Ausgabe 07-08/26

Spielend Identität ausbilden

Anne Brockmann

Bei einer fiktiven Dorfgründung erwerben die teilnehmenden Schüler:innen einen verlassenen Ort in Südfrankreich und formen dort eine neue Gemeinschaft.

«Zitat: Über allem steht: «Du darfst sein, wer du bist – auch wenn du noch gar nichts davon ahnst.»


Es war eine Lyrik-Epoche in Klasse 12, die ihren Unterricht grundlegend verändert hat, berichtet Sarah van Hamme. Sie ist Oberstufenlehrerin und Klassenbetreuerin an der Christian Morgenstern Schule in Hamburg Eimsbüttel und bildet als freie Dozentin außerdem angehende Kolleg:innen mit aus. Die entscheidende Lyrik-Epoche liegt bereits mehrere Jahre zurück, aber van Hamme erinnert sich genau. Sie hatte den Text Hold Your Own (Deutsch: Halte dich fest) des britischen Rappers und Literarten Kae Tempest für ihre Schüler:innen ausgewählt.

2016 erschien im Suhrkamp Verlag der gleichnamige Gedichtband von Kae Tempest, dessen Karriere vom Poetry Slam über die Rolle als Band-Frontperson zu einem der einflussreichsten Solomusiker und Autoren der Gegenwart führte und dessen Texte häufig Identität, Rollen, Selbstwert und Selbstverwirklichung in einer pluralen Gesellschaft verhandeln. Für Lehrerin Sarah van Hamme sind das genau die Themen, denen sich Schule heute widmen muss. Tempest kam damals in der Lyrik-Epoche allgemein gut an. Van Hamme aber erinnert sich vor allem an eine Schülerin, die irgendwann Tränen in den Augen hatte und sagte: «Wir werden ständig dazu aufgefordert, ‹einfach› wir selbst zu sein. Aber niemand sagt uns, wie das geht. Ich habe Angst, dass ich das gar nicht kann.» Die Rückmeldung kam an. Sie hat van Hamme tief im Inneren erreicht und ihr den Anstoß dazu gegeben, ihren Unterricht noch mal neu zu greifen.

Handeln statt vollziehen


Ihr Fächerkanon, so sagt sie, bringt es ohnehin mit sich, den großen Fragen des Lebens zu begegnen. Van Hamme unterrichtet Deutsch, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und auch PGW, also Politik-Gesellschaft-Wirtschaft. «Durch die Rückmeldung der jungen Frau im Rahmen der Lyrik-Epoche ist mir aber noch mal deutlich geworden, dass es in der Schule von heute doch kaum mehr um Wissensvermittlung gehen kann, sondern vielmehr um Identitätsbildung gehen muss. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Warum tue ich, was ich tue? Das ist elementar, um eines Tages positiv unter Menschen zu wirken und sich selbst dabei nicht zu verlieren», sagt van Hamme. Herauszufinden, wer sie ihrem ureigenen Wesenskern nach sind, das sei die zentrale Entwicklungsaufgabe von Jugendlichen. «Kinder identifizieren sich ja zunächst einmal mit der eigenen Familie. Wenn sie in der Jugend beginnen, sich da herauszulösen, sind sie zwangsläufig auf der Suche nach sich selbst. Und zunächst finden sie da oft nur wenige Attribute. Ich bin Schüler oder Schülerin. Ich bin Junge oder Mädchen. Da muss im Lauf der Zeit anderes hinzukommen», erläutert van Hamme. Aufgabe der Schule sei es, die Jugendlichen in diesem Prozess bestmöglich zu unterstützen und zu begleiten.

Anregungen dafür, wie das gelingen kann, hat van Hamme beim Soziologen und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa gefunden. Der beschreibt in seiner Resonanztheorie auch den Begriff eines Spielraums, der es Menschen ermöglichen soll, in unserer modernen, beschleunigten Welt so zu leben, dass sie sich nicht entfremdet fühlen – weder von sich selbst noch von dem, was sie umgibt. Rosas Spielraum zeichnet sich dadurch aus, dass er Menschen einen Bereich bietet, in dem sie nicht festgelegt sind durch äußeren Druck, in dem sie handeln und auf die Welt antworten können und in dem sie sich dadurch frei von Bewertung entwickeln können.

Van Hamme betont den Unterschied zwischen Handeln und Vollziehen. «Mir geht es darum, den Jugendlichen einen Raum zu schaffen, in dem sie sich wirklich erleben können. Keinen, der bloß in der Theorie besteht, sondern einen, in dem sie wirklich gefragt und wirksam sind. In dem sie frei handeln können, anstatt vorgegebene Aufgaben zu erfüllen. Zu so einem Raum gehören auch Fehler, Streit und echte Gewissensbisse. So verstehe ich auch Rosa.»

Wir in den Pyrenäen


Praktisch bedeutet das, dass van Hamme in ihrem Unterricht auf Spiele setzt. Auf ein Planspiel etwa, das als Praxisbaustein zum Demokratielernen entwickelt wurde. Bei einer fiktiven Dorfgründung erwerben die Teilnehmenden einen verlassenen Ort in den Pyrenäen von Südfrankreich und formen dort eine neue Gemeinschaft. Sie treffen Entscheidungen über ihr Zusammenleben, die Arbeit und das Verteilen von Ressourcen. Dabei simulieren sie eine soziale Struktur mit unterschiedlichen Einkommensverhältnissen, die angelehnt ist an die Gegenwart in Deutschland.

Die Schüler:innen sollen sich in Situationen wiederfinden, die sie in ihrem Alltag nicht haben. Für die sie keine bewährten Muster kennen. Sie sind herausgefordert, sich zu einer neuen Situation irgendwie zu verhalten. Sie dürfen sich ausprobieren und scheitern und einen Weg finden, mit diesem Scheitern umzugehen. Dadurch entdecken sie sich Stück für Stück selbst und kommen ihrem Ich mehr und mehr auf die Spur. «Anfangs versuchen viele, einen Transfer zu machen von hier nach da. Sie denken innerhalb des Bekannten und Gewohnten und wollen das übertragen oder gar überstülpen. Mit der Zeit aber werden sie freier im Kopf, können loslassen und kommen auf ganz andere Ideen», fasst Lehrerin van Hamme ihre Beobachtungen zusammen.

Über Fächergrenzen hinweg


In Rollenspielen könnten introvertierte Schüler:innen erleben, wie es sich anfühlt, radikal zu sein – und umgekehrt. Deshalb hat auch diese Art Spiel einen Platz im Unterricht von van Hamme. So stellen die Jugendlichen etwa Gerichtsverhandlungen nach oder halten Talkshows ab. Dinge, bei denen sie gefragt sind, eine andere Perspektive einzunehmen, Empathie zu entwickeln oder ein Urteil zu bilden. Das braucht als Grundlage in der Regel Sachkenntnis und auf diese Weise wird quasi nebenbei eine Menge Wissen vermittelt. Ganz automatisch würden dabei oft mehrere Fächer abgedeckt. «Wer nach Formen des Zusammenlebens und einem möglichen Rechtsrahmen dafür sucht, tut zum Beispiel gut daran, unterschiedliche politische Systeme zu kennen; ihre Entstehung und ihre Schwierigkeiten in der Geschichte verorten zu können; mit den Ideen und Zweifeln der Philosoph:innen vertraut zu sein, und zu wissen, welche Werke der Literatur dieses Thema bereits behandelt haben», führt van Hamme aus. Sie unterrichtet deshalb gern über Fächergrenzen hinweg und plädiert auch im Kollegium immer wieder dafür, das häufiger zu tun. Es würde den Schüler:innen ein weit größeres Kohärenzempfinden ermöglichen.

Unterricht als Kunst


Der Rahmen, in dem all das stattfindet, muss sicher sein und frei von jeglicher Bewertung. Spielsequenzen werden bei van Hamme deshalb niemals benotet. Denn über allem steht: «Du darfst sein, wer du bist – auch wenn du noch gar nichts davon ahnst.»

Warum Identitätsbildung ihr so wichtig ist? Ehe sie vor 13 Jahren Lehrerin wurde, hat van Hamme beim Fernsehen gearbeitet und tagein, tagaus Dinge getan, mit denen sie sich innerlich nicht verbinden konnte. Das hat sie unglücklich gemacht. Sie ist aber zutiefst davon überzeugt: «Wenn ich selbst integer bin, weil ich die Wahl hatte, wer ich sein möchte, habe ich keinen Grund, andere für das zu hassen, was sie sind. Meine bewusste Entscheidung entzieht dem die Grundlage.»

Unterricht betrachtet van Hamme im Sinne von Joseph Beuys als Kunst. Sie soll dazu beitragen, in jungen Menschen das Vertrauen wachsen zu lassen, in einer komplexen Welt handlungsfähig zu sein und so zu einer lebendigen Demokratie beitragen. 

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