Ausgabe 01-02/26

Stimmen austreiben und Schafe piercen

Veronika Köster

Zu den Aufgaben der Autorin auf der Farm gehörte es auch, Schafe zu zählen und Lämmer zu «piercen.»

Es ist ein strahlender Morgen und ich bin leider schon zu spät aus dem Haus gekommen. Ich fahre mit meinem Fahrrad scharf rechts an den Gänsen vorbei und erreiche die Scheune. Dort verlangsame ich, um ohne abzusteigen an den Schubkarren, Futtersäcken und Gattern vorbeizukommen, zwischen denen es nur schmale Gassen gibt, in denen meistens noch Hühner, Gänse oder Hunde herumlaufen.

Katzenfutter und Kopfgewitter
 

Heute früh kommt Jane durch den Gang auf mich zu, einen Teller mit Katzenfutter in der Hand und man sieht sofort, dass sie heute keinen guten Tag hat. «I don´t like my f***ing self», ruft sie mir entgegen und ich atme tief durch, konzentriere mich darauf, nichts Falsches zu sagen, nichts, das die böse Stimme in ihrem Kopf triggern oder provozieren könnte. Jane hat Schizophrenie und muss sich ständig schreckliche Dinge über sich selbst anhören, weil die Stimme in ihrem Kopf ihr keine Ruhe gibt. «Good morning Jane», sage ich betont fröhlich und zeige dann hinter mich auf den Stapel Futtersäcke, auf dem beide Hofkatzen erwartungsvoll in unsere Richtung sehen. «Schau mal, die Katzen freuen sich schon auf dich!» Ein wenig beschwichtigt schaut Jane zu Boden, sie liebt Katzen sehr. «Yeah», sagt sie, schaut mich dann aber wieder an und fragt fast schon etwas gehetzt: «Man kann nicht immer glücklich sein. Oder?» «Nein, Jane, nicht immer. Aber man kann immer versuchen, sich auf die guten Dinge zu konzentrieren, wie zum Beispiel die Katzen.» Ich lächele sie aufmunternd an. «Sie lieben dich, schau mal, möchtest du sie füttern gehen?» Jane antwortet nicht und stapft an mir vorbei, heute ist einer der Tage, an denen die guten Worte einfach an ihr abperlen, ihr Kopf ist lauter.

Was ist heute dran?
 

Ich stehe wenig später vor dem Whiteboard, das uns die Aufgaben für heute Morgen verrät. Ich soll die Hühner aus dem Stall lassen und sie füttern. Also hole ich einen Sack Futter und mache mich auf den Weg. Kurz vor dem Tor, das zur Schweineweide, dem Firpond führt, wo ich hin will, begegne ich Joleen, einer neuen Kollegin. Sie sieht etwas unschlüssig aus, kommt auf mich zu und fragt: «Hey, Jesse hat mir gesagt, ich soll einfach mit Gerald mitgehen, weißt du, wo er hingegangen ist?»

«Ich hab ihn eben noch in der Scheune gesehen, aber da wollte er gerade los, um die Lämmer zu füttern.» Ich gehe ein paar Schritte weiter, wo man unter der Fußgängerbrücke hindurch auf das Roundabout sehen kann. «Ja schau mal, da ist er mit der Schubkarre.» Nach der Teepause schlage ich vor: «Wie wäre es, wenn du, Gerald, mit Hannes und Jacob den Kuhstall weiter einstreust? Und dann könntest du später mit Phil zusammen eine der Delivery-Routen machen, ist das gut?» Die drei nicken und ich fahre fort: «Super, danke! Dann kann ich dir, Joleen, zeigen, wo der Gänsestall ist und du könntest ihn ausmisten?» «Allright», antwortet sie. Um kurz nach zwölf gehen wir alle in unsere Häuser zum Mittagessen. Cillian ist heute mit dem Kochen dran gewesen und er ist ein hervorragender Koch, deshalb bin ich voller Vorfreude, als ich das Essen schon bis in den Flur riechen kann. Nach dem Essen treffen wir uns zum Coworker-Meeting, der Betreuer:innen-Besprechung, die jeden Montag in der Mittagspause stattfindet. 

Von wegen Schäfchen zählen
 

Am Nachmittag zurück auf der Farm erzählt mir Kylie, dass wir heute Schafe zählen und Lämmer markieren gehen. Wir fahren also alle mit dem Truck raus – Jesse, Kylie, Gerald, Mike, Jacob und ich. Kylie muss im Laderaum sitzen, weil es im Auto nur fünf Plätze gibt, und die Hündin Storm sitzt bei uns auf dem Schoß. Auf den Schafweiden im Nachbarort angekommen, teilt Jesse uns in Teams ein und schickt uns los, um die Schafe zusammenzutreiben. Als wir den letzten Wiesenabschnitt erreichen, kommt Storm uns entgegen, um zu helfen, indem sie die Schafe bellend von hinten antreibt. Während die Herde vorher aber langsam vor uns hergelaufen ist, versetzt Storm sie in so viel Stress, dass die Schafe anfangen zu rennen, was kontraproduktiv ist, da wir sie durch das schmale Tor in Richtung prattleys lotsen wollen, wo sie bei dem Tempo aber nicht alle auf einmal durchpassen. Deshalb fangen sie an, auszuweichen. Ich versuche Storm zurückzurufen, aber sie ist zu sehr mit ihrer Mission beschäftigt. Eigentlich wollten wir nicht rennen, aber von unserer Position aus, weit hinter der Herde, können wir nichts ausrichten. Also fange ich doch an zu laufen, und zwar von links in einem leichten Bogen um die Schafe herum nach rechts. So treibe ich sie zum Tor. Es funktioniert tatsächlich und wir können nach kurzer Zeit das Gatter hinter uns schließen und alle Schafe auf dem schmalen Streifen Wiese neben der großen Weide vorwärtstreiben. Unser Ziel für den heutigen Tag ist es, alle Lämmer mit Ohrmarken zu versehen und alle Schafe digital in ein neues System einzutragen. Jesse hat den Scanner in der Hand, um so viele Tiere, die zur selben Zeit in die Gasse passen, einzuscannen. Zwischendurch sieht er sich die Lämmer an und entscheidet, welche er zur Zucht behält, welche vorerst noch bei der Herde bleiben und welche beim nächsten Mal geschlachtet werden. Kylie und ich haben jeweils eine Art Zange in der Hand, mit der wir den Lämmern Ohrmarken in die Ohren stanzen. Ich habe den Dreh mit dem Gerät zwar bald raus, tue vorher aber einigen Lämmern aus Versehen mehr weh als nötig, was mir jedes Mal leidtut.

Ich genieße die Arbeit. Das Wetter ist schön, ich fühle mich nützlich und es ist toll, mit den Tieren zu arbeiten und etwas zu tun zu haben, das so lange dauert, dass ich mich daheim vom Essen entschuldigen muss. Eine richtige Arbeit, die sich so viel echter anfühlt, als den ganzen Tag in der Schule zu sitzen. 

 

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.