Singen in der Unterstufe – ein Praxisbericht

Von Laura Koelmans, November 2020

Wenn man morgens, kurz nach Unterrichtsanfang, durch die Treppenhäuser unserer Amsterdamer Waldorfschule geht, hört man in jedem Flur die Kinderstimmen singen. Es ist einer der beglückendsten Aspekte unserer Arbeit: dass das Schulhaus durchtönt ist von Musik. »Die Lieder sind bis in die Wände des Gebäudes eingedrungen«, sagte eine Kollegin zum Abschied einer pensionierten, geschätzten Klassenlehrerin, die über mehrere Jahrzehnte das Singen und die Musik in unserer Schule pflegte.

Foto: © Charlotte Fischer

Kinder und Lehrer kommen und gehen, das Gebäude bleibt und auch die Lieder bleiben. Neue Lieder werden gesungen und nicht jedes Lied bleibt für immer, doch gibt es viele, die immer wieder mit froher Begeisterung gesungen werden. Lieder, die so richtig zur Schule gehören.

Lieder, die Gemeinschaft bilden

Die Kindergartenkinder (in den Niederlanden kommen die Kinder schon mit vier Jahren in die Vorschule) sind mit offenen Sinnen ganz eng mit ihrer Umwelt verbunden. Das Singen in diesen Klassen ist eine Selbstverständlichkeit, die gleichzeitig Struktur und Schönheit erzeugt. Die vielen Lieder, Sprüche und Spiele helfen dem Kind, seinen Weg durch den Tag zu finden. Es gibt ein Lied zum Tagesanfang, zum Essen, es gibt ein Lied zum Rausgehen, zum Händewaschen, zur Geschichte, zu allem, was am Tag passiert. Verträumt und noch ganz in der Nachahmung singen die Kinder mit und die Übergänge vom einen ins andere gehen wie von selbst.

Der ganze Unterricht in der Waldorfschule ist durchdrungen von Rhythmus. Wir geben uns Mühe, den Schulalltag atmen zu lassen. Das »Pressen« und das »Entlassen«, um mit Goethe zu sprechen, wechseln sich ab: in jeder Stunde und an jedem Schultag, in der Woche und im ganzen Schuljahr. Konzentrierte Arbeit steht Entspannung gegenüber; mal ist die Richtung ganz tief nach innen, mal schauen wir weit in die Welt. Das Singen ist dabei eine große Hilfe.

Nicht nur der Tagesrhythmus wird vom Singen begleitet, sondern auch der Jahresrhythmus. Die Feste, die jedes Jahr gefeiert werden, haben ihre eigenen Lieder, und es ist eine große Freude, nach einem Jahr die Lieder im Gedächtnis wiederzufinden. Oft zeigt sich, dass die Melodie sofort wieder da ist, aber auch Texte, sogar lange Texte mit vielen Strophen, haben sich eingeprägt.

Erste Klasse – träumendes Singen

Als die Kinder nach zwei Vorschuljahren in die erste Klasse kamen, war die wunderbare Zeit des ersten Jahrsiebts noch nicht ganz zu Ende. Im Kreis schauten mich die offenen Augen an, und jedes Lied war eine kleine Bezauberung. So waren im ersten Schuljahr die Lieder, wie im Kindergarten, unser Halt im Tagesrhythmus – ich musste nur anfangen, nach ein, zwei Tönen waren die Kinder schon dabei und wussten, was kommt.

Die Nachahmung – ein wunderbares Erziehungsmittel – ist in diesem Alter noch sehr stark. Hebe ich die Arme, gehen sofort alle Arme mit. Auf diese Weise entstanden zu vielen Liedern Gebärden, die sie begleiteten und uns viel Spaß machten.

Die Lieder der großen Schule, werden von Erstklässlern aufgesogen wie kaum etwas anderes. Die Kinder spüren, dass die Lieder zur Schulgemeinschaft gehören, und dass sie, wenn sie diese Lieder auch singen können, Teil der großen Schule geworden sind.

Zur Musik gehört aber nicht nur das Laute. Auch die Stille gehört dazu. Und auch das wird erlebt in diesem ersten Schuljahr. Was hört man alles, wenn man ganz leise ist? Ein Kind durfte König sein und war mitten im Kreis, und schlief. Die Augen zu, aber die Ohren weit auf! Rund um den König lagen einige »Schätze« – Gegenstände aus dem Klassenzimmer, Schlüssel, ein Glöckchen, etwas vom Jahreszeitentisch. Und dann, ganz leise, kam ein »Räuber«-Kind und raubte einen Schatz. Leise! Schnell ging das Kind wieder auf seinen Platz und schon kam der nächste Räuber. Wenn alle Schätze geraubt waren, durfte der König raten, wo sie geblieben waren. Da entsteht schon wieder die Atmung: Laut und Leise wechseln sich ab.

Zweite Klasse – Wechselgesänge

Der Jahresrhythmus kehrt wieder, aber die Kinder wachsen und in der zweiten Klasse sind neue Themen angesagt. Wie die Fabeltiere geraten die Kinder aneinander; die Streitereien zu lösen, war nicht immer einfach. Im Spielen und im Singen versuchten wir, einander wiederzufinden. Die Selbstverständlichkeit der Nachahmung in Gebärden war aber nicht mehr da und so ging ich auf die Suche, was jetzt passend war.

Wir sangen viele Wechselgesänge, in denen eine Stimme vorsingt und die Gruppe antwortet. Die Nachahmung war also nicht mehr gleichzeitig, sondern etwas verzögert, und das rief nach Wachheit. Das machte Spaß! Am Anfang sang ich vor, später ein Kind oder eine kleine Gruppe im Kreis. Und dann fing es erst recht an! Ein Kind sang vor, ohne dass die anderen wussten, wer es ist. Ohne, dass sie einander sahen. Ein Kind ging auf den Flur und sang vor der Tür, und alle antworteten. Hier war das Lauschen wieder angesagt. Und als das alles gut ging, durfte ein Kind raus auf die Straße – wir waren jetzt im zweiten Stock – und sang von draußen, so laut, dass wir gut antworten konnten!

In dieser Klassenstufe wirkte das Singen begeisternd und harmonisierend. Tobte es auf dem Spielplatz, in den Musikstunden wirkte die Klasse wie eine Stimme, ganz eng verbunden miteinander.

Dritte Klasse – inneres Erleben

In der dritten Klasse waren Gebärden dann wirklich nicht mehr passend. Die Kinder wurden zu groß dafür. Die Lieder aber bekamen mehr Inhalt und Klang. Gerne sangen wir Lieder mit vielen Strophen, Lieder zu jeder Hauptunterrichtsepoche, zu Geschichten. Viele schöne hebräische Lieder wurden gesungen – gerade auch, weil es an unserer Schule Gewohnheit ist, in der dritten Klasse, zur Geschichte Mose das Passahfest zu feiern. Auch in der Handwerker-Epoche gab es manches Lied, das später noch oft gesungen wurde, wenn gerade irgendeine Arbeit geleistet werden musste. Die Dur- und Moll-Stimmung trat ein, und vor allem die Moll-Stimmung kam oft gut an. Das Erleben der Musik wird in diesem Alter innerlicher, die Lautstärke dadurch oft geringer. Je nach Temperament erlebte jedes Kind das Seine in jedem Lied.

Freudevolle Momente gab es, wenn die Klasse konzentriert arbeitete, und ein Kind ganz leise zu singen anfing. Andere Kinder machten mit und obwohl die Arbeit ungestört weiter ging, klang ein leises Lied durch das Klassenzimmer. Das starke innere Erleben dieses Liedes war spürbar.

Die Nachahmung, die in der ersten Klasse so selbstverständlich ist, gibt es in der dritten Klasse nicht mehr. Doch die Erfahrung lehrt, dass sie gerade im Singen nicht ganz verschwindet. Sogar im Singen mit Jugendlichen oder Erwachsenen merkt man, wie innerlich alles das, was der Chorleiter oder Dirigent macht, aufgesogen und gespiegelt wird. Am klarsten ist das, wenn man aus Versehen beim Vorsingen einen kleinen Fehler gemacht hat. Der Fehler wird immer wieder zu hören sein …

Es geht dabei auch um weniger konkrete Dinge wie Körperhaltung, Atem oder die innere Stimmung. Auch diese werden vom Chor oder von der Klasse übernommen. Als Lehrerin ist es ein Schulungsweg, sich diese kaum bewussten Dinge ins Bewusstsein zu heben und damit zu arbeiten.

Vierte Klasse – Mehrstimmigkeit

Und dann, in der vierten Klasse, kommen endlich die Mehrstimmigkeit, das Kanonsingen und Lieder mit einer einfachen zweiten Stimme. Der Rubikon ist überschritten und die Kinder erleben sich in diesem Alter von neun, zehn Jahren wie ein »Ich«, in gewisser Weise alleine, nicht mehr ganz mit ihrer Umwelt verbunden. In der Mehrstimmigkeit kommt es darauf an, zu lauschen, was die anderen Stimmen tun, gleichzeitig aber sich selbst nicht zu verlieren. Das Ich in Beziehung zum Ganzen wird erlebt. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt sich, wenn man anfängt, mit einer vierten Klasse im Kanon zu singen. Manche Kinder halten anfangs die Ohren zu, damit sie ihre Stimme nicht verlieren. Sie entdecken dann aber, dass man so nicht zusammen singen kann, weil man die anderen Stimmen gar nicht mehr hört und viel zu früh oder zu spät fertig ist!

Andere Kinder hören so gut auf die anderen Stimmen, dass sie ihre eigene verlieren und auf einmal entdecken, dass sie mit der anderen Gruppe mitmachen.

Es ist ein schöner Weg, mit der Klasse zu entdecken, wie man das Laut- und Leisesein jetzt gleichzeitig einsetzen kann. Überzeugt die eigene Stimme singen, parallel die anderen Stimmen hören. Spaß daran zu haben, wenn die Stimmen rhythmisch verschieden sind, und dann genau zu wissen, wann man weitermachen soll.

Es lohnt sich, Kanons und zweistimmige Lieder lange einstimmig zu singen. Erst wenn das Lied ganz von selbst geht, sollte man die Mehrstimmigkeit ausprobieren. Man beugt damit Fehlern und Ungenauigkeiten vor. Außerdem ist es eine gute Übung, zu warten – die Kinder wissen oft, dass es sich um einen Kanon handelt und möchten ihn am liebsten sofort mehrstimmig singen. Wenn man aber wartet, ist die Belohnung, wenn es klappt, umso größer.

Das Singen in der Unterstufe hat viele Facetten. Natürlich bildet es die Musikalität, im Tun sowie im Erleben. Die Stimme wird langsam erobert und immer bewusster eingesetzt. Dabei entsteht nach dem Rubikon oft eine gewisse Angst vor dem Singen. Alleine vorzusingen, ist kaum noch vorstellbar. Aber wenn das Singen täglich gepflegt wird, wachsen die Kinder daran und kommen auch wieder dahin, sich zu zeigen. Das Singen in der Gruppe ist – gerade in der Mehrstimmigkeit – ein Raum, in dem »Ich« und »wir alle« gleichzeitig ihren Platz haben. So fördert das Singen die Klassen- und Schulgemeinschaft, es gliedert Tag- und Jahresrhythmus, lässt Tag und Jahr atmen. Und, nicht unwichtig: Es bringt Freude und Schönheit.

Zur Autorin: Laura Koelmans ist Musiklehrerin und Klassenlehrerin einer 5. Klasse an der Geert Groote School in Amsterdam.

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