gesellschaft hat alle Generationen erfasst und vieles enttabuisiert, es kann sich auch einfach um Genuss handeln», betont er. Verfestigt sich jedoch ein Muster, sollte genauer hingeschaut und auch um Rat gesucht werden.
Wer mit Jugendlichen über Sucht spricht, spricht nicht nur mit einem einzelnen Kind, sondern berührt oft ein ganzes Beziehungsfeld. Suchtdiagnosen sind ernstzunehmende Erkrankungen, die eine fundierte medizinisch-therapeutische Behandlung erfordern – genau wie alle anderen Erkrankungen auch. Denn besonders wenn sie schon im Kindes- und Jugendalter auftreten, können sie Entwicklung verhindern und letztlich Körper wie Seele irreparabel schädigen. Wird aus einem Probier- oder Gelegenheitskonsum eine Sucht, liegen nicht selten auch traumatische Erlebnisse zugrunde, deren Folgen mit Hilfe des Konsums reguliert werden sollen. Oder es bestehen bereits vor der Sucht eigenständige seelische Erkrankungen.
Fragen statt Vorwürfe
Die eigene, elterliche Sorge im Gespräch mit Jugendlichen sofort mit einer negativen Bewertung des Konsums zu verbinden, ist laut Schößler kein weiterführender Ansatz. Hilfreicher sei es, zunächst Vertrauen und Offenheit zu zeigen und den Jugendlichen auch erst einmal eine gewisse Konsumkompetenz zuzutrauen. «Wenn jedoch wirklich eine Sucht besteht, hat die jeweilige Substanz oder das Verhalten eine enorme Kraft und Wichtigkeit im Leben der Person», sagt Schößler. «Das muss Eltern bewusst sein, wenn sie mit ihren Kindern in den Dialog gehen, dann sollte man keine Hoffnung in einen autoritären Auftritt setzen. Das Gespräch muss so sensibel geführt werden, als würde man über eine neue Liebe sprechen, einen neuen Freund oder eine neue Freundin.» Denn Drogenkonsum kann – ähnlich wie Verliebtheit oder intensive Gruppenerlebnisse – körperlich, emotional und sozial stark bindend wirken und dann den Alltag und die Entscheidungen bestimmen. Es reicht nicht, nur den Konsum zu hinterfragen, vielmehr muss gefragt werden, welches seelische Bedürfnis dahintersteht oder stand. Statt Vorwürfen und Anschuldigungen sind offene Fragen hilfreich. Was bedeutet dir das? Wofür steht es für dich? Was versprichst du dir davon? Aber auch Fragen wie: Kann man mit dieser Sucht leben – oder geht das vielleicht gar nicht? Was ist der Preis? Wenn diese Fragen einmal geklärt sind, kann die Suche nach Alternativen beginnen, die ähnlich positive Gefühle auslösen oder das Bedürfnis, aus dem der problematische Konsum entsteht, auf andere Weise erfüllen. Dabei sollten sich Eltern über die positiven Erwartungen klar werden, die hinter dem Konsum stehen können: das Bedürfnis nach Glück, Entspannung, Zugehörigkeit, Intensität oder eben als Hilfe bei einem Mangel an Kontrolle oder Selbstregulation. Schößler rät dazu, nicht nur auf Schwächen zu schauen, sondern vorhandene Stärken wahrzunehmen und das Selbstwertgefühl sowie die entstehende Eigenverantwortung der Jugendlichen anzusprechen. Die Vorstellung, Sucht sei Ausdruck von Willensschwäche, hält der Mediziner für problematisch. Wille spielt eine Rolle, wenn jemand eine Sucht überwinden will. Aber er erklärt nicht, warum jemand süchtig wird.
Schutzfaktoren
«Die Fähigkeit mit Langeweile umzugehen, ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren vor Sucht», sagt Schößler. «Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, aus Angst und Einsamkeit Mut und Stärke zu entwickeln. Dadurch erfahren Kinder und Jugendliche ihre eigene Kraft und entwickeln vielleicht auch ein besseres Gespür für ihren Körper. So können sie lernen, zwischen echter und vermeintlicher Freude zu unterscheiden – also zwischen dem, was zu ihnen passt, und dem, was ihnen nicht guttut.» Eltern können ihre Kinder bei der Entwicklung dieser Eigenschaften fördern, indem sie frühzeitig die Begeisterung der Kinder für deren ganz eigene Themen und Tätigkeiten ernst nehmen, sie dabei unterstützen – und ihnen auch ein Scheitern ermöglichen. So können die Kinder Resilienz ausbilden, sie lernen Dinge auszuhalten und auch einmal zu verlieren. Sport und freies Spiel sind hervorragende Möglichkeiten, um Grenzen auszuloten und den eigenen Körper kennenzulernen, in einer Zeit, in der Körpererfahrungen bei Kindern und Jugendlichen tendenziell abnehmen, gleichzeitig aber glorifiziert werden. Und noch einen wichtigen Schutzfaktor nennt Schößler: Verbindung. Verbindung zu anderen Menschen, aber auch Verbindung zum Handeln, zu einer geliebten Tätigkeit. Schule kann hier eine wichtige Rolle spielen. Jahresarbeiten, verschiedene Praktika oder öffentliche Vorträge, die im Waldorflehrplan fest verankert sind, bilden einen Rahmen, in dem Kinder und Jugendliche sich Herausforderungen stellen müssen. Sie können sich ausprobieren, erleben Anstrengung, Grenzen und Erfolge. Kritisch sieht es Schößler hingegen, wenn Jugendliche aus Angst oder sozialer Unsicherheit immer stärker in gut gemeinte Schonräume geführt werden, in denen Belastung per se negativ ist. Die Gruppe sei ein wichtiges Lernfeld. Kinder und Jugendliche bräuchten Erfahrungsräume, in denen sie sich zeigen, scheitern, sich wieder aufrichten und erleben können, dass sie gehalten sind.
Sucht heute
Besonders relevante Abhängigkeiten im jugendlichen Alter sind die nichtstofflichen Süchte: Mediensucht, Gamingsucht und Magersucht. Immer mehr Mädchen werden wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelt. Die Zahl der Fälle von 10- bis 17-Jährigen hat sich binnen zwanzig Jahren verdoppelt, Mädchen in dieser Altersgruppe machen nahezu die Hälfte aller wegen Essstörungen Behandelten aus und in der Filderklinik ist ihnen eine ganze Station gewidmet. In Bezug auf stoffliche Süchte weist Schößler darauf hin, dass sich Ärzte ständig mit neuen Substanzen konfrontiert sehen. Moderne Morphine und starke amphetaminhaltige Stoffe sind heutzutage sogar problemlos über das Internet für Konsument:innen zugänglich. Medikamentenmissbrauch wird bei Jugendlichen oft übersehen und ist weniger gut dokumentiert als etwa der Konsum von Alkohol oder Nikotin, der sich während der vergangenen zwanzig Jahre deutlich reduziert hat. Körperliche Abhängigkeiten beginnen nicht selten mit einer Art «Selbstmedikation», bei der Jugendliche versuchen, Schlafstörungen, soziale Ängste oder Symptome von ADHS mit Substanzen zu bekämpfen oder sich wenigstens «Auszeiten von den Symptomen» zu nehmen. In solchen Fällen kann auch eine psychische Erkrankung zugrunde liegen, die in der Therapie dann primär adressiert werden sollte.
Warnsignale
«Wenn ein Kind an vielen Stellen im Leben seine Freude findet, nicht nur an einer, wenn es über Frustrationstoleranz und eine seelische Vielfarbigkeit verfügt, dann ist alles in Ordnung», sagt Schößler. Genauer hinsehen sollten Eltern, wenn der Kontakt zum Kind verloren geht und sie eine Eintönigkeit im Verhalten feststellen oder die Stimmung dauerhaft schlecht ist. Das Suchtthema wirkt wie ein Seismograph für die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Es zeigt, ob Vertrauen, Kontakt und Offenheit auch in der Pubertät weiter vorhanden sind – oder ob Misstrauen und Distanz überwiegen. Manchmal sind auch Eltern gefordert, sich zu wandeln, weiß Schößler. Eine wichtige Frage an Eltern könnte deshalb lauten: Wäre ich jemand, den die Freunde meines Kindes in einer Notsituation anrufen würden? Kann man mir aus Freundesperspektive vertrauen?
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