Das Bild zeigt die Skulptur Drei singende Frauen von Ernst Barlach. Der Fotograf war Andreas Weiss. Die Skulptur steht im Ernst Barlach Haus in Hamburg.
Das Singen gehört zu den natürlichsten und selbstverständlichsten Äußerungen des Menschen. Es ist dem Lachen und dem Weinen verwandt und auch der Säugling äußert sich bereits über tonale Lautbildung und reagiert darauf, wenn er den Gesang oder die Stimme der Mutter oder des Vaters vernimmt. Musik ist eine nonverbale Sprache, die sich der sprachlichen Begrifflichkeit entzieht – und dennoch ist sie für den Menschen verständlich. Musik kann emotionale Zustände wie Sehnsucht, Freude, Trauer und Hoffnung ausdrücken oder diese erst erzeugen. Das individuelle Musikerlebnis ist dabei an keine zeitliche Kausalität gebunden – es kann je nach Situation Erinnerung an Vergangenes, Hoffnung für Künftiges oder Bewusstsein für Gegenwärtiges in uns hervorrufen.
Musiké: Einheit von Sprache, Gesang und Bewegung
Im antiken Griechenland wurde der Begriff Musiké für einen ganzheitlichen Lebensvorgang verwendet, der sich heute nicht mehr übersetzen lässt. Musiké beschreibt eine heute nicht mehr nachzuvollziehende Symbiose zwischen Sprache, Gesang und Bewegung. In seiner Geschichte der musikalischen Bildung beschreibt der Musikwissenschaftler Karl Heinrich Ehrenfort Musiké als Verschmelzung zwischen Wort, Melos (Melodie) und Rhythmus. Sprache, Gesang und Bewegung wurden nicht in der jeweiligen Einzeldisziplin, sondern nur in der Einheit dieser Dreiheit verwendet. Im Laufe der Zeit emanzipierten sich diese drei Tätigkeiten immer mehr voneinander, sodass spätestens in der Hochantike dieser Trennungsvorgang abgeschlossen war. Sprache, Gesang und Tanz wurden zu Kunstdisziplinen, die getrennt voneinander praktiziert wurden.
Wenn Kinder ganz versunken sind in das freie Spiel, kann uns das eine Ahnung davon geben, was Musiké als Lebensvorgang gewesen sein könnte. Die Ernsthaftigkeit, mit der sich das Kind dem Spiel widmet, ist nie schwer oder fest, sondern trägt in sich immer die dem Kind innewohnende Leichtigkeit und die Tendenz zum Zulassen dessen, was auf es zukommen will. Das Kind durchlebt das Spiel gemäß seiner ganzheitlichen Wesenheit: Bewegung, Gefühl und Gedanken bilden eine Einheit.
Flow im Musizieren
Die gleichen Gesetzmäßigkeiten finden wir in der Kunst und beim gemeinsamen Musizieren. Je tiefer man in ein Musikstück eintaucht und zulässt, dass es in einem selbst erklingt, desto wahrscheinlicher wird die Möglichkeit, dass man in einen Flow-Zustand gerät, bei dem keine unserer Seelentätigkeiten im Vordergrund stehen muss. Denken, Fühlen und Wollen verschmelzen zu einem künstlerischen Gesamtausdruck, der nicht planbar ist, sondern aus dem Moment heraus zugelassen werden muss. In diesem Gegenwartsmoment entsteht unmittelbar Zukunft. In einem solchen künstlerischen Augenblick erschafft der Mensch Zukunft, weil er seine in der Vergangenheit entstandenen Erwartungshaltungen loslassen kann, um sich für dasjenige zu öffnen, was ihm aus dem unmittelbaren Zukunftsmoment entgegenkommt. Angelehnt an Schillers berühmten Ausspruch aus den Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» kann daher die These aufgestellt werden: Beim Singen ist der Mensch ganz Mensch.
Singen in der Waldorfpädagogik
«In der Kunst erlöst der Mensch
den in der Welt gebundenen Geist.
In der musikalischen Kunst erlöst
der Mensch den in ihm selbst
gebundenen Geist.» (Rudolf Steiner)
In der Geschichte der Waldorfpädagogik nehmen Musik und Gesang traditionell eine wichtige Rolle ein. Das Singen ist fester Bestandteil des Musik- und Hauptunterrichts, der Monatsfeiern, Klassenspiele, Konzerte, Jahresfeste, des Schuljahresbeginns und -abschlusses und bei vielen anderen Gelegenheiten. Paul Baumann, Musiklehrer an der ersten Waldorfschule, hat an der Uhlandshöhe eine lebendige Musizierkultur aufgebaut, die bis heute an vielen Waldorfschulen erlebbar ist.
Beim gemeinsamen Singen in der Klasse kann sich vieles harmonisieren. Man kann in einen musikalischen Gleichklang und in einen gemeinsamen Atemstrom kommen. Es wird ein Hörraum erschaffen, der zugleich Singraum ist. Beim Singen kann der Mensch in eine harmonische Balance im Hinblick auf Denken, Fühlen und Wollen kommen. Das gemeinsame Musizieren kann immens gemeinschaftsbildend wirken, wenn die Lehrkräfte Werte wie gegenseitige Wertschätzung und Achtsamkeit im Umgang miteinander aktiv vorleben und versuchen, eine entsprechende Atmosphäre im Musikunterricht zu pflegen. Eine Kritik an dem, was die Kinder und Jugendlichen musikalisch noch nicht können, kann jedoch leicht dazu führen, dass einzelne Schüler:innen exkludiert werden, Versagensängste entwickeln und dadurch in eine Situation der Unfreiheit gedrängt werden.
Von der Exaktheit zur Rezeptionskultur
Die Ursache, warum in der sogenannten klassischen Musik und der daraus hervorgegangenen heutigen Musikpädagogik ein zu großer Fokus auf die Defizite der Musizierenden gelegt wird, liegt in der Musikgeschichte selbst begründet. Klassische Musik wird als exakt notierte Musik verstanden und folgt entsprechend den Normen von richtig oder falsch. Bis in das Barockzeitalter gab es im Hinblick auf musikalische Aufführungspraxis noch gewisse improvisatorische Freiheiten für die Musizierenden. Auch die Kadenzen verschiedener Solokonzerte der Wiener Klassik, in denen teilweise noch Raum für Improvisationen des Solisten war, können als letztes Überbleibsel freier Musizierpraxis angesehen werden.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa jedoch eine professionelle bürgerliche Konzertpraxis, die die höfische und kirchlich-liturgische Musikkultur nach und nach verdrängte. Neben zeitgenössischer Musik wurden zum ersten Mal auch Kompositionen vergangener Epochen aufgeführt, was dazu führte, dass eine musikwissenschaftliche Rezeptionskultur etabliert wurde, die klar definierte, was interpretatorisch richtig oder falsch ist. In diesem Kontext hat sich eine Musikpädagogik entwickelt, die eine bedingungslose Anpassung an die Anforderungen der Musizierenden in Bezug auf die exakte Umsetzung des Notentextes einforderte. In der Praxis erleben wir häufig, dass Kinder, Jugendliche oder Musikstudierende sich nach einer vermeintlich nicht perfekten musikalischen Darbietung durch selbst-entwertende Mimik dem Publikum präsentieren und dadurch Tür und Tor für Kritik an den Defiziten eröffnen. Ein solcher musikalischer Bildungskontext setzt den Fokus weniger auf die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, sondern vielmehr auf die Anpassungs- und Konkurrenzfähigkeiten der Einzelnen.
Ich gehe davon aus, dass die meisten der gegenwärtig tätigen Musiklehrkräfte dieses Bildungskonzept selbst durchlaufen haben. Eine Herausforderung wird sein, diesen Wirkungsmechanismus pädagogisch nicht unreflektiert an die Kinder und Jugendlichen weiterzuvererben, sondern die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen so umzugestalten, dass eine Musikpädagogik lebendig wird, die vom Kind, vom Jugendlichen, vom Menschen ausformuliert wird und die deren Gestaltungs- und Kreativkräfte als Grundvoraussetzung versteht, mitempfindet und beschützt.
Eine prägende Erfahrung
Eine in dieser Hinsicht enorm prägende pädagogische Grunderfahrung durfte ich vor etwa 20 Jahren machen. Ich war gerade im zweiten Jahr als junger Musiklehrer an einer Berliner Waldorfschule tätig, als ich bei der Klassenlehrerin Gabriele Bär im Unterricht einer ersten Klasse hospitieren durfte. Was ich dort miterleben durfte, hat mein Leben und meinen Blick auf das Musiker-Sein nachhaltig beeinflusst.
Die Kinder saßen in einem Stuhlkreis und warteten gespannt darauf, dass die Lehrerin ihnen ihre eigene kleine Harfe überreichte. Als auch die Lehrerin sich setzte, veränderte sich plötzlich die Atmosphäre im Raum. Es wurde still und die Konzentration war beinahe körperlich spürbar. Es war jedoch keine angespannte Situation, vielmehr war es eine freudige Erwartungshaltung, die ich damals spürte. Dann begann die Lehrerin zu singen und die Kinder stimmten mit ein. Nachdem das Lied einige Male gesungen war, fingen die Kinder nun auf ein Handzeichen der Lehrerin hin an, das Lied auf ihrer Kinderharfe weiterzuspielen. Dann sang die Hälfte der Klasse wieder und wurde durch die andere Hälfte der Klasse auf der Harfe begleitet, bevor die Gruppen wieder ihren Part tauschten. So muss es etwa 20 Minuten gegangen sein. Und in dieser Zeit stellte sich ein Flow ein, in dem die Kinder lebten, der den Raum und schließlich auch mich ergriff. Die gesamte Atmosphäre wurde verzaubert: Zeit und Raum verdichteten sich zu einem einzigartigen künstlerischen Moment, den die Lehrerin nicht planen konnte, weil diese Momente sich der Verfügbarkeit und Planbarkeit entziehen. Und doch war mir damals sehr bewusst, dass ohne die jahrelange innerlich geleistete Arbeit dieser Lehrerin ein solcher Moment nicht hätte entstehen können. Rückblickend war es sicherlich dieses Erlebnis, das in mir den Entschluss erwachsen ließ, Musiklehrer werden zu wollen und nicht lediglich als Musiklehrer an einer Schule angestellt zu sein.
Im Folgenden hospitierte ich noch viele Male in dieser Klasse und für mich wurde erlebbar, dass Liebe, Ehrfurcht und Respekt gegenüber den Kindern die Grundvoraussetzung für eine heilsame Pädagogik darstellen. Diese Lehrerin liebte ihre Kinder – nicht als pädagogisches Bonmot, sondern als Basis ihrer menschlichen Grundhaltung. Dadurch wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass in den gemeinsamen Singstunden eine Atmosphäre des Staunens, der Steigerung von Lebenskräften und des Gemeinschaftsgefühls erlebbar wurde und die Kinder in einem Urvertrauen und dem Gefühl von Geborgenheit den Unterricht aktiv mitgestalten durften.
In meiner Tätigkeit als Musiklehrer habe ich hunderte von Kindern und Jugendlichen ein kleines Stück auf ihrem Lebensweg begleitet – vor allem aber haben diese jungen Menschen mich auf meinem Weg hin zu mir selbst begleitet. Dadurch konnte ich den mir innewohnenden Musiker wiederfinden und lebendig werden lassen. Auch wenn der Kontakt zu vielen dieser ehemaligen Schüler:innen abgebrochen ist, so verbindet uns doch eine Gemeinsamkeit – unsere Biografie des Singens.
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