Ausgabe 04/26

Sie rufen an, wir kommen! Medienpädagogik vor Ort

Nino Mindiashvili

Medienpädagogik vor Ort in der Freien Waldorfschule Augsburg. Von links: Lehrerin Stephanie Sell, Franz Glaw und Nino Mindiashvili von der Freien Hochschule Stuttgart und Volker Bogatzki, Schülervater.

Viele Waldorfschulen hatten noch keine Möglichkeit, Medienpädagogik strukturell zu verankern. Es fehlen Zeit, Konzepte und ausgebildete Ansprechpartner:innen vor Ort. Lehrkräfte brauchen praxistaugliche Materialien, konkrete Anregungen und Formate, die sich in den Schulalltag integrieren lassen. Gleichzeitig wächst der Bedarf täglich, Kinder und Jugendliche pädagogisch fundiert und altersgemäß zu begleiten. Hier setzt Medienpädagogik vor Ort an, das Projekt, das ich mit Robert Neumann und Franz Glaw entwickelt habe. Das Team arbeitet vor Ort mit dem gesamten Kollegium und stellt zunächst klar: «Medienpädagogik heißt nicht, dass jetzt alles digital gemacht werden soll und dass Tafeln und Hefte verschwinden.» 

Für das Projekt ist es entscheidend, dass das gesamte Kollegium an der Fortbildung teilnimmt. Die einzelnen Lehrkräfte besuchen darüber hinaus unterschiedliche Workshops, in denen sie konkrete Unterrichtsentwürfe erproben.
Viele Lehrer:innen haben uns nach unseren Besuchen an der Schule berichtet, dass sie erst durch die Beispiele und die Workshops ein lebendiges Bild davon bekommen haben, was Medienpädagogik an der Schule bedeuten kann. Die Inhalte können anschließend unmittelbar im Unterricht umgesetzt werden.

Medienbildung geht alle an


Der ehemalige Stuttgarter Waldorfschüler und Journalist Florian Harms formuliert in einem kritischen Beitrag über KI: «Wir erfahren die systematische Enteignung des menschlichen Ichs – nur zieht kaum jemand Konsequenzen daraus.» Und «Wir sehen das Feuer noch gar nicht, während das Haus schon lichterloh brennt.» Medienpädagogik betrifft alle – sie ist eine fächerübergreifende Aufgabe des gesamten Kollegiums. Medienpädagogik-Unterricht zielt auf den Erwerb von Schlüsselqualifikationen. Dafür ist kein eigenes Fach nötig, sondern diese Qualifikationen sind in allen Fächern nützlich und können in vielen Lebensbereichen gebraucht werden. Das Medienkonzept der Schule kann an jeder Schule anders aussehen – und lässt sich gut im Einklang mit den Grundprinzipien und Zielen der Waldorfpädagogik umsetzen.  

Zu viel, zu schnell, zu fremd


Es gibt viele Gründe dafür, warum die Implementierung der Medienpädagogik in den Waldorfschulen nur schleppend vorankommt. Angst vor Überlastung, wenig Kenntnisse über Soft- und Hardware bei technischen Geräten und natürlich die Geschwindigkeit: Die eingesetzten Systeme und Tools sind vielfältig und verändern sich in hohem Tempo. Was man sich vor einem halben Jahr angeeignet hat, ist heute mitunter bereits überholt. Ohne kundige Unterstützung entsteht schnell das Gefühl von Resignation. Hinzu kommt die Befürchtung, vor den Schüler:innen als inkompetent zu erscheinen, wenn man mit der Technik nicht sicher umgehen kann. Und nicht zuletzt fehlt vielen der Überblick: Was ist jetzt wirklich wichtig? Was kann warten? Und wie lässt sich das im eigenen Unterricht sinnvoll umsetzen? Ohne einen klaren, realistischen Fahrplan für Weiterbildung und Praxis nimmt das Gefühl der Überforderung weiter zu.

Nicht on top, sondern integrativ
 

Es gibt einerseits die Möglichkeit, Medienpädagogik als eigenständiges Fach mit eigenem Unterrichtsraum und erweitertem Stundenplan zu etablieren. Dies würde einen erhöhten Organisationsaufwand bedeuten. Andererseits gibt es bereits erprobte Wege, Medienpädagogik im Schulalltag wirksam umzusetzen. Es geht also nicht darum, bestehende Unterrichtspraxis unverändert fortzuführen und zusätzliche Anforderungen zu erfüllen. Entscheidend ist vielmehr eine integrative Weiterentwicklung des Unterrichts. So können etwa Medien bewusst anders eingesetzt werden: Statt eine Broschüre zu entwickeln, können Schüler:innen Webseiten gestalten; statt einen Bericht zu verfassen, können sie mit Zeitzeug:innen Podcasts produzieren. Auch im Bereich pädagogisch sinnvoll einsetzbarer Technik gibt es Erfahrungs-werte, von denen man profitieren kann. Es ist nicht notwendig, stets mit der neuesten Technik zu arbeiten. Entscheidend ist vielmehr ein grundlegendes Verständnis der Zusammenhänge. Die wesentlichen Prinzipien der Filmbearbeitung oder des Layouts haben sich in den letzten Jahren kaum verändert. So lassen sich beispielsweise mit einer gebrauchten HD-Kamera ohne wesentliche Einschränkungen grundlegende Elemente der Filmsprache verstehen und erproben.

Und schließlich ist es weder sinnvoll noch erforderlich, alle Themen gleichzeitig zu bearbeiten. Eine Orientierung an unterschiedlichen Medienformen – Text, Bild, Ton, Bewegtbild oder Webdesign – kann dabei hilfreich sein. Entscheidend ist, dass sich eine Schule auf den Weg macht, die Verfahren im Einklang mit den Möglichkeiten des Kollegiums schrittweise weiterentwickelt und Bewährtes sichert. 
 

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