Ausgabe 01-02/24

Stroh, Holz und Beton

Heidi Käfer
Heidi Käfer

Erziehungskunst | Was ist die Handschrift von Mono-Architekten? Erkennt man Ihre Gebäude wieder, wenn man vor ihnen steht?
Daniel Schilp | Das würde ich nicht unbedingt sagen. Aber die Werte, die wir versuchen, in Häuser zu tragen, zeichnen in unseren Augen Architektur aus. Natürlich ist jeder von uns geprägt von unserem eigenen Interesse und den Orten, an denen wir gelernt haben. Aber es kommt immer auf die Aufgabe, das Budget, die Auftraggeber:innen und den Ort an.
Jonas Greubel | Uns macht die Vielfalt aus. Wir beantworten eben nicht mit einer Formensprache und einem Material alle Fragen, sondern jedes Projekt ist individuell.
DS | Material ist da ein wichtiger Punkt. Wir versuchen stets mit natürlichen Materialen ehrlich zu arbeiten, das bedeutet für uns zum Beispiel, keine farbigen Lacke zu benutzen, sondern Öle oder wenn wir mit Lehmputz arbeiten, nicht am Ende Farbe aufzutragen, sondern wir arbeiten direkt mit pigmentiertem Putz. Oder dass etwa eine Holzfassade verwittern darf, ist absolut gewollt.

EK | Was beschäftigt Sie gerade?
DS | Im Moment treibt uns das Bauen mit Stroh wieder um. Vor zehn Jahren haben wir ein Einfamilienhaus mit Musikstudio in Strohballenbauweise gebaut. Unser zweites Stroh-Projekt ist der erste Baustein für den neuen Schulcampus der Freien Waldorfschule in Konstanz, der 13 Klassen beherbergen wird. Da sprechen wir über ein ganz anderes Volumen und sehr hohe Brandschutzverordnungen. Da gehen wir an die Grenzen des derzeit technisch und rechtlich machbaren und müssen auch immer wieder die Auftraggeber:innen loben, die da so offen mitgehen. Das ist auch ein Alleinstellungsmerkmal der Waldorfschulen, die legen Mut an den Tag. Bei einer staatlichen Institution ist das viel weniger möglich, weil da andere Investitionsprioritäten im Vordergrund stehen und Vorschriften und Richtlinien weniger verhandelbar sind.
JG | Wir besinnen uns gerne auf Arbeits- und Bauweisen zurück, die heute teilweise vergessen sind. In vielen Städten wird gerade so gebaut und saniert, dass die hohen Dämmstandards mit Dämmstoffen realisiert werden, die der Sondermüll von morgen sind. Und das braucht es meist gar nicht. Viele öffentliche Schulbauprojekte können sich über den geforderten Technikwahnsinn, Lüftungsanlagen und Überwachung fast nicht hinwegsetzen, die haben eine Schulbaurichtlinie, die sie befolgen müssen. Und wenn ein freier Träger dann sagt: «Wir können doch mal das Fenster aufmachen, wenn wir lüften wollen», dann ist das eine Möglichkeit, die viele andere Schulen gar nicht mehr haben. Und dieser Ansatz, der aus dem Pädagogischen kommt, eine Wahrnehmung für die Umwelt haben zu wollen, und mitzukriegen, wann es Zeit ist zu lüften, ist auch eine Bewusstseinsfrage.
DS | Womit wir noch nie gebaut haben und womit wir jetzt angefangen haben, ist ein Haus mit Backstein. Das ist ein Projekt in Düsseldorf am Hauptbahnhof. Ein Hochhaus soll da entstehen, daran arbeiten wir seit letztem Sommer.

EK | Nochmal zurück zu Bauprojekten für Waldorfschulen und -kindergärten: Gibt es da auch eine Rückbesinnung auf das, was klassischerweise Waldorf-Architektur ausmacht? Gibt es da eine gewisse gestalterische Erwartung?
DS | Spannende Frage! Meine bestätigte Erfahrung ist schon, dass durchrationalisierte rechteckige Kisten keinen großen Anklang finden. Dennoch hängt es immer davon ab, wer im Baukreis sitzt. Es ist aber sehr reizvoll, daran zu arbeiten, andere Formen zu finden als den rechten Winkel. Dennoch hat er als strukturgebendes Element seine Berechtigung. Wir sehen einen absoluten Mehrwert darin, wenn da eine Geste durch ein Gebäude bis hin zum Freiraum entstehen kann. Es macht was mit einem Menschen, wenn ein langer Flur nicht geradlinig monoton ist, sondern in seiner räumlichen Ausdehnung atmet.
JG | Insgesamt gibt es schon eine Grundlinie, die Bauweise und das Material ökologisch zu gestalten. In der Waldorfwelt war dieser Anspruch immer gegeben. Natürlich gab es auch bei den Anthroposoph:innen irgendwann «Betonmonster», aber die waren mit die ersten, die auf Holz umgestiegen sind und den Schritt in andere Bauweisen und -stile gingen. Wenn es um Nachhaltigkeitsthemen geht, waren sie immer vorne dabei, und nicht, weil das von außen vorgeschrieben oder im Trend ist, sondern, weil es aus ihrem Wertekanon hervorgeht.

EK | Beim Bau von Waldorfschulen haben Sie es mit Baukreisen, bestehend aus mehreren Personen, zu tun. Sorgt das nicht für Zündstoff bei so vielen Beteiligten?
DS | Es gibt einen Unterschied zwischen einem Bauprojekt, das von Geldern aus der Kommune oder einem Konzern bezahlt wird, und dem Bau eines privaten Einfamilienhauses. Bei letzterem treffen zwei sehr richtungsweisende Menschen zusammen, das hat eine viel größere emotionale Tragweite. Eine Waldorfschule als Bauprojekt liegt da irgendwie dazwischen, dennoch gleicht es einem privaten Familienprojekt – die Gelder kommen aus dem eigenen Verein und es soll eine Schule für die eigenen Kinder entstehen.
JG | Wenn man aber grundsätzlich im Dialog arbeitet und verschiedene Varianten mit der Bauherrschaft entwickelt, ist das was sehr Schönes und wir konnten uns immer auf eine Art Schwarmintelligenz verlassen.

EK | Welche Dinge sind Ihnen wichtig, wenn Sie heute eine Schule bauen?
JG | Der Blick auf das Innen und Außen bei einem Grundstück ist uns wichtig. Ich denke da gerade an den Schulcampus der Freien Waldorfschule Konstanz. Deren Verein hat ein sehr ungewöhnliches Grundstück gekauft, mitten im Industriegebiet. Wie denkt man einen gesamten Schulcampus neu und vor allem in einem an sich nicht schul-affinen Umfeld? Wie verhalte ich mich zur Nachbarschaft? Grenze ich mich ab oder öffne ich mich? Statt einem Schulhaus in der Mitte und Freiräumen nach außen, die zur Umgebung exponiert sind, ging die Entscheidung hin zu einer freien Fläche in der Mitte, um die herum eine Campusstruktur mit vielen Bauabschnitten entsteht, die das Schulgeschehen nach außen abgrenzt. Städtebaulich fügt sich der Campus in die vorhandene Struktur durch eine Orthogonalität nach außen ein. Nach innen wird er offener und freier in der Gestaltsprache. Und so haben wir ein Zentrum, was den Freiraum definiert beziehungsweise ist der Freiraum das Herz der Schule.
Das Gespräch führte Heidi Käfer.

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