Ausgabe 01-02/26

Singend den eigenen Standpunkt finden

Hiltrud Kamolz
Bild: ©Andreas Weiss, Ernst Barlach Haus-Stiftung Hermann F. Reemtsma, Hamburg

Das Bild zeigt die Skulptur Drei singende Frauen von Ernst Barlach. Der Fotograf war Andreas Weiss. Die Skulptur steht im Ernst Barlach Haus in Hamburg.


Dass von Musik und Gesang eine heilende Wirkung ausgeht, war schon immer bekannt. Dank des Singens und Harfespiels des Hirtenjungen David, so berichtet das Alte Testament, wurde König Saul von seiner Schwermut befreit. Singen kann auch die Tatkraft unterstützen – das zeigen die vielen Lieder, die früher zur Arbeit gesungen wurden. So gab es in manchen Kulturkreisen wie zum Beispiel auf den Hebriden, der Inselgruppe vor der schottischen Westküste, zu jeder Tätigkeit Lieder: Lieder zum Spinnen, Lieder zum Walken, Lieder zum Weben und so weiter. Ihre Rhythmen spornten das Tätigsein an. Und nicht zu vergessen sind die vielen Gesänge, welche uns aus uralten Zeiten berichten, wie die Edda, das Kalewala, das Traumlied des Olaf Åsteson oder die Lieddichtungen von der Antike bis zur Zeit der Minnesänger. Was für eine Gedächtnisleistung!

Somit steht für mich außer Frage, dass das Singen durch alle Altersgruppen hindurch eine nicht zu unterschätzende Kraft und Wirkung besitzt.

Bereits im Mutterleib nimmt das noch ungeborene Kind das Singen in seiner Umgebung wahr. Wiegenlieder beruhigen es nach der Geburt. Wenn in der Umgebung viel gesungen wird, beginnen auch manche Babys bereits ganz früh zu summen, noch bevor erste Laute gesprochen werden. Da kann durchaus die Frage aufkommen: Was war zuerst da, die Sprache oder der Gesang?

Im Kindergartenalter singen die Kleinen mit großer Freude gerne ganz freischwebende Melodien im Dreitonbereich, Backe, backe Kuchen etwa. Diese freischwebenden Melodien der Quintenstimmung, also der sogenannten Pentatonik, welche noch nicht grundtonbezogen sind, werden an Waldorfschulen bis zum neunten Lebensjahr fortgeführt. Dann beginnt das mehrstimmige Singen, erst in Form von Kanons, ab dem fünften Schuljahr kommen anspruchsvolle polyphone Liedsätze hinzu. 

In meinen vier Durchgängen als Klassenlehrerin musste ich aber feststellen, dass die Bereitschaft zum Mitsingen immer mehr nachließ. Dieser sehr persönliche Beitrag soll somit der Ursachenforschung dienen, auch kritisch die eigene Methodik hinterfragen und vielleicht Überlegungen anregen, wie die Kinder wieder mehr für das Singen gewonnen werden könnten. 

Oratorien, Passionen und Gemeinschaft
 

Ich selbst wurde in eine Familie hineingeboren, in der die Musik und vor allem das Singen eine große Rolle spielten. Jedes von uns fünf Kindern hatte von Geburt an sein eigenes Gute-Nacht-Lied. Sonntags fanden regelmäßig Verwandtschaftsbesuche statt, da wurde selbstverständlich gemeinsam gesungen oder musiziert. Am schönsten aber war das Singen in der Adventszeit. Nicht nur, dass wir mit Freund:innen an den Adventssonntagen loszogen, um im Dorf durch das mehrstimmige Adventssingen vor allem einsame Menschen zu erfreuen, jeden Abend saßen wir vor dem Adventskranz und sangen sämtliche Quempaslieder, selbstverständlich alle Strophen. Die einzelnen Stücke dieses traditionellen Liederzyklus‘ beherrsche ich heute noch. Am Weihnachtsbaum ging es dann durch die Heiligen Nächte hindurch jeden Abend weiter, jetzt mit den Weihnachtsliedern. Wie groß war die Freude, als ich endlich 14 Jahre alt war und in der Reutlinger Jugendkantorei mitsingen durfte, in einem Chor von zirka sechzig jungen Menschen zwischen 14 und 28 Jahren. Da lernten wir sämtliche Oratorien und Passionen kennen und durften sie aufführen. Nicht zu unterschätzen war die Gemeinschaft, die dadurch entstand. Bis heute sind wir uns noch tief verbunden.

Als angehende Klassenlehrerin freute ich mich besonders auf das tägliche Singen, nicht nur im rhythmischen Teil, sondern auch als Mittel, die Kinder singend von einem Tun ins andere zu führen. Der Hauptunterricht wird an Waldorfschulen häufig in drei Phasen aufgeteilt: rhythmischer Teil, Arbeitsteil und Erzählteil.

Die 38 Kinder meiner ersten eigenen Klasse ließen sich mühelos durch viele pentatonische Liedchen und Improvisationen in rhythmisierte Strukturen führen. Bestimmte Lieder wurden zu Signalen für bestimmte Handlungen. Schon nach wenigen Tagen sangen die Kinder mit und ließen sich gut leiten. Erstaunlicherweise gab es kaum «Brummlerchen», die Lieder werden immer in den Originalhöhen angestimmt. Die Klasse blieb bis zur achten Klasse eine wunderbare Gesangsklasse. Täglich sangen wir im Rahmen des rhythmischen Teils für gut 15 Minuten eistimmige pentatonische Lieder, ab der dritten Klasse dann auch mehrstimmige Kanons. Ungefähr nach drei bis vier Wochen kamen wieder neue Lieder dran. Die von mir so geliebten Advents- und Weihnachtslieder aus dem Quempas-Büchlein fanden bei den Kindern ebenso Singbegeisterte wie mich, nur drei der vier Domsingknaben in meiner Klasse verweigerten hin und wieder ihre Unterstützung, eventuell hielten sie sich für überqualifiziert und es schien ihnen unter ihrer Ehre, in der Klasse mitzusingen. Höhepunkte waren dann auch ab der vierten Klasse Auftritte bei Schulfeiern oder dem Schulkonzert. Wie ergreifend erklang zum Beispiel das Engel-Terzett aus dem Oratorium Elias von Mendelssohn, gesungen von allen Kindern der Klasse! Eine Fundgrube durch alle Jahre hindurch waren auch die wunderbaren Liedsammlungen von Peter-Michael Riehm, einst mein Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Schon beim zweiten Klassenzug bemerkte ich, dass die Klasse über uns zunehmend besser und kräftiger sang, obwohl die Klassenlehrerin sich kaum in der Lage sah, selbst das Singen anzuleiten. Aber vielleicht war genau dies der Grund. Die Anleitung übernahmen musikalische Kinder mit ihren Flöten. Schüler:innen können erfolgreiche Lehrer:innen sein. Dennoch konnten wir uns ein umfassendes Liedgut erwerben und fanden weiterhin wunderbar in den vierstimmigen Gesang.

Beim dritten Durchgang erfuhr ich deutlich, dass das mir vertraute und geliebte Liedgut wie der Quempas nicht mehr so gut ankam. Die für mich traditionellen Weihnachtslieder kannten nur noch wenige Kinder, jetzt waren Jingle Bells oder Rudolph, the red-nosed reindeer eher die Renner. 

In meinem jetzigen Klassenzug, der derzeit in der fünften Klassenstufe ist, hat die Anzahl der hartnäckigen «Brummler» und Gesangsverweigerer:innen deutlich zugenommen. Glücklicherweise ist die Klasse eine begeisterte Instrumentalklasse und musiziert mit großer Freude und sehr erfolgreich im Klassenorchester. Bemerkenswert war, dass vor allem die Quintenstimmung nicht lange durchgetragen werden konnte. Sangen die Kinder im rhythmischen Teil nur ganz zart und vorsichtig, schmetterten sie schon bald im Fremdsprachenunterricht kraftvoll diatonische Lieder. Und auch nach der Mollstimmung, die in der Waldorfpädagogik ja erst ab dem sechsten Schuljahr eine Rolle spielen sollte, wurde deutlich früher verlangt. Hierbei spielt sicherlich Hörverhalten der Kinder und 
das Musikangebot über elektronische Geräte eine große Rolle.

Flops und Lichtblicke
 

Exkurs: Besuch in einem schwäbischen Altersheim. Seniorensingen ist angesagt. Mit welcher Freude lassen sich die lieben Betagten auf die vielen vom Klavier begleiteten Volkslieder ein! Der Liedschatz scheint nicht enden zu wollen, mit leuchtenden Augen wird immer weitergesungen, natürlich auswendig. Mir drängt sich bei diesem Erleben die Frage auf: Was werden unsere Kinder mal als Senior:innen singen? Werden sie überhaupt noch singen? Oder was werden sie sich anhören? Alleine in ihren Zimmern? Und auch im vergangenen Advent grübelten wir an der Augsburger Waldorfschule wieder: Welches Weihnachtslied, das alle kennen, wollen wir zur Eröffnung des Basars am großen Lichterbaum singen? Macht hoch die Tür im Jahr davor war ein Flop gewesen. Die Bläser hatten ihr Bestes gegeben. Vielleicht geht noch Maria durch ein Dornwald ging
Aber es gibt auch Lichtblicke! Beim stimmungsvollen Lagerfeuer lassen sich alle Kinder noch sehr gerne auf das Singen mit Gitarrenbegleitung ein. Da gibt es Lieblingslieder wie Abends ziehen Elche aus den Dünen oder Und am Abend ziehen Gaukler durch den Wald. Ja, sehr gerne wird auch die Hymne an die Freude gesungen. Und demnächst singen wir vielleicht etwas, das ich noch nicht kenne. Vielleicht bringen es mir die Kinder bei?

Vor wenigen Wochen kam eine ehemalige Schülerin aus meinem ersten Klassenzug an die Schule, um Werbung für die Singschule zu machen, die sie jetzt nach ihrem Musikstudium gemeinsam mit ihrem Mann leitet. Denn Singen sei so wichtig!

Die eigene Position stärken
 

Was aber macht das Singen so besonders und wichtig und weshalb dürfen wir an unseren Waldorfschulen nicht darauf verzichten? Singen hat eine harmonisierende Auswirkung auf die Atmung. Tägliches 30-minütiges Singen erweitert das Atemvolumen deutlich. Wer richtig singt, kräftigt und trainiert auch das Zwerchfell. Dieser Hauptatemmuskel hat eine große Bedeutung für das Wohlbefinden, die alten Griechen vermuteten in ihm den «Sitz der Seele». Alle Sänger:innen können bestätigen, dass sie nach dem Singen erfrischt sind und dass dieses Glücksgefühle hervorruft.

Singen versetzt auch den ganzen Körper in Schwingung. Und welch großartige Auswirkungen wohlklingende Schwingungen haben, zeigt ein Versuch der Physik zum Thema Akustik in Klasse 6: Mit Sand bestreute, freischwingende Metallplatten werden durch einen Cellobogen in Schwingung versetzt – dies lässt wunderbare Sandstrukturen entstehen. Ob die Schwingungen beim Singen und Musizieren ebenfalls strukturierende Wirkungen auf unseren Körper, zum Beispiel auf unser Gehirn, haben?

Mehrstimmiges Singen schenkt die Möglichkeit, die eigene Position zu stärken. Die eigene Stimme beim Singen eines Kanons zu halten, will gelernt sein. Und genau darauf zielt das mehrstimmige Singen ab dem dritten Schuljahr ab. Die Kinder verlassen mit dem Entwicklungsschritt des Rubikons ihr «Kindheitsparadies» und müssen nun ihren eigenen Standpunkt in der Welt finden. Was könnte da nicht besser unterstützen  als das mehrstimmige Singen, bei dem geübt wird, die eigene Stimme nicht zu verlieren und sich gegenüber den anderen zu behaupten.

Ich lasse die Klasse inzwischen selbstständiger singen und nehme meine eigene Stimme zurück, um den Kindern mehr Möglichkeit zur Stimmentfaltung zu geben. 

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