Bis weit auf den Schulhof hinaus reicht die Schlange, die sich an der Essensausgabe in der Freien Waldorfschule Kassel gebildet hat. Immer mehr Menschen stellen sich hinten an. Ich stehe mittendrin. An einem Samstag – einem Tag, an dem die Pfannen und Töpfe in der Schulküche für gewöhnlich kalt bleiben. An diesem Samstag aber, Anfang Mai, ist alles etwas anders hier. Denn schon zum 33. Mal sind in der Schule die Teilnehmer:innen des Kasseler Jugendsymposions zu Gast. Und während an der langen Schlange immer wieder einzelne mit Tellern voll Überbackenem und Salat vorbeispazieren, stecken andere noch ganz und gar in dem Workshop drin, der eigentlich gerade zu Ende gegangen ist. «Ich hab mich das noch nie so ehrlich gefragt: Was mich geprägt hat, welchen Konflikten ich in meinem Leben ausgesetzt gewesen bin, welche Muster ich dadurch ausgebildet habe. Das war hart, aber total spannend auch», höre ich einen Jugendlichen hinter mir sagen. Er erzählt den anderen, die mit ihm aus seiner Schule nach Kassel gekommen sind, von dem Workshop, in dem er gewesen ist. Sie hatten sich wohl aufgeteilt. «Ja, krass», sagt ein anderer und ergänzt: «Sich darüber klar zu werden, ist das eine. Es auch gleich mit anderen zu teilen, noch mal ‘ne ganz andere Nummer.» «Voll», erwidert der andere. «Aber dadurch ist direkt Vertrauen entstanden. Weil jeder sich gezeigt und auch verletzlich gemacht hat.»
Konstruktiv statt eskalativ
Die Inhalte wirken nach, bewegen die jungen Leute über die einzelnen Einheiten hinaus. In Kassel zusammengekommen sind dieses Mal alle unter der Überschrift Konflikt:fähig. «Unser Anliegen ist es, sich auf verschiedensten Wegen der Fähigkeit anzunähern, mit Konflikten konstruktiv umzugehen, bevor sie gewaltsam eskalieren», sagt Esther Guggenbichler aus dem Projektleitungsteam. «Denn Konflikte», so die Organisator:innen weiter, «begegnen uns gerade überall. Wir erleben mit Entsetzen, dass der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, und dass auch innerhalb unserer Gesellschaft Konflikte aufbrechen oder eskalieren: Politische Auseinandersetzungen und Kulturevents drohen zu Kulturkämpfen auszuarten, minoritäre Gruppen haben mit stereotyper Herabsetzung bis hin zur physischen Bedrohung zu rechnen, Grundsätze der Humanität wie das Gebot, Geflüchteten Bleiberecht zu gewähren, werden infrage gestellt.» Um beim Jugendsymposion dabei sein zu können, waren Oberstufenschüler:innen aus ganz Deutschland aufgefordert, einen Essay zum Tagungsthema zu verfassen, der schließlich über die Teilnahme entschied.
Erschriebene Trostorte und körperliche Grenzen
Über vier Tage hinweg besuchten die Jugendlichen Vorträge, Workshops und Trainings. Die Expert:innen, die das Orga-Team dafür gefunden hatte, kamen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Disziplinen.
Einen wissenschaftlich-pazifistischen Ansatz stellte der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Markus Weingardt vor. Er hinterfragte etablierte Kriegslogiken und plädierte nachdrücklich für die Erforschung und Nutzung gewaltfreier Alternativen in globalen Krisen. Dass Verständigung zunächst mal im Kleinen, an der Schnittstelle persönlicher und gesellschaftlicher Lebenswelten gelingen muss und kann, bewiesen die Politologin Saba-Nur Cheema und der Historiker Prof. Meron Mendel. Das Autorenpaar erzählte in seinem Beitrag Muslimisch-jüdisches Abendbrot davon, wie der Dialog über religiöse und kulturelle Gräben hinweg täglich gestaltet werden kann.
Eine völlig andere Denktradition brachte Prof. Dr. Sebastian Gäb von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Teilnehmer:innen nahe. Aus der Perspektive der religionsphilosophischen Lehre des Daoismus eröffnete er einen ostasiatischen Blick auf Konflikte und zeigte auf, wie Gelassenheit und das Verstehen natürlicher Dynamiken zur Entspannung beitragen können.
Auch methodisch setzte das Jugendsymposion in den Workshops und Trainings auf Vielfalt sowie auf praktisches Erleben. Deutschlehrerin und Autorin Elisa Weinkötz ermutigte in ihrem Seminar beispielsweise zum biografischen und kreativen Schreiben, um innere Konflikte über das Verfassen von «Trostorten» zu verarbeiten. Felix Hammoser, ebenfalls Lehrer für das Fach Deutsch, setzte in seinem Workshop dagegen eher auf die menschliche Physis. Über Elemente der Kampfkunst vermittelte er den Teilnehmer:innen, wie wichtig die körperliche Präsenz und eine klare physische Grenzsetzung für ein gelungenes Konfliktverhalten sind.
So war die Schlange zum Mittagessen zwar lang, das Warten aber kurzweilig. Denn die Teilnehmer:innen des 33. Jugendsymposions kamen so angeregt in die Pause, dass der Gesprächsstoff noch lange nicht ausging. Nur eines war diese Veranstaltung nicht: konfliktbehaftet. ‹›
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